Band 246, 2017, Ausstellungen: Leverkusen, S. 278

Hans Op de Beeck

The Silent Castle

Museum Morsbroich 12.02. – 30.04.2017

von Renate Puvogel

„Es interessiert mich nicht, Realität zu simulieren, sonst wäre ich wahrscheinlich als Setdesigner beim Film gelandet. Ich möchte die Welt interpretieren, indem ich fiktive Umgebungen erschaffe, in denen wir das Echo der Realität wahrnehmen können.“ Dieser Maxime huldigt der belgische Künstler Hans Op de Beeck ( geb. 1969) ausgiebig in seiner vielteiligen Inszenierung in und über Schloss Morsbroich. Und er tut das in allen erdenklichen Medien, in Skulpturen, Installationen und Aquarellen, in Videos und Animationen. In ihnen lässt er ein wenig Geschichte und Gegenwart des historischen Wasserschlosses aufleben, indem der Künstler es in eine Atmosphäre von Stille taucht, welche sowohl Intimität als auch Distanz ermöglicht. Der Betrachter soll Mitspieler seiner Inszenierung werden und sie gleichzeitig kritisch betrachten. Nun würde man den anschaulichen Bildfindungen ja auch gerne folgen und ließe sich willig in die Abenteuer entführen, würde Op de Beeck seine Arbeiten nicht immer bis ins letzte selbst interpretieren, und zwar in Bild und Wort als reichlich stringente Umsetzungen tradierter künstlerischer Methoden und bekannter Wertsetzungen. Jedenfalls lässt er dem Betrachter kaum Raum, selbst auf Erkundung zu gehen und eigene Vorstellungen zu entwickeln. Dies trifft auch auf mich als kritische Rezensentin zu.  

Trotz ihrer sehr unterschiedlichen Dimensionen findet sich der Betrachter mühelos in die Szenerien hinein: Eine monumentale „Lounge“ (2014) empfängt ihn, ein Raum mit platzgreifendem Sofa, der wie eine Bühne in eine historisierende Kulisse gebettet ist und durch dreierlei divergierende Lichtquellen entrückt scheint. Requisiten wie ein Schädel und leere Pizzakartons als barocke und profane Vanitasobjekte und ein schlafender Hund umlagern das Sofa in einer für belgische Ästhetik so typischen Überfülle. Sie sind aus massivem Gips geformt und sollen in ihrem alles verbindenden Grau das Fenster zu rätselhaften Geschichten öffnen.  

Im Nebenraum prangt auf dem grauen, dämpfenden Teppichboden, der die gesamte Ausstellung durchzieht, eine bunte, überdimensionierte Geburtstagstorte. Anders als bei Claes Oldenburgs Objekten kündet dieses Meisterwerk auf Grund bereits verzehrter Stücke und schiefer Kerzen deutlich von vergangenen Genüssen. Von einem verflossenen Mahl berichten auch die Gegenstände in „Bachelor Still Life“ von 2006. Auf weiß verhangenen Tischen mischen sich zwischen weiß gefärbte Zeugnisse aus Gips echte farbige Kirschen und eklige Zigarettenstummel. Simuliert Op de Beeck nicht doch auf seine Weise Wirklichkeit? Er stellt Dinge zu symbolhaltigen Ensembles zusammen, ohne ihrer skulpturalen Qualität im strengeren Sinne besonderes Augenmerk zu widmen; am ehesten vielleicht in den fünf schmucklosen Zweckbauten aus Holz, die als minimalistische Modelle auf schmalen Sockeln stehen – Mahnmale des Urbanen.  

Einen solch unwirtlichen Ort charakterisiert Op de Beeck in „Entrance“(2006): Hier ist der dunkle Eingang zu einem Supermarkt abweisend geschlossen. Die raumhohe Decke der in die Tiefe ragenden Vorhalle kommt mit der Stuckdecke des realen Schlossbaues ins Gehege – eine Irritation, zu welcher noch eine weitere hinzukommt, denn trotz Verkaufsruhe bewegen sich die zu Robotern abstrahierten Spielautomaten sogar kinderlos hin und her. Wie hier sind sämtliche Arbeiten in einem Stadium des Ambivalenten, ja, Widersprüchlichen festgehalten, um einer eindeutigen Aussage zu entgehen – eine Sicht, die ja dem Realen ohnehin entspricht. Aber das Widersprüchliche ist durchschaubar. Immer wieder fließen Reflexionen über die Kindheit, die Umwelt, über urbanes Zer-Leben, den Kunstmarkt und politische Zerwürfnisse in die Arbeiten mit ein, didaktisch verbal ausführlich bekundet.  

Besonders einprägsam sind die Videos und Animationen. Schon die Ensembles haben ja erzählerische Qualität und nicht von ungefähr bewegt sich Op de Beeck seit einiger Zeit auf das Theater zu. In seinen filmischen Arbeiten experimentiert er und wendet eigenwillige Techniken an, um, dem jeweiligen Thema angepasst, das optimale Resultat zu erlangen. In den Filmen tauchen Motive der Skulpturen als Requisiten erneut auf und manche Szenen sind den Installationen verwandt. In der 1-Kanal-Videoinstallation „Loss“ von 2004 führt Op de Beeck dem Besucher anhand digitaler Zeichnungen in sich ständig verändernden düsteren Bildern den Verfall von bedeutsamen Zeugen historischer Architektur vor, bis hin zu deren Zerstörung. Der unheimliche Animationsfilm „Night Time“ von 2015 beruht auf unendlich vielen zu Papier gebrachten Schwarz-Weiß-Aquarellen, die Op de Beeck in nächtlicher Abgeschiedenheit zu Papier gebracht und zu einer eindringlichen traumlastigen Erzählung zusammengeschnitten hat. In dem Video „Staging Silence“ (2013) verfolgt der Betrachter, wie sich eine Illusion mit einfachsten Mitteln heraufbeschwören lässt: man sieht die Hände, die aus alltäglichen Gegenständen auf begrenzter Tischfläche eine wilde Landschaft oder ein am Ende zerrinnendes Stadtpanorama entstehen lassen. Man erliegt trotz offensichtlicher Tricks den verführerischen Szenen. Schließlich lässt Op de Beeck in dem Video „The Thread“ (2015) lebende, vermummte Spieler zwei Punk-Puppen eine Liebesgeschichte bis zum Tod des einen armen Helden durchleben.  

Als formales und inhaltliches Bindeglied zwischen den plastischen Arbeiten und den Videos spielen die großen schwarz-weißen Aquarelle wie etwa „Mirror Ball“ von 2011 eine wichtige Rolle. Die feinen Grafiken entbehren aufdringlicher Didaktik und geben zurückhaltend Auskunft über das ganze Unterfangen: Selbst die schönsten Dinge und Erlebnisse sind endlich.  

Autor
Renate Puvogel

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Hans Op de Beeck

* 1969, Turnhout, Belgien

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