Band 244, 2017, Titel: Die neue Auftragskunst, S. 162

Brigitte Kowanz

Kompromiss ist nicht das richtige Wort

Ein Gespräch von Sabine B. Vogel

Die in Wien geborene Künstler Brigitte Kowanz ist bekannt für ihre Lichtskulpturen. Seit den 1990er Jahren arbeitet sie mit dem Morsealphabet zur Co- und Decodierung von Zeichen, die oft tautologische Aussagen zum Thema Licht formuieren. Seit 1997 ist Kowanz Professorin an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Sie zeigt in zahlreichen Ausstellungen, u.a. 2016 Häusler Contemporary Lustenau (solo), 2015 Galerie Krobath, Wien; 2014 Häusler Contemporary, Zürich (solo); Light Show, Auckland Art Gallery, Neuseeland; 2013 Transmissions, Bryce Wolkowitz Gallery, New York (mit Mariano Sardon); 2012 Borusan | Contemporary, Istanbul (solo); 2011 Galerie im Taxispalais, Innsbruck (solo); Museum Ritter, Waldenbuch (solo); 2010 MUMOK, Museum Moderner Kunst, Wien (solo).  

Sabine B. Vogel: Ist Auftragskunst für dich ein neutraler oder eher negativ geprägter Begriff?  

Brigitte Kowanz: Deutlich negativ, ich würde den Begriff nie verwenden, ich spreche von Projekten, wenn ich im architektonischen Bereich oder im öffentlichen Raum arbeite. Auftragskunst klingt wie ‚ich sage, du machst‘.  

Als wäre die in der Moderne in der Kunst erreichte Autonomie verloren? Steht die bei solchen Projekten nicht zur Diskussion?  

Nein, wenn es um eine bestimmte Situation geht, die ich mir anschaue, dann ist das noch keine Auftragskunst. Ein Portrait ist ein Auftrag, aber eine Direktvergabe oder ein ortsspezifischer Wettbewerb ist etwas anderes.  

Was war dein erstes Projekt?  

Das war eine Foyergestaltung bei den österreichischen Lotterien, 1994 in Wien. Ich habe ein Vitrinensystem entwickelt, das zugleich als große Glaskörper auch Skulptur war, dazu noch eine auf die Wand projizierte Uhr – eher nur ein Lichtkreis, in dem man die Schatten der Zeiger sieht.  

War es nicht ein großer Schritt von den autonomen Atelierwerken in solche öffentliche Kontexte zu wechseln?  

Die großen Glaskörper für die Lotterien gab es als Formensprache schon, Glas in Kombination mit Licht. Das Projekt für die Kapelle in Mödling war natürlich schon etwas anderes, dass war ja auch inhaltlich neu. Ich wurde später noch für den Dom in Eisenstadt eingeladen, das war ein gemeinsames Projekt mit dem Architekturbüro Lichtblau Wagner, für die lithurgischen Orte, also Altar, Ambo und Tabernakel. Bei beiden Projekten hatte ich völlige künstlerische Freiheit – das Arbeiten in Kirchen hat ja eine ganz lange Tradition in der Kunst.  

Wenn ein Sammler ein bestimmtes Werk von dir für einen definierten Raum anfragt, ist das ein Auftrag?  

Zunächst einmal sollte er ja gar nicht zu mir kommen, sondern in die Galerie gehen. Wenn die Person gerne etwas möchte, steht einiges zur Verfügung. Wenn es um eine bestimmte Situation geht, die ich mir anschauen soll, ist das für mich noch immer keine Auftragskunst.  

„Auftragskunst klingt wie ‚ich sage, du machst‘.“

Du kannst dir also in allen diesen Situationen dieselbe Kompromisslosigkeit leisten wie beim Arbeiten im Atelier?  

Kompromiss ist nicht das richtige Wort, es sind zwei verschiedene Bereiche. Der eine ist ortsspezifisch und verlangt damit schon eine bestimmte Verbundenheit. Eine Ausstellung oder freie Kunst ist natürlich unabhängig von Kontexten.  

Ist es nicht auch eine Frage der Vorgaben, die bei Ausstellungen in Museen weniger konkret sind als bei ortsspezifischen Projekten?  

Naja, das ist unterschiedlich. Manche Projekte sind zu eng, die lehne ich dann ab. Andere geben mir soviel Freiheit wie ich mir wünsche. Wieder andere geben zwar einen Rahmen vor, fordern mich damit aber auch heraus wie bei Forschungsinstituten, wo ich mich mit den Inhalten der Wissenschaft beschäftigen muss. Und will. Das mache ich gerne. Jetzt bin ich zu einer Ausstellung eingeladen, wo es um die Entstehung des Kosmos geht – ich wurde angefragt, mich mit dem Urknall auseinanderzusetzen.  

Wie konkret sind die Projekte für Forschung­­s­in­stitutionen?  

Im Max Planck Institut für molekulare Biomedizin in Münster geht es um Genforschung, in Mainz um Chemie. In beiden Projekten waren inhaltliche Ausrichtung des Instituts und die Architektur ausschlaggebend für meine Konzeptionen. In Münster sind die Forschungsinhalte Stammzellenforschung. Dafür habe ich einen Schriftzug entwickelt, „In vivo in vitro“, der sich als lange Lichtspur durch das ganze Gebäude entwickelt.  

Hat die Menge solcher Projekte im öffentlichen Raum, in Wettbewerben für Kunst am Bau und Direktaufträge in den letzten Jahren zugenommen?  

Den Eindruck habe ich nicht. Es gibt zwar viele Künstler, die sich darauf spezialisiert haben, die man in einem anderen Kontext gar nicht kennt. Aber Aufträge gab es immer, das ganze 20. Jahrhundert über, Kirchen und Brunnen, das ist nie ganz abgerissen. Heute machen die Städte vielleicht sogar weniger als früher, das hat sich mittlerweile zu den Unternehmen verschoben.  

Übernimmst du die Organisation und Umsetzung für Deine Werke selbst?  

Ja, denn mich hat es immer interessiert, mit Handwerkern zu arbeiten – mit manchen Firmen schon seit Jahren wie mit Florian Klaura bei der Firma Starmann Metallbau in Kärnten – der liebt die Herausforderungen von Speziellem. Wenn man so einen Partner hat, ist es fantastisch!  

Sind manche Projekte entwicklungstreibend für deine Arbeit?  

Die sind ein ganz wichtiger Teil, dort kann ich Dinge realisieren, die sonst nicht möglich wären. Die Entdeckungen innerhalb meiner Arbeit mache ich aber im Atelier. Da kann der Zufall mitwirken. Projekte sind kein Feld für große Experimente, dazu ist man in zu viele Prozesse eingebunden. Es ist eine ganz andere Herausforderung, wie etwa bei dem Gebäude von Kommunalkredit in Wien: Da wollte ich einer historischen, total durchstrukturierten Fassade etwas entgegenhalten, das Alte aber nicht zerstören, sondern eine gute Synergie zwischen Altem und Neuen erzeugen. Bei ortsspezifischen Arbeiten muss man erkennen, was man – als Betrachter, aber auch als Künstler – wovon erwartet. Die Öffentlichkeit ist ein Raum mit einer ganz anderen Breite und einer Permanenz, mit anderen Gesetzmäßigkeiten.  

Versicherungstechnisch, Wetterbeständigkeit, Van­da­lismus?  

Ja, das fordert viel. Es gibt sehr gute Künstler, die sich auf diesen Raum gar nicht einstellen können, aber ich finde es spannend. Aber es ist immer noch dem Ausstellungsbetrieb untergeordnet – es wird kaum in Kunstzeitungen rezensiert. Ich denke, dass sich das ändern wird, es hat wohl noch mit der Idee der Autonomie zu tun.  

Vielleicht, weil Künstler in solchen Projekten eher unternehmerisch denken und agieren müssen als im institutionellen Kontext?  

Sobald ein Künstler ein Atelier hat, ist er auch ein Unternehmer. Bei den Projekten ist nur die Dimension größer, höhere Produktionskosten kommen ins Spiel und damit auch ein höheres Risiko.  

Wie gehst du damit um, wenn ein ortsspezifisches Werk eingepackt und woanders hin verfrachtet wird?  

Das ist ein wenig paradox, kann aber auch sehr gut funktionieren. Meine „Lightsteps“ von 1991 touren gerade, London, Auckland, Sydney, Santiago. Ursprünglich hatte ich die 15 Galerielampen bei Zumtobel treppenartig angeordnet. Die sah der Kurator der Londoner Hayword Gallery und wollte es ausstellen – daran hätte ich nie gedacht, das war für mich abgeschlossen. Es ist interessant, wie eine derartig raumgebundene Arbeit sich in anderen Räumen entwickelt.  

Kommt dann jenes Moment der Autonomie als eine Art stilles Potential zum Tragen?  

Das kann gut sein, die Arbeit „Lightsteps“ erhält durch die Ortswechsel ganz andere Aufladungen.  

Wie viele Projekte nimmst du pro Jahr an?  

Ich habe manche Jahre sehr viel mehr gemacht, jetzt nur noch im Schnitt eine größere Arbeit im Jahr. Das wurde mir zu viel, mit den vielen Mitarbeitern – es wurde ein Betrieb.  

Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Brigitte Kowanz

* 1957, Wien, Österreich

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