Band 248, 2017, Ausstellungen: Berlin, S. 522

Hiwa K 

Don’t Shrink Me to the Size of a Bullet
KW Institute of Contemporary Art 02.06. – 13.08.2017
von Claudia Wahjudi

Wer darauf wartet, dass auch einmal der Name einer Denkerin fällt, vielleicht der von Simone de Beauvoir, braucht Geduld. In der neuen Arbeit von Hiwa K, Höhepunkt seiner Ausstellung zum Kunstpreis 2016 der Schering Stiftung in den Kunst-Werken (KW), sprechen Männer über Männer: Kurdische Intellektuelle erinnern sich an europäische Autoren, die sie lasen, als sie jung waren, an Heidegger, Sartre und Camus. Die Männer sind nicht mehr jung. Einige leben im Exil. Es ist dann ein Wissenschaftler in Großbritannien, der Beauvoir nennt, ausgerechnet er, der Philosophie inzwischen für ungeeignet hält, politische Konflikte zu lösen.  

All die Zeitzeugen erscheinen auf 16 Monitoren, die in vier Reihen zu vier Apparaten aufeinander gestapelt sind. „The Existentialist Scene in Kurdistan (Raw Materiality 01)“, 2017, erweist sich als Speicher mündlich überlieferter Geistesgeschichte. Zudem stellt die Installation Methoden des Künstlers vor. Hiwa K, 1975 in Sulaymaniyah, Irak, geboren, arbeitet mit Erinnerungen, Anekdoten, er filmt, telefoniert per Skype, regt Treffen an.  

Der Berliner Künstler, der seinen Nachnamen hinter dem Kürzel K verbirgt, floh 2001 nach Europa. Szenen der neuen Arbeit führen in seine Geburtsstadt, die sich seitdem stark verändert haben muss. So erinnert der Philosoph und Publizist Bakir Ali in einer Einkaufspassage daran, dass sich hier jene Bibliothek befand, in der Ali mit Freunden europäische Autoren las. Ein zweiter Mann kommentiert vor Rohbauten von Hochhäusern die Privatisierung des öffentlichen Lebens unter dem Einfluss der USA. Eine dritte Sequenz zeigt Hiwa Ks Skype-Interview mit dem emigrierten Philosophen Muhammad Kamal in Australien. Die Beispiele dokumentieren einen intellektuellen Exodus. Zugleich bilden sie ein diskursives Mosaik zum Begriff der Freiheit: als unfreiwillige Bindungslosigkeit, als Chance auf Verantwortung oder Element der neoliberalen Ideologie.  

„Hiwa K: Don’t Shrink me to the Size of a Bullet“, wie die von KW-Direktor Krist Gruijthuijsen kuratierte Werkschau heißt, umfasst neun Arbeiten und rund zehn Jahre. 2018 soll sie in Gent zu sehen sein. Kleinere performativere Arbeiten klammert sie aus, etwa Aufzeichnungen von Hiwa Ks Musik-Sessions oder von den Kochübungen, während der seine Mutter via Skype Rezepte übermittelt. Auch die Plastiken aus Musikinstrumenten fehlen. Nur der abwechslungsreiche Katalog bildet diese Vielfalt ab: in Englisch und Arabisch, vielen Foto- und Videostill-Reihen, mit Anekdoten und Erinnerungen von Hiwa K.  

Die Werkschau konzentriert sich also auf Installationen und Filme. Viele verhandeln auch das Zusammenspiel äußerer und innerer Zustände in Hiwa Ks Leben. So zeigt der Kurzfilm „Pre-Image (Porto)“ von 2014, wie der Künstler vorsichtig die Treppen eines alten Gebäudes emporsteigt. Hoch konzentriert balanciert er auf seiner Stirn ein selbstgebasteltes Periskop aus Motorradspiegeln. In ihnen kann er die Welt von oben sehen – aus einer Perspektive, die auf seiner Flucht und in Gesprächen mit Beamten, die über seinen Aufenthaltsstatus entschieden, notwendig war.  

Prominent platziert ist der Film „This Lemon tastes of Apple“ (2011). Der Titel erinnert an die Einsätze der irakischen Armee gegen kurdische Siedlungen 1988 – mit einem Giftgas, das nach süßen Äpfeln roch. Die Bilder erscheinen so groß auf der Wand, dass sich der Betrachter fast im Geschehen wähnt: Der Film hält Hiwa Ks Mundharmonika-Intervention auf einer Demonstration während des „Arabischen Frühlings“ in Sulaymaniyah fest, deren Teilnehmer ihre Augen mit Zitronensaft vor dem Tränengas zu schützen versuchten.  

Empfangen werden Besucher jedoch von „The Bell Project“ (2007 – 2014/2015), den Filmen über die Glocke aus Altmetall, die Hiwa K für die Venedig-Biennale 2015 in Auftrag gab. Luftiger präsentiert als im Arsenale, zeigen sie jetzt genau, wie die italienischen Handwerker die Glocke fertigen. Und wie im Irak ein Metallhändler über einen Schrottplatz führt, während er Hiwa K die Herkunft des Rohstoffs erläutert: alles alte Waffen, Geschosse, Militärflugzeuge, amerikanische, sowjetische, italienische, deutsche.  

Auf dem Schrottplatz arbeiten auch Kinder. Zur Schule gehe er nicht, sagt ein Waffenexperte von vielleicht zehn Jahren – eine Schlüsselszene. Lernen zieht sich als Motiv durch Hiwa Ks ganzes Werk. So weist in „The Existentialist Scene“ ein Emigrant eindringlich darauf hin, dass schwedische Schüler die Kunst des kritischen Fragens lernen würden. Und Bakir Ali ist in einem Taxi zu sehen mit einem Kofferraum voller Bücher.  

Auch Ali lebt inzwischen in Berlin. Zur Eröffnung der Ausstellung parkte er das Taxi vor den KW. Simone de Beauvoir, sagt er, kannten sie damals nicht. Die schwer erhältlichen Bücher der Franzosen kamen aus Verlagen in Kairo, die Beauvoirs Schriften nicht übersetzt hätten. Bakir Ali greift in den Kofferraum. Dort steht neben einem Buch von Judith Butler Farideh Akashe-Böhmes Klassiker „Frausein Fremdsein“. Die Existenzialisten aus Sulaymaniyah haben inzwischen Feministinnen gelesen.  

Autor
Claudia Wahjudi

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Hiwa K

* 1975, Sulaymaniyah, Irak

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