Band 242, 2016, Ausstellungen: Städte des Ruhrgebiets , S. 280

Die Rolle der Kunst Gutes und gut Gemeintes

Ruhrtriennale – Festival der Künste in der Metropole Ruhr 12.08. – 24.09.2016
von Renate Puvogel

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – diese bekannte Beschwörungsformel der französischen Revolution, unter welche der derzeitige Intendant der Ruhrtriennale Johan Simons seine zweite Spielzeit stellt, hat weltpolitisch unerwartet besondere Brisanz erlangt. Dem entsprechend wird sie im Programm vielfach reflektiert und angesichts des labilen Weltzustands auf seine Gültigkeit und seinen Wert hin befragt. Auch einige Beiträge der bildenden Kunst nehmen an den Diskussionen teil; deren Stellenwert ist merklich gewachsen und zeigt sich nicht nur in künstlerischen Einzelpräsentationen sondern ragt in die Inszenierungen von Musiktheater, Theater und Tanz hinein. Dies entspricht natürlich der generell zu beobachtenden Tendenz, dass sich die Grenzen der einzelnen Disziplinen auflösen.  

Die Kunst des Atelier Van Lieshout ist von jeher ambitioniert, wenn auch angesiedelt in einem charmanten eigenen Kosmos. Van Lieshout hat erneut sein Künstler-Dorf auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle in Bochum aufgebaut mit dem überdachten Refektorium als zentralem multifunktionalen Publikumstreff (s. Kunstforum Bd. 236). Im Mittelpunkt seiner neuen Kreationen steht in dieser Spielzeit das Verhältnis von Mensch und Maschine. Um es gleich vorweg zu sagen: Van Lieshouts Ansinnen, die industrielle Vergangenheit und die technologische Entwicklung in den Blick zu nehmen, gewinnt in den Plastiken formal keine adäquate Gestalt. Die platzgreifenden, hell getönten Wesen aus Fiberglas wie das „Steam Hammer-House“ verharren trotz ihrer organoiden Form und symbolischen Nutzungen doch als lediglich in anderes Material übertragene Maschinen ohne große skulpturale Eigenheit. Geradezu unsäglich sind Van Lieshouts kinetische Köpfe aus metallenem Geflecht: wenn er ihnen auch das Vermögen zuspricht, miteinander oder aber mit dem Publikum über den Wettstreit zwischen Mensch und Maschine zu kommunizieren, so legt er diese zukunftweisende Debatte leider surrealen und reichlich epigonal formulierten Gebilden in den Mund.  

Driften die Meinungen von Kritik und Publikum über Van Lieshouts Skulpturen vermutlich auseinander, so kommen sie sich bei der Videoarbeit „Manifesto“ von Julian Rosefeldt gewiss nahe. Die überzeugende Arbeit zeigt auf 13 riesigen Monitoren Cate Blanchett jeweils als zentrale Figur in komplexen Bild- und Tonarrangements verschiedenster Lebensbereiche und Betätigungsfelder. Ihr Reden gerät unversehens ins Vortragen aufgemischter umstürzlerischer Kunst-Manifeste des 20. Jahrhunderts. (s.Kunstforum Bd. 239). Bei der derzeitigen Präsentation in der riesigen Duisburger Kraftzentrale mischen sich die präzisen Einzelmonologe unterschiedlicher Tonhöhen zu einem betörenden Raumklang. Bedarf es heute vielleicht eines neuen Manifestes wider die Unbelehrbaren?  

Manifeste passen gut in dieses mittlere Jahr von Simons’ Intendanz, denn sie sind revoltierender Ausdruck von Umbruch und des noch ungesicherten Übergangs. Auch in „well,come“, einem der beiden inhaltsreichen Beiträge von „Urbane Künste Ruhr“ spielen Manifeste ihre irritierende Rolle. Für ihre Installation haben sich die drei Architekten von osa „office for subversice architecture“ Karsten Huneck, Oliver Langbein und Bernd Trümpler das Stahlanarbeitungszentrum SAZ im Hafen von Dortmund ausgesucht. Wenn an den Wochenenden die Produktion und der weltweite Transport schwerer Stahlrollen ruht, hält eine ‚erikapinkfarbene‘ Art Schiffs-Gondel Einzug auf dem Perron. Die containerartige Stahlskulptur mit Krakenarmen kann bis zu 15 Personen aufnehmen, um mit ihnen an Stahlseilen unter die Überdachung hochgehoben zu werden und über das Wasser bis zum Dachabschluss zu gleiten. Angekommen wird der Betrachter hineingenommen in eine eindrucksvolle Video- und Soundprojektion. Auf fünf Monitoren erfährt er, grafisch überzeugend dargestellt, von den gewaltigen, weltumspannenden Strömen von Rohstoffen, Gütern, Daten und Finanzen, aber auch über die anschwellenden Wanderungsbewegungen von Menschen, seien es einfach Touristen oder Geschäftsleute, seien es Menschen, die vor Terror, Krieg und Armut fliehen müssen. In jedem Falle werden hier Entwicklungen vereinfacht vorgeführt, denen man emotional wie rational kaum folgen, geschweige denn sie verinnerlichen kann. Akustisch begleitet wird die Schau in dem halligen Raum von einer Sound- und Textcollage, die der Musiker und Performer Florian Kaplick – passend zum Dada-Jahr – aus den verschiedensten dadaistischen und fluxusnahen Texten wie etwa dem Dada-Manifest „Karawane“ von Hugo Ball arrangiert und komponiert hat.  

Die Installation macht auf diesen normalerweise unbeachteten Ort aufmerksam und hebt die Bedeutung von Europas größtem Kanalhafen, der sich mittlerweile zu einem modernen Logistikzentrum weiterentwickelt hat, ins Bewusstsein. Und sie stellt die engagierte Arbeit der international agierenden Arbeitsgruppe osa vor, die zwischen Kunst und Architektur vorwiegend im öffentlichen Raum agiert, um gewohnte Sichtweisen zu durchkreuzen und festgefahrene Strukturen aufzubrechen. Hier leistet sie ein willkommenes Nachdenken über die Gegensätze von Bewegung und Stillstand in weitreichendem Sinne.  

Bei dem zweiten Beitrag „Truck Tracks Ruhr“ von Urbane Künste Ruhr ist es wiederum der Besucher selbst, der in Bewegung versetzt wird. Diesmal allerdings nicht in schwindelnde Höhen gehoben sondern, nicht weniger ungewohnt, im Lastwagen mit verglaster Längsseite quer zur Fahrtrichtung sitzend. Die renommierte Organisation Rimini Protokoll hat ein Konzept entwickelt, bei dem sie seit April diesen Jahres in einem umgebauten Lastwagen jeweils 49 Betrachter durch Städte des Ruhrgebietes kutschiert. Während der Ruhrtriennale hat sie Duisburg im Visier und führt die wie im Theater in drei Reihen übereinander sitzenden Zuschauer quer durch die Stadt zu sieben mehrheitlich wenig markanten Orten. An dem Betrachter im fahrenden Zuschauerraum gleitet die natürliche, zwar wenig aufregende, aber erstaunlich weit renaturierte, grüne Szenerie vorbei, bis ihm eine Leinwand die Aussicht verstellt und den Blick auf Ausschnitte einer anders gearteten, nunmehr fotografierten Gegend Duisburgs lenkt. Zum originalen Schauplatz kehrt die Inszenierung erst zurück, sobald der Lastwagen an einem der Standorte anhält. Dies ist unter anderem eine Baustelle am Binnenhafen, eine Fußgängerzone, der Parkplatz von IKEA und das Werkstor von Thyssen-Krupp. Hier nun setzt der Ton ein mit Stimmen, welche literarische oder philosophische Texte vortragen. Glücklicherweise belehren sie den Gast nicht mit moralischen Ortsanalysen sondern entführen ihn in gedankliche Gefilde, welche die Problematik des jeweiligen Standorts sinngemäß erweitern. Der Wechsel der Realitätsebenen und die geschickte Verbindung von Bild und Text sind es, welche dem Betrachter die Augen öffnen, ihn sensibilisieren und ihn dieses Erlebnis nicht vergessen lassen.  

Wie eingangs erwähnt, kommt die bildende Kunst vielfach und vielerorts zum Zuge. Waren im vergangenen Jahr junge Künstler verschiedenster Medien eingeladen, Schaufenster leerstehender Geschäfte zu bespielen, so konnten diesmal vier angehende Fotografen an einem Kurs der bekannten Foto-Meister, dem des gerade verstorbenen Daniel Josefsohn und dem von Julian Röder teilnehmen. Die Lehrer gaben, ihrer eigenen Neigung folgend, die differierenden Rahmen „Bude Bett Bargeld“ und „Licht unserer Tage“ vor. Die vier Stipendiaten Louisa Boeszoermeny, Jakob Ganslmeier, Gregor Schmidt und Julian Slagman hatten den Spagat zu leisten, jeweils beide Themen zu bedienen; sie fanden tatsächlich zu Resultaten, die ihre eigene Sicht- und Vorgehensweise klar zum Ausdruck bringen. Die Fotostrecken sind an allen Veranstaltungsorten auf Monitoren zu sehen und im Internet abrufbar.  

Auch die Regisseure der großen Inszenierungen ziehen sich für die Gestaltung ihrer Räume bildende Künstler heran, seien es Maler, Fotografen oder Videospezialisten. Dass das ins surreal Verfremdete allgemein vorwiegt, ist nicht zuletzt dem Belgier Simons geschuldet. Er selbst hat allerdings für seine Inszenierung „Die Fremden“ den gesellschaftskritisch operierenden Aernout Mik engagiert. Wim Catrysse liefert eine eisige, menschenferne Kulisse für „Earth Diver“ von Wouter Van Loy, der Maler Markus Selg bereichert mit computergesteuerten, atmosphärischen Bildern „Medea Matrix“, und Alain Patel lädt seine Choreographie durch Arbeiten der belgischen Bildhauerin Berlinde de Bruyckere auf.  

Biennalen
Ruhrtriennale

D – Bochum, Bottrop, Duisburg, Essen, Gladbeck

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