Band 251, 2017, Gespräche mit Künstlern, S. 182

Hans Op de Beeck

Die eigene Stimme finden

von Michael Stoeber

Für seine in diesem Herbst zu Ende gegangene Ausstellung „Out of the Ordinary“ hatte Hans Op de Beeck im Kunstmuseum Wolfsburg auf 2200 Quadratmetern eine nächtliche Stadt aufbauen lassen. Bei ihrer Erkundung glaubte der Betrachter, in einem Traum und Alptraum zugleich zu sein. Gemischte Gefühle, wie sie das Publikum bei der Betrachtung der Arbeiten des belgischen Multimedia-Künstlers nicht selten erlebt. Die Stadt im Museum präsentierte sich dabei als grandiose Kunstkammer für nur einen Künstler und zeigte seine Werke in retrospektiver Weise. Von der frühen Raumarbeit „Location I“ über die Installation „The Collector’s House“ bis hin zum Gesamtkunstwerk „Sea of Tranquility“. Michael Stoeber hat mit Hans Op de Beeck über die sensationelle Schau gesprochen. Aber auch über ihn prägende Erfahrungen in seiner Kindheit, sein Leben als Familienvater, warum er Künstler geworden ist, was er unter Kunst versteht und welche Bedeutung sie für ihn hat.  

Michael Stoeber: Auf der diesjährigen Biennale in Venedig leitet Christine Macel ihre epische Ausstellungserzählung über die zeitgenössische Kunst mit einem Kapitel über künstlerische Schaffensprozesse ein. Was motiviert Sie zu künstlerischer Arbeit?  

Hans Op de Beeck:Ich gehe von ganz alltäglichen Erlebnissen und Erfahrungen aus. Und dann versuche ich, für sie Bilder zu finden, die universell gültig sind.  

Wie habe ich mir das vorzustellen?  

Wissen Sie, ich werde oft nach meinen Vorbildern gefragt. Sicher gibt es Künstler, die ich sehr schätze und liebe wie die Coen Brüder und ihre Filme oder Raymond Carver und seine Erzählungen oder Peter Doig und seine Bilder. Aber ich sage immer, als Künstler muss man auf sein eigenes Leben schauen und von ihm ausgehen. Meine Themen sind häufig ganz banale Dinge. Die versuche ich zu Bildern zu formen, in denen sich der Betrachter wiederfindet.  

Sie arbeiten dabei in sehr unterschiedlichen Medien.  

Ja, aber ob ich nun eine Installation entwerfe, eine Zeichnung anfertige, eine Musik komponiere oder ein Theaterstück schreibe und inszeniere, stets bin ich dabei mein erster Betrachter und immer geht es mir darum, hinter dem Anekdotischen und Alltäglichen eine tiefere, allgemeingültige Wahrheit aufscheinen zu lassen.  

Wie hat Ihr Elternhaus Ihre Karriere als Künstler beeinflusst?  

Oh, ich komme aus sehr schwierigen familiären Verhältnissen. Mein Vater litt unter einer schweren bipolaren Störung, meine Mutter war bitter und verschlossen und ich ein schüchternes und stilles Kind. Um meinem Elternhaus zu entfliehen, zog ich mich in die Welt der Comic Books zurück. Ich las sie nicht nur, sondern zeichnete auch selbst Comics. Das ist der Ursprung meiner künstlerischen Karriere: der Versuch, eine fiktionale Welt zu erschaffen, in der sich gleichwohl Echos der erlebten finden.  

Vielleicht bin ich ein so detailverliebter Manierist, weil ich genau der sein will.

Und wie war es für Sie auf der Kunstakademie?  

Da hatte ich Lehrer, die im Geist der Minimal Art lebten und lehrten. Denen war ich immer zu barock. Sie wollten, dass ich reduzierter arbeite. Ich habe es versucht. Aber irgendwann gab ich es auf und dachte: Vielleicht bin ich ein so detailverliebter Manierist, weil ich genau der sein will.  

Heute unterrichten Sie selbst an Kunstakademien in ganz Europa. Wie machen Sie es?  

Ich versuche, die Studierenden zu ermutigen, konsequent und hartnäckig ihre eigene Stimme zu finden und ihr zu folgen. Wenn ich von mir sage, dass ich viele meiner Bilder intuitiv finde, glauben manche, ich sei kein intellektueller Künstler. Aber sich bei seinem Werk nicht auf tausende von Kunstphilosophen zu berufen, heißt nicht, dass die eigne Arbeit simpel ist. Das Wichtigste ist herauszufinden, wer man ist, und dieses Wissen für sich zu nutzen.  

Sind Sie ein melancholischer Mensch? Dein Eindruck habe ich, wenn ich auf Ihre Werke schaue.  

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Autor
Michael Stoeber

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Hans Op de Beeck

* 1969, Turnhout, Belgien

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Peter Doig

* 1959, Edinburgh, Grossbritanien

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Jackson Pollock

* 1912, Cody, Verein. Staaten; † 1956 in Springs-East Hampton, Verein. Staaten

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Marcel Proust

* 1871, Auteuil, Frankreich; † 1922 in Paris, Frankreich

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