Band 248, 2017, Titel: documenta 14, S. 52

Von Kassel nach Athen und rund um den Globus

Ein Versuch, Adam Szymczyk zu verstehen

von Heinz-Norbert Jocks

Kaum ein früherer künstlerischer Leiter der documenta hat sich so bedeckt und im Hintergrund gehalten, sich so wortkarg gegeben wie Adam Szymczyk. Und das, obwohl er über die Eloquenz eines unorthodoxen, bücherverschlingenden Intellektuellen mit einem über die Kunst weit hinausreichenden Wissen verfügt. Er hat mit Interviews und Kommentaren geradezu gegeizt. Und dies nicht aus einer ihm gelegentlich unterstellten oder angekreideten Arroganz heraus, sondern vor allem deshalb, weil ihm die fliehende Zeit, die ihm ein Interviewmarathon und die anschließende Autorisierung gekostet hätten, für die ihm am Herzen liegende Vorbereitung der Doppelausstellung in Athen und Kassel gefehlt hätte. Wichtiger sei es ihm gewesen, -so in einem Gespräch mit dem Autor-, sich ganz und gar, mit all seiner Kraft und Energie, auf den kuratorischen Teil seiner Arbeit zu konzentrieren, statt die erst noch im Entstehen begriffenen Dinge vorzubetexten oder ins Blaue hinein zu antizipieren.  

Szymczyk begreift das Machen einer Ausstellung als einen offenen Prozess, der seinen eigenen Gesetzen folgt. Diesen will er nicht durch ein Übermaß an Kontrolle determinieren oder unnötig beschneiden. Selbst noch nach den Eröffnungen in beiden Städten, deren krassen Gegensätze er als Widerstandspotential erfährt, an dem er sich so mental wie kreativ vorwärtsreibt, ist dieser zu neuen Ufern führende Prozess für ihn kein abgeschlossener. Vielmehr sieht er die Ausstellung bis zu deren Ende in einer permanenten Bewegung.  

Szymczyk begreift das Machen einer Ausstellung als einen offenen Prozess, der seinen eigenen Gesetzen folgt.

Und wenn er sich auf Interviews einließ, legte er in der Regel Wert darauf, zu diesen nicht alleine zu erscheinen, sondern in Begleitung eines seiner Co-Kuratoren. Ihnen räumte er bei der gemeinsamen Arbeit an der documenta große Freiheiten ein. Manchmal erteilte er sogar eine Carte Blanche. Kommt es ihm doch darauf an, dass die documenta 14 nicht nur seine alleinige Handschrift trägt, sondern von möglichst vielen und unterschiedlichen Visionen, Ansätzen, diversen Denk-und Sehweisen, divergierenden An- und Einsichten profitiert. Statt auf einträchtige Homogenität, die er für problematisch, vielleicht sogar für undemokratisch erachtet, setzt er alles auf das riskante Abenteuer widerspenstiger Heterogenität mit samt seinen Unwägbarkeiten. Für ihn ist die documenta nicht das Resultat eines heute so weitverbreiteten Networkings, sondern eine „Chaos“-Ausstellung im Sinne des metaphorisch gebrauchten Begriffs „Rhizom“. Also eine Ausstellung, die sich wie ein chaotisches Geflecht ausdehnt, bestehend aus unzähligen „Verbindungen, die wie die zwischen einem Tentakel sind, der mit einem anderen verbunden ist.“1 Ganz offenbar hat dieser Mann, der der documenta nicht nur ein neues Gewand verpasst, sondern deren Handlungsfeld über die Landesgrenzen hinaus erweitert hat, den „Anti-Ödipus“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari gelesen. Ob er kein Kontrollfreak sei, fragte ich ihn auf der griechischen Insel Hydra am Abend der Vernissage von Klara Walker im Deste Foundation Project Space Slaughterhouse. Er sei schon jemand, der sich schwer damit täte, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Gleichzeitig wäre er jedoch darum bemüht und darauf aus, seinen obsessiven Kontrollzwang zu mäßigen, um sich der Möglichkeit neuer Erfahrungen per Partizipation anderer nicht zu berauben. Erst durch unbefangene Einbeziehung und vertrauensvolle Einlassung auf das Wissen, die Wahrnehmung, die Fantasie und den Erfahrungsreichtum anderer könne etwas widersinnig Polyphones entstehen, das den Geist und die Augen weit öffnet. Es klingt so, als wolle er auf kollektive Weise Widerstand gegen die herrschenden Kräfte der Monotonisierung, gegen die stupide Engführung und langweilige Einseitigkeit leisten. Von daher vermeidet er Déjà-vus, weil diese wohl eine gedankenlose Schnelleinsortierung und Einordnung, ein rasches Wisch-und-Weg nach der simplen Devise des Schon-Erkannt zur Folge haben. Dem Bereits-einmal-Gesehen widerspricht er mit einem So-noch-nicht-Gesehen oder mit einem Überhaupt-noch-nicht-Gesehen. Deshalb fehlen auf der documenta 14 auch die großen Namen der weltweit gefeierten Künstlerstars, die zu den Top 100 des Kunstmarktes zählen. Er und sein Team haben sich in den Kopf gesetzt, „Dinge sichtbar zu machen, die vorher wenig sichtbar waren und nicht Dinge sichtbar zu machen, die ohnehin schon sehr sichtbar sind, ja einen festen Platz in der Produktions- und Konsumkette zeitgenössischer Kunst haben.“2 Deshalb stehen, wie er es gegenüber Änne Seidel von der ARD äußerte, auf der Künstlerliste „viele Namen, die der Kunstwelt bisher unbekannt waren.“ So außerhalb, dass sich in vielen Fällen beinah so gut wie nichts zum Nachlesen über sie im Internet ergoogln lässt. Insgesamt wurden 160 Künstler eingeladen.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Adam Szymczyk

* 1970, Trybunalski, Polen

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Biennalen
documenta

D – Kassel

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