Band 247, 2017, Titel: Länderbeiträge Giardini, S. 322

Österreich

Brigitte Kowanz, Erwin Wurm

Komissarin/Kuratorin: Christa Steinle Ort: Giardini  

So unterschiedlich die Werke von Brigitte Kowanz und Erwin Wurm zunächst erscheinen, so überzeugend ist doch der Berühungspunkt, der Kuratorin Christa Steinle zu dieser Doppelausstellung im österreichischen Pavillon motivierte: die Erweiterung der Skulpturbegriffs. Während Kowanz mit Licht als Material arbeitet und die Skulptur in den immateriellen Raum erweitert, entwickelt Wurm One-Minute-Skulpturen. Jedes Werk bringt eigene Ausstellungsbedingungen mit sich und so entschied sich Kowanz, den Pavillon mit einem neuen, in den Innenhof gebauten Raum zu verlängern (Architekt Hermann Eisenköck). Seit den 1980er Jahren arbeitet Kowanz mit Licht als Material und zentralem Thema. Früh entschied sie sich für das Morsealphabet als Kodierung, aufgedruckt auf Neonröhren, um auch das Sprechen über Licht zu integrieren. Später kamen Spiegel und Neonschriften hinzu. Alle diese Elemente verbindet sie jetzt in ihren neuesten Arbeiten im Pavillon, in denen sie ein neues Thema aufgreift: das Internet. Auf der hinteren Wand ist über die ganze Länge ein Licht-Spiegel-Werk angebracht, das die Wand durchbricht und einen unendlichen, virtuellen Raum öffnet. Im Titel sind zwei Daten genannt: www 12.03.1989 06.08.1991. Im Bild sind die Daten in den Morse-Code übersetzt, überlagert von Neonröhren, die wie Kabel in dem Spiegelraum liegen. Die Daten geben an, wann das Internet erstmals vorgestellt wurde und die erste Website online ging. „Die ganze digitale Übertragung geht über Licht. Es ist selber Information und kann Information übertragen“, erklärt sie. In den anderen Werken sind die Daten von Google, Wikipedia und dem iphone codiert, „die drei Sachen, die unser Leben heute bestimmen. Man kann alle drei als Modell sehen für virtuelle Räume. Wir bewegen uns ständig zwischen dem realen und virtuellen Raum“, sagt Kowanz im Gespräch – und genau diese Erfahrung erzeugt sie auch in dem Pavillon. Wir stehen zugleich im Pavillon und im virtuellen Raum der Werke – ein mehrfaches Sein, in dem die Trennung nicht mehr entscheidend ist für unsere Selbstwahrnehmung.  

Während Kowanz den realen Raum mit virtuellen Räumen vielschichtig verbindet, betont Wurm den aktuellen, physischen Raum. Beide Beiträge lassen uns zum Teil der Werke werden. Vor dem Pavillon steht hochkant ein LKW. Es ist keine Erinnerung an tödlich endende Schlepperfahrten, auch nicht an die ISIS-Attacken in Nizza oder Berlin, sondern eine Aussichtsplattform. Erklimmt man die Stiegen, könne man das Mittelmeer sehen, heißt es auf einem Schild. Das ist in Venedig nicht möglich. Das Bild haben wir im Kopf. Es ist ein Sehnsuchtsbild. Der LKW als Transportmittel für Erfahrungen ist zugleich der Beginn von Wurms Thematisierung von Migration. Früher wanderten die Menschen von einem Lebensort zum nächsten, heute schwingt das Fortbewegungsmittel in dem Begriff der Erfahrung mit. „Es gab immer Migration, wird es immer geben“, erklärt Wurm. Titel seines Beitrags ist „Just about Virtues and Vices in General“, zentrales Objekt ist ein Wohnwagen aus den 1950er Jahren, „als Deutsche und Schweizer in Italien Urlaub machten und Italiener umgekehrt in die beiden Ländern zum Arbeiten auswanderten“, erläutert Wurm. Auf der einen Seite Arbeitsmigration, auf der anderen Seite Mobilität und Heimatverbundenheit, denn die Urlauber nahmen ihre Wohnzimmer in dem Wagen mit. Wurm kaufte ein Modell aus den 1950er Jahren und modifizierte die darin enthaltenen Objekte, um sie als Handlungsanleitungen für die Besucher in den Pavillon zu stellen. „Man muss die Objekte erfahren“, betont Wurm: eine Lampe ist die Sonne, „Roast yourself under the sun of Epicurus“. Zwei Hocker sind Brückenpfeiler, auf die man sich legen soll. Der Wohnwagen ist das „Ship of Fools“, man kann seinen Arm herausstrecken, um die Welt zu berühren, das Gesäß oder die Beine herausstrecken als „Home trust/Just in general“, sich anlehnen als „Hope, destiny, acceptance, relief“, wie es in den Titeln heißt – humorvolle und zugleich bitter ernste Aufforderungen, über Migration und Mobilität, über die eigenen Klischees und die Bedingungen unserer Welt nachzudenken.  

Wichtige Personen in diesem Artikel
Brigitte Kowanz

* 1957, Wien, Österreich

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Erwin Wurm

* 1954, Bruck an der Mur, Österreich

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Weitere Personen
Christa Steinle

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Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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Biennalen
Biennale di Venezia

I – Italien

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