Band 248, 2017, Titel: documenta 14, S. 50

documenta 14

Von Athen lernen

von Susanne Boecker

Die 14. Ausgabe der documenta ist eine Ausstellung im Doppelpack: Es gibt zwei gleichberechtigte Ausstellungssorte – Einen in Athen und einen in Kassel. Rund 160 Künstler stellen sich dieser Herausforderung, indem sie zum Großteil Arbeiten sowohl in Athen, als auch in Kassel präsentieren. Traditionell dokumentiert KUNSTFORUM die documenta in einem Sonderband so umfangreich wie kein anderes Medium und hinterfragt und erforscht dabei die Hintergründe und Zusammenhänge.  

Nachdem in Band 246 bereits eine Zwischenbilanz zur Athener Ausstellung gezogen wurde, wird die documenta 14 nun in diesem Band, mit Fokus auf der Präsentation in Kassel, in einem kommentierten Fotorundgang von Wolfgang Träger mit Begleittexten von Susanne Boecker und Sabine B. Vogel, einem Portrait des künstlerischen Leiters Adam Szymczyk, kritischen Essays und Analysen zu der Ausstellung, sowie Gesprächen mit den Kuratoren, Künstlern und der griechischen Kulturministerin in ihrer Gesamtheit dokumentiert und analysiert. In exemplarischen Gegenüberstellungen der Arbeiten aus Athen zu denen in Kassel wird dabei immer wieder der Blick nach Athen gerichtet. Wie sind die Künstler mit der Herausforderung einer Doppelausstellung umgegangen und wie hat sich das diesjährige Motto der documenta „Von Athen lernen“ schließlich ausgewirkt?  

Zum Einstieg stellt Heinz-Norbert Jocks den künstlerischen Leiter der d 14, Adam Szymczyk, in einem Porträt vor. Es folgen die Essays von Amine Haase und Hajo Schiff, die sich auf unterschiedlichen Wegen der d 14 und ihrem Motto „Von Athen lernen“ nähern. Amine Haase geht von der „Schule von Athen“ und den antiken Philosophen aus, und Hajo Schiff sucht nach Brücken zwischen Athen und Kassel. Die Wege kreuzen sich, zweigen in verschiedene Richtungen, um dann zum selben Ziel zu gelangen: Adam Szymczyks documenta unterwirft die Kunst dem Diktat einer „korrekten“ Politik und gerät trotz antikolonialen Anspruchs in die Nähe neokolonialer Gesten. Ähnlich schließt auch Ingo Arend. Er beobachtet, dass die Kasseler Ausgabe der d 14 dem schon in Athen erprobten Konzept durchdringender Politisierung folgt. Aus seiner Sicht deutet die Schau das recht spezifische Motto in eine unspezifische Generalanklage gegen Neoliberalismus, Nationalismus, Faschismus und weißen Heterosexualismus um. Michael Hübl fragt sich, was es eigentlich heißt, Künstler zu sein – 2017 auf der documenta? Und mit welchen Formen der Auseinandersetzung die Besucher dort konfrontiert werden? Sein Fazit: „Wer Kunst sucht, wird Sozialarbeit finden“, und wo die Ausstellung „durch konzise, herausfordernde Werke vielleicht doch noch wachrütteln könnte, fördert sie allenfalls das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen.“  

Nach Athen setzt die d 14 auch in Kassel auf partizipative und performative Formate. Für Max Glauner ist das kein Gewinn, sondern „Kulturkolonialismus und Politfolklore die Zweite“. Den Autor beschlich gar der Verdacht, dass die d 14 ihren Eventcharakter so sehr betont, um intuitiv einem drohenden Bedeutungsverlust der bildenden Kunst entgegenzuwirken. Aller Kritik und allen Klagen über die documenta 14 zum Trotz scheint Kassel in Sachen Stadtmarketing und Wirtschaftsförderung sogar recht deutlich von der „zwei-ortigen, nicht-nationalen documenta“ zu profitieren. Zu diesem Ergebnis kommt Jürgen Raap, der vor Ort allerdings auch einige sehr kritische Töne eingefangen hat.  

Um das Bild der d 14 zu vervollständigen, hat Heinz-Norbert Jocks Interviews mit verschiedenen Beteiligten geführt. So sprach er mit Griechenlands Kulturministerin Lydía Koniórdou über die Bedeutung der documenta für die Außenwirkung der griechischen Kultur. Katerina Koskina ist Direktorin des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst EMST und Kuratorin der Ausstellung im Fridericianum. Sie spricht über ihren Ansatz, die documenta in Athen als Gast zu empfangen und dann – im Gegenzug – selbst Gast in Kassel zu sein. Susanne Boecker sprach mit Dieter Roelstraete, der als Teil des kuratorischen Teams der d 14 maßgeblich das Konzept der Neuen Galerie mitgestaltete.  

Marina Fokidis ist kuratorische Beraterin der d 14 in Athen. Die Gründerin des Magazins „South as a State of Mind“ erklärt, warum die d 14 und das Magazin „so gut miteinander korrespondieren“. Mit Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, der im Team der d 14 den Posten des „Curator at Large“ bekleidet, unterhielt sich Heinz-Norbert Jocks über das Radio als Forum der Ausstellung. (SB)  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 250 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Susanne Boecker

* 1961, Wuppertal, Deutschland

weitere Artikel von ...

Biennalen
documenta

D – Kassel

weitere Artikel zu ...