Band 251, 2017, Titel: III. Museumskritik: Künstlerinnen und Künstler im Gespräch, S. 146

Museumsabfall

Das Material der Kunst als Kunst Ein Gespräch mit what remains gallery

von Heinz Schütz

Mit dem Einzug von architekturbezogenen, orts- und kontextspezifischen Installationen ins Museum und mit performativen Veranstaltungen hat sich nicht nur die Museumspraxis, sondern auch die Wahrnehmung der Kunst verändert. Installationen werden meist als temporäres Ereignis präsentiert und selbst für sich stehende materiale Objekte und Bilder werden im Bedeutungskontext temporärer Ausstellungen und Hängungen wahrgenommen. Vor dieser Folie stellt what remains gallery die Frage nach der Bedeutung des Kunstmaterials und der Bedeutungsgenerierung. Als künstlerisches Konzept und praktisch agierende aber fiktive Gegeninstitution, unternimmt what remains gallery den Versuch, die Definitionsmacht bestehender Institutionen zu konterkarieren.  

Heinz Schütz: Geht man davon aus, dass die klassischen Hauptaufgaben des Museums nicht zuletzt im Sammeln und Bewahren bestehen, tritt what remains gallery gewissermaßen in Konkurrenz zum Museum. Dabei konzentriert sie sich nicht auf die Kunst, die das Museum sammelt und aufbewahrt, sondern sie wendet sich immer wieder dem Material zu, das nach der Präsentation und Installation von Kunst als Abfall zur Entsorgung bestimmt ist.  

Christian Landspersky: Museen zeigen immer wieder temporäre und ortsbezogene Installationen, die nach einiger Zeit abgebaut werden. Was übrig bleibt sind diverse Rückstände von Material und unaktivierte Kunst. Die Museen und Archive müssen also entscheiden, ob überhaupt etwas davon ins Depot soll. Ausschlaggebend dabei ist, welches Material zur Rekonstruktion einer Installation verwendet werden kann, falls dies überhaupt gewünscht wird, oder welches Material als Projektionsfläche für den ehemaligen Kontext funktioniert und quasi Geschichte repräsentiert.  

René Landspersky: Im Umgang mit den übrig gebliebenen Werkstoffen merkten wir, dass das Material nicht nur einfach Material ist, sondern aufgrund seiner Herkunft mit Bedeutungen aufgeladen ist und von da ab versuchten wir mit dieser Restbedeutung, die den Museumsabfällen anhaftet, zu arbeiten und sie herauszukristallisieren.  

Je bekannter die Künstlerin oder der Künstler der Relikte ist, desto aufgeladener ist das Material.  

R. Landsperky: Ja, es geht genau um diese Aufladungen und Projektionen, die auf ein Material einwirken. Wir versuchen das Material so auszuwählen, dass möglichst signifikante Projektionen entstehen. Das Material muss als Stimulus dienen können, so dass etwa ein Buchstabe als ein Buchstabe von Lawrence Weiner dechiffriert werden kann, um seiner Vorstellung von Kunst gerecht zu werden und um den Blick auf sein Werk zu erweitern.  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
What Remains Gallery

* , München, Deutschland

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Tobias Rehberger

* 1966, Esslingen, Deutschland

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Lawrence Weiner

* 1942, New York, Verein. Staaten

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Ai Weiwei

* 1957, Peking, Volksrep. China

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Christian Philipp Müller

* 1957, Biel, Schweiz

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