Band 242, 2016, Ausstellungen: Duisburg , S. 286

An der Oberfläche_ On Surface
von Rodin bis De Bruyckere.
Die Oberfläche als Bedeutungsträger in der Skulptur

Lehmbruck Museum 02.07. – 23.10.2016
von Ann-Katrin Günzel

Da so gut wie jede Skulptur durch ihre Oberfläche definiert wird, ist das Thema für eine Ausstellung gerade im digitalen Zeitalter der glänzenden, Tiefe suggerierenden Benutzeroberflächen sehr spannend – als Träger von Botschaften stellt die Oberfläche des Kunstwerks ein individuelles und aussagekräftiges Ausdrucksbild dar und macht dadurch sowohl die künstlerische Handschrift als auch repräsentative Ansprüche des Werkes sichtbar. Dementsprechend wurde im Laufe der Jahrhunderte an der Oberfläche gekratzt, sie wurde geöffnet, zerschunden, zerschlitzt, geknetet, gebogen, versteckt, bloßgelegt, poliert, verschleiert, beschriftet oder verziert. Oberflächen können zart und zerbrechlich oder hart und abweisend, glänzend oder karstig, spröde und kantig, transparent oder undurchsichtig sein. Das Lehmbruck Museum gibt zurzeit einen Einblick in den Wandel der Oberflächenbehandlung in der Geschichte der modernen Skulptur und beginnt dabei beim „Meister“ der Oberfläche, August Rodin. Mit seinen sehr haptischen Skulpturen, die immer auch Spuren der Bearbeitung erkennen lassen, gilt er als der Wegbereiter der modernen Plastik, der viele nachfolgende Künstler beeinflusst hat. Charakteristisch nicht nur für die hier ausgestellte „Eva“ (1881), sondern insgesamt für sein Werk ist, dass die Oberfläche den Schaffensprozeß und das Innerste der Figuren im Äußeren sichtbar macht. In den roh und scheinbar unfertig belassenen Partien spiegelt sich das Licht und wirft Schatten, so dass Bewegung entsteht. Auch bei Lehmbrucks „Kopf einer alten Dame“(1913) stellt sich dieser Eindruck der lebendigen, ausdrucksstarken Oberfläche durch die sichtbare Modellierung ein, und bei Medardo Rossos „La Portinaia“(1883), einem Werk aus weichem, plastisch durchgebildetem Wachs, dessen Oberfläche vollkommen zerklüftet wirkt, spitzt sich dieses Verfahren dann fast bis zur Unkenntlichkeit zu. Unebenheiten, Buckel und Dellen zeigen damit die Verletzlichkeit der Haut. Ganz anders und doch vergleichbar nähert sich fast ein Jahrhundert später die Künstlerin Jenny Holzer der Haut als ausdrucksvoller Oberfläche an, indem sie sie mit Auszügen aus Lustmord-Gedanken beschriftet und diese dann abfotografiert. Nacktheit, Brutalität und Verletzlichkeit bekommen in diesem Zusammenhang einen schockierenden Ausdruck, der die eigentlich unversehrte Hautoberfläche angreift. Spiegelblank, glatt, undurchsichtig, vollkommen geschlossen und in ihrem Glanz hingegen nichts Inneres, sondern Betrachter und Außenraum wiedergebend sind die Oberflächen der Werke von Brancusis „La Nègresse blonde“ (1926) und Jeppe Heins über den Köpfen der Besucher an der Decke hängender „Yellow Mirror Balloon“ (2015). Sie stellen einen gelungenen Kontrast zu Kalers „Mantel der Liebe“ (2015) dar, einen über und über mit Liebesperlen besetzten Mantel, der keinem Regenschauer standhalten, sondern sich dabei in einen bunten Zuckerguß verwandeln würde und damit nur einen trügerischen Schutz bietet. Das Spiel mit Materialität, mit Schein und Sein haben bereits viele Künstler vorgenommen, u.a. auch die hier vertretenen Künstler Georg Baselitz, der eine „BDM Gruppe“ (2012) aus Bronze wie eine Skulptur aus grob behauendem schwarz lackiertem Holz erscheinen läßt oder Elina Autio, deren „Pipework“ (2015) aus Wellpappe wie Rohre aus Metall wirken. Der aus der Eröffnungsperformance in der Ausstellung verbliebene, durch Schläge, Stöße und Tritte modellierte Tonblock „Pondus“ (2016) von Nezaket Ekici zeigt seine Entstehung im dazugehörigen Video. Mit dem Einsatz des ganzen Körpers fordert die Künstlerin den glatten Block geradezu heraus, umkreist ihn tänzelnd wie ein Boxer und formt ihn zu einem Abbild des geschundenen Körpers. Das Werk wird hier als Spur eines bildhauerischen Prozesses sichtbar. Ebenso wie Berlinde de Bruyckeres „Krüppelholz“ (2014) zeigt er eine amorphe, zerklüftete Oberflächenstruktur, die einem verletzten Körper ähnelt. De Bruyckere hat aus zahlreichen sich überlagernden Wachsschichten, die um das Holz eines Baumstamms geschlungen sind ein sperriges, mumienartiges Gebilde erzeugt, das undefinierbar ist und doch in seinen Anklängen an verwundete Körperlichkeit beklemmend anmutet. Spannend ist der Bogen zu der Frage nach heutigen Wahrnehmungsmustern, nach dem Einfluß von Touchscreens und Interfaces in der Wahrnehmung von Skulptur, wie sie die Direktorin Söke Dinklar formuliert. Durch das permanente Vorhandensein von Displays und die kontinuierliche Verfügbarkeit dahinterliegender Informationen, Kontakte, virtueller Begegnungen und Zerstreuung bildet sich sowohl in der Produktion als auch in der Rezeption von Bildmaterial und skulpturaler Objekte ein ganz anderer Blick darauf aus. Eine Annäherung an das Thema zeigt die Arbeit „Dances for mobile Phones“ (2015) von Evan Roth, der Videos von über die leeren Oberflächen der Tochscreens streifenden Fingern zeigt, die zur reinen Geste reduziert keinen Sinn mehr ergeben. Julian Opies tanzende Figuren auf LCD Bildschirmen hingegen, bekannte, in Bewegung versetzte Piktogramme erklimmen die virtuelle Oberfläche und irritieren durch ihre eigentümliche Leere. Einen sehr sinnlichen Zugang zum Thema Interface zeigt die Arbeit „To Touch“ (1994) von Janet Cardiff. In einem abgedunkelten Raum steht ein Holztisch, dessen benutzte und bereits zerkratzte und bemalte Oberfläche berührt werden darf. Mit jeder Berührung ertönt aus einem Winkel des dunklen Raumes eine Stimme oder ein Ton, wie ein Telefonklingeln, leise Musik oder ein sachtes, regelmäßiges Atmen. Die ruhige Stimme und die sich mit Musik und Geräuschen sanft überlagernden Klänge suggerieren ein traumhaftes, unbestimmtes Erlebnis, das wie die Erinnerung aus einer anderen räumlichen Dimension an die Oberfläche tritt, um gleich darauf wieder im Dunkel zu verschwinden – aber bei der nächsten Berührung wieder da zu sein.  

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Autor
Ann-Katrin Günzel

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Weitere Personen
Georg Baselitz

* 1938, Deutschbaselitz, Deutschland

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Berlinde de Bruyckere

* 1964, Gent, Belgien

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Janet Cardiff

* 1957, Brussels, Kanada

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Söke Dinkla

* 1962, Wilhelmshaven, Deutschland

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Nezaket Ekici

* 1970, Kırşehir, Türkei

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Jeppe Hein

* 1974, Kopenhagen, Dänemark

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Jenny Holzer

* 1950, Gallipolis, Verein. Staaten

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Julian Opie

* 1958, London, Grossbritanien

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Medardo Rosso

* 1858, Turin, Italien; † 1928 in Mailand, Italien

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Evan Roth

* 1978, Verein. Staaten

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