Band 253, 2018, Titel: Vom Sinn der Kunst, S. 42

Vom Sinn der Kunst

Wozu Kunst? Was kann Kunst? Wie denkt Kunst?
herausgegeben von Paolo Bianchi

In dem persischen Märchen „Die drei Prinzen aus Serendip“ (ein alter Name für das heutige Sri Lanka) stoßen die drei Königskinder durch eine Kombination aus Zufall, Spürsinn, Glück und Weisheit auf Dinge, die sie eigentlich gar nicht gesucht haben. Durch „Serendipity“ – dem zufälligen und unerwarteten Entdecken von etwas ursprünglich nicht Gesuchten- lösen sie verzwickte Rätsel, bewahren Menschen vor dem Tod und führen Liebende zusammen. Ein ähnliches Finderglück ist vonnöten, wenn es den „Sinn der Kunst“ aufzuspüren gilt. Dieser hält sein Potenzial in einer zunächst beiläufig anmutenden Wahrnehmung oder Begegnung geborgen, bevor er sich mit einem entsprechenden Maß an Offenheit in etwas Besonderes und Beglückendes verwandelt.  

Der Gastherausgeber Paolo Bianchi geht in seinem Essay nicht nur den „Kunstsinn“ suchen, sondern er wird auch fündig. Er plädiert dafür, dass unsere Welterfahrungslust porös sein könnte wie ein Schwamm, damit Bewertungen und Perspektiven sich verändern und verflüssigen können. So ließe sich etwa durch Synarchie, Transsensualität und Serendipität unser Empfindungsraum ausweiten und unser Sinneskosmos ausdifferenzieren. In ihrer Doppelrolle als Künstlerin und Kunstwissenschaftlerin fragt Marion Strunk ohne Umschweife: Was kann denn die Kunst überhaupt? Ihre Gedanken dazu strukturieren sich in neun Strategien. Beginnend mit dem von Joseph Beuys formulierten Aufruf: Jeder Mensch ist kreativ und kann ein Künstler sein, wenn er die ständige Konfrontation mit dem eigenen Ich riskiert. Und endend mit einer Ästhetik des Widerstands, die sich als Erfahrungsraum für das Empfinden manifestiert. Der Text des Medienphilosophen Dieter Mersch wirft das Problem auf: Wie denkt die Kunst, wie „argumentiert“ ein Kunstwerk? Diese Frage weist über das Subjekt hinaus auf die Sache selbst. Von Bedeutung ist weniger, wie Künstler/innen denken, sondern vielmehr, wie die Flucht aus dem Mythos vom Künstler gelingen kann.  

Von diesen kulturtheoretischen Positionen führt der Weg weiter zu Gesprächen mit Kunstvermittlern: Welche Form von Wissen vermittelt sich mit und durch Kunst? Wie kommt es zu einer ganz eigensinnig ästhetischen Wissensproduktion, zu Darstellungen eines Topos von „Weisheit“? Der Dialog mit der Kunsttheorie-Lehrstuhlinhaberin und Kuratorin Karen van den Berg nimmt Schlüsselbegriffe wie Künstliche Intelligenz, Serendipität und Schönheit in einen diskursiven Blick. Geschrieben wird darüber, wie Niklas Luhmann als „Genie der Gesellschaftstheorie“ den Kunstbegriff entmystifizierte, darüber, dass künstlerische Praxis uns mit ihrer Wucht abgründiger Erfahrungen überzeugen kann und sich in der Kunst gegenwärtig ein neuer Realismus abzeichnet. Der unorthodoxe Künstler-Philosoph Gerhard Johann Lischka hat aus dem kreativen Prozess eines halbstündigen Selbstgesprächs ein „Mind Art“-Manifest generiert, in dem es heißt: „Innerhalb der Idee der Gesamtheit ist die Kunst der Garant des Fließens der Gedanken in Freiheit.“ Beim Generalisten und Synkretisten Bazon Brock ereignet sich Freiheit bei einem Spaziergang als eine Handlung ohne Zeitdruck und Gehetztsein: „Spazierengehen außerhalb des Geheges heißt: ein Genießen der Freiheit.“ Aus der Sicht eines Künstlers ohne Werk spricht er über 16 lebenspraktische Prinzipien. Das Heft endet mit den Stimmen von Philosophen im Feld der Ästhetik: Wolfgang Welsch, Mirjam Schaub, Alexander García Düttmann und Hans Ulrich Reck entwerfen einen klugen und kritischen Argumentationsbogen über Sinn und Bedeutung von Kunst.  

Der bekannte Vertreter der Reformpädagogik Herman Nohl hielt 1946 den Vortrag „Vom Sinn der Kunst“ anlässlich einer Kunstwoche im Celler Schloss. Gleich im ersten Satz bemerkte er, dass die Frage nach dem Sinn der Kunst, als ein Zeichen für ein gestörtes Verhältnis zu ihr zu deuten sei. Unsere Quintessenz ist dezidiert hoffnungsreicher. Deutlich wird, dass der Mensch die Fülle und den Sinn des Lebens nicht ohne seine leiblichen Sinne erfahren kann. Mit Nachdruck ist deshalb die Frage zu stellen: Was kann die Kunst zu einer lebendigen Sinnlichkeit und zeitgemäßen Sinnperspektive beitragen?  

Autor
Paolo Bianchi

* 1960, Baden, Schweiz

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