Band 250, 2017, Titel: Ressource Kreativität, S. 68

Die Ressource Kreativität aktivieren

Anstiftungen zum Querdenken und ein Versuch über das Despoten-Konzept

von Paolo Bianchi

Eine „echte“ Anstiftung zum Querdenken braucht das Ausschweifende, das krumm Geratene, sie meidet die zielstrebige Gradlinigkeit und führt über irritierende Umwege. Sie ist ein Akt und keine Sache. Oft bedeutet sie nur einen kleinen Schritt vom Tagtraum zur Denkaktion. Sie öffnet das Display für Gefühl, Gestalt und Gehalt. Sie kuratiert Kreativitätstechniken, Thesen und Theoreme. Sie sensibilisiert für den Aspekt der hemmenden Selbstfesselung in der Intensivierung von Tun und Können. Sie aktiviert vernachlässigte Ressourcen zu einer Gestaltungskraft, umgeht Gewohnheiten, um frei zu sein für neue Blicke und Erfahrungen. Jedes unvorhergesehene Erlebnis schließt einen neuen Erfahrungsraum in uns auf. Die Routinen der inneren und äußeren Abläufe geraten in den Prozess einer Transformation, in dem etablierte Verhaltensweisen durch Subversion erschüttert werden. So entstehen Momente der Offenheit für Abweichungen, für Ungeplantes und bislang Unverfügbares, genährt aus den Quellen unbewusster Kräfte. Querdenken fungiert als Balanceakt zwischen Rast und Spurt.  

Vermögen, Norm, Telos, Kompetenz

„Kreativität“ ist ein Synonym für Querdenken, auch divergentes Denken genannt, das qualifiziert ist, fortwährend schematische Konstellationen von Erfahrung zu durchbrechen. „Kreativ“ ist ein Bewusstsein, das ständig in Bewegung ist, immer wieder Fragen stellt, dort Probleme aufspürt, wo andere sich mit scheinbar klaren Antworten zufriedenstellen lassen. Es bevorzugt ungeschützte, freifließende Zustände, wo ein konventionelles Denken eine bedrohliche Gefahr wittert. Es befähigt zu selbständigen und von äußeren Einflüssen unabhängigen Urteilen. Es negiert den kodifizierten Kanon, rückt Dinge wie Begriffe zurecht, ohne dass sich konformistische Auffassungen in den Weg stellen könnten. All das bildet sich im genuin kreativen Prozess ab. Diesem ist zumeist ein spielerischer Charakter immanent; selbst wenn es sich um „strenge Mathematik“ handelt.  

In letzter Konsequenz haben alle Menschen das Potenzial zur „Kreativität“, vorausgesetzt, dass sie nicht in eine repressive und autoritäre Gesellschaft, Familie oder Schule gezwungen werden. Eine Erziehung zur „Kreativität“ ist möglich. Hierbei unterstützt ein kritisches und schöpferisches Denken den Fortbestand unserer Welt, obwohl es gerade immer wieder jene „kreativen“ Erkenntnisse und Erfindungen waren und sind, welche die Menschheit an die Grenzen der Wahrscheinlichkeit ihrer Selbstauslöschung gebracht haben oder bringen. (Vgl. in diesem Heft mehr dazu im Beitrag von Thomas Macho)  

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Autor
Paolo Bianchi

* 1960, Baden, Schweiz

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* 1935, Neapel, Italien

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