Band 248, 2017, Titel: documenta 14, S. 98

Kulturkolonialismus und Politfolklore die Zweite / Work in Progress / documenta in Beta-Version  

Nach der Eröffnung in Athen setzt die documenta 14 auch in Kassel auf partizipative und performative Formate. Auf welche Weise und warum? Ein Erklärungsversuch

von Max Glauner
 

I. Das war ein kluger Schachzug

„The Parthenon of Books“ (2017) der Argentinierin Marta Minujín mag in seiner Machart nicht jedem befriedigend erscheinen. Doch erfüllte er schon vor der Eröffnung der documenta 14 in Kassel alle Kriterien für eine Landmark der Sonderklasse. Denn der „Parthenon“ steht, prominent vor dem Museum Fridericianum auf dem Friedrichsplatz platziert, schon durch seine schiere Größe wie kein anderes Kunstwerk ikonisch für die neueste Ausgabe der Kassler documenta.  

Damit steht das Kunstwerk auch wie eine bildliche Klammer für die Austragungsorte Kassel und Athen, für das griechisch-hellenische Erbe, seine klassizistische Transformation, der Fortführung des humanistischen Erbes bis heute und seine Bedrohung durch autoritäre Regime. Auf dem Friedrichplatz hatte 1933 die Bücherverbrennung stattgefunden.  

Bereits 1983 unmittelbar nach der Argentinischen Militärdiktatur hatte die Künstlerin „El Partenón de libros“, ihren „Parthenon der Bücher“ in einer kleineren dem Athener Haupttempel auf der Akropolis maßstabsgetreu nachempfunden Version in Buenos Aires errichtet. An einem Gerüst aus Eisenstangen, das am Sockel von einer Seite von zwei Kränen angehoben wurde, befestigte sie eine Unzahl von Büchern, die während der Diktatur verboten waren. Nun sollen in Kassel 100.000 ehemals verbotene oder noch verbotene Bücher mit Plastikfolien an Säulen und Gebälk der monumentalen, in der Nacht magisch beleuchteten Konstruktion befestig werden. Noch fehlen gut 40.000 Titel, die bis zum Ende der documenta und dem Abbau von Minujíns Kunstwerk zusammen kommen sollen.  

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