Band 243, 2016, Biennalen, S. 246

2. Bergen Assembly 2016

Die Wiedergeburt des Publikums aus dem Berg heraus

Triennale
Die Wiedergeburt des Publikums aus dem Berg heraus
Tarek Atoui, Freethought und Praxes

25.02. – 09.12.2016
von Thomas W. Kuhn

2013 hatten Ekaterina Degot und David Riff als veritable Kunsthistoriker und -kritiker den Auftakt zur 1. Bergen Triennale unternommen. Die Kuratoren der zweiten Triennale, ausgewählt vom Advisory Board, sind im Ganzen ungleich schwieriger zu verorten und bilden als Trio drei sehr verschiedene Beiträge, die ein Jahr lang das Kulturleben – zumindest von Bergen – bereicherten. Trotz großer Touristenscharen, die von hier aus ihre Reisen mit den Schiffen der Hurtigruten antreten, dürfte nicht zuletzt die örtliche Bevölkerung das Hauptpublikum gestellt haben. Ab dem 2.9.2016 fand innerhalb des mehrmonatigen Programms der Höhepunkt der Triennale statt, die nun mit Ausstellungen, Events und einem Kongress zusätzliches (Fach-) Publikum, vor allem aus England und Skandinavien anzog. Treibende politische Kraft und Direktor Haakon Alexander Thuestad dürfte mit gut besuchten Veranstaltungen und internationaler Aufmerksamkeit für die zweitgrößte Stadt Norwegens zufrieden gewesen sein, die in der Peripherie liegen mag, aber mit Kunstakademie, Architektur- und Musikhochschule sowie bemerkenswerten Museumssammlungen als Standort einer Triennale überzeugt.  

FREETHOUGHT

Ein innerhalb des Kunstkontexts ungewöhnliches Kollektiv ist die mehrheitlich in London ansässige sechsköpfige Gruppe freethought. Ihre Arbeit überschneidet die Felder von Lehre, Forschung und künstlerischer Produktion. Entsprechend bildete seit 2015 eine Folge von Seminaren zu unterschiedlichen kultur-soziologisch relevanten Themen den Auftakt im Rahmen der Bergen Assembly. Ergebnisse dieser Seminare wurden dann in Gestalt von Schautafeln und Readern auch Teil des Ausstellungsprojekts in der ehemaligen Bergener Feuerwache. Das Projekt wurde in Kohabitation mit den Besetzern der früheren Hovedbrannstasjon verwirklicht, pensionierten Feuerwehrmännern, die den Bau und seine historische Sammlung vor dem Zugriff städtebaulicher Neuplanung retten wollten. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte war Grundlage für den Beitrag von Isa Rosenberger (*1969, Salzburg) in der Bergener Kunsthalle. Ihr „Museum der brennenden Fragen“ griff die Thematik und Sorgen der Bergener Feuerwehrmänner auf und öffnet diese für einen allgemeinen, an das Publikum gerichteten Diskurs über existenzielle Fragen aller Art.  

Als potentielle Interaktionsplattform diente in der Feuerwache das von freethought betriebene „Partisan Café“. Die interdisziplinäre Zielsetzung der freethought-Gruppe suchte über den Namen des Pop-up Cafes ihr Vorbild in dem gleichnamigen, kurzlebigen Kaffeehaus im Londoner Quartier Soho. Hier befand sich zwischen 1958 und 1962 ein wichtiger Treffpunkt der links-intellektuellen englischen Szene, die im Ausstellungsbereich des Hauses mit einer Dokumentation gewürdigt wurde. Aber anstatt des explizit politischen Begriffs „Sozialismus“ hatten sich Irit Rogoff, Stefano Harney, Adrian Heathfield, Massimiliano Mollona, Louis Moreno und Nora Sternfeld den weitaus unauffälligeren Begriff „Infrastruktur“ auf die Fahne geschrieben, dessen Mehrdeutigkeit auch die problematischen sozialen Systeme erfasst. Die politische Ausrichtung wird aber in ihren Zielen nicht verborgen, wenn diese als feministisch, anti-normativ, anti-rassistisch, anti-faschistisch, anti-nationalistisch, sowie queere und dekoloniale Denkansätze umfassend bezeichnet werden. Zu erwarten war in diesem Zusammenhang eine kritische Beschäftigung mit der Ölwirtschaft Norwegens, die als Schlüsselindustrie des Landes gilt. „The End of Oil“ widmet sich diesem Problem dokumentarisch mit einem gleichnamigen Film von Massimiliano Mollona und Anne Marthe Dyvi. Die Stadt Bergen selbst und ihre Triennale stehen dabei in enger Verbindung zu dieser Ökonomie. Dem entspricht auch mit örtlichem und zeitlichem Versatz eine Dokumentation über das heute utopisch anmutende Schiras-Kunstfestival der Jahre 1967 bis 1977 im Iran, auf dem westliche Avantgarde mit östlicher Kultur zusammentraf. Die Problematik des durch Ölexporte reich geworden Regime des Schahs blendete Kurator Vali Mahlouji dabei nicht aus. Auch die zahlreichen Filmaufnahmen persönlicher Ausstellungserfahrungen des Projekts „The Anecdoted Archive of Exhibition Lives“ sucht im Erfahrungsraum des Vergangenen nach der Wirkungskraft kulturellen Erlebens. In ähnliche Richtung weist wiederum „Spirit Labour“ von Adrian Heathfield und Hugo Glendinning. Heathfield und Glendinning verschmolzen Gespräche der Performance-Künstlerin Janine Antoni mit der Tänzerin Anna Halprin und der Autorin Hélène Cixous über Werk und Biografie mit überaus poetischen Bildern, die offensichtlich darauf abzielten, dieses „Dazwischen“ einer Form spiritueller Arbeit mit Bezug auf die Natur sichtbar zu machen. Noch etwas stärker im poetischen Feld lagen die Beiträge innerhalb der von Stefano Harney kuratierten Sektion „Shipping and the Shipped“.  

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Autor
Thomas W. Kuhn

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Tarek Atoui

* 1980 , Beirut, Libanon

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Kristine Siegel

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Weitere Personen
Nairy Baghramian

* 1971, Isfahan, Iran

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Olga Balema

* 1984 , Ukraine

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Lynda Benglis

* 1941, Lake Charles, Verein. Staaten

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Spartacus Chetwynd

* 1973, Grossbritanien

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Ekaterina Degot

* 1958, Moskau, Rußland

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Hugo Glendinning

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Daiga Grantina

* 1985, Lettland

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Stefano Harney

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Adrian Heathfield

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Fred Moten

* 1962, Las Vegas, Verein. Staaten

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Bonaventure Soh Bejeng Ndikung

* 1977, Yaoundé, Kamerun

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David Riff

* 1975, London, Grossbritanien

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Irit Rogoff

* 1963

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Sterling Ruby

* 1972, Bitburg, Deutschland

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Nora Sternfeld

* 1976, Wien, Österreich

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Wu Tsang

* 1982 , Worcester, Verein. Staaten

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Kaari Upson

* 1972

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Hypatia Vourloumis

* , Griechenland

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