Band 242, 2016, Monografien / Gespräche mit Künstlern, S. 190

Rita McBride

Public Works – Imaginationen von Gesellschaften in Bewegung.

Annäherungen an das Werk von Rita McBride mit und ohne Field Manual

von Annelie Pohlen

Ein Mixtum compositum aus Skulptur, Architektur, Möbel und Infopult bietet 2015 ein breites Angebot an Informationen: Bücher, Fotodokumente, Skizzen, Farbmuster, Kleinplastiken, Hilfsmittel für Kreative jedweden Alters und – ein in diesem Kontext auffällig edel gerahmtes Musterstück. Selbst wenn der Besucher verwirrt auf einige im Kunstkontext unpassende Details reagiert, die offensive Platzierung von „Tulip Pulpit“ zum Auftakt der „Gesellschaft“ betitelten Ausstellung in der Kestnergesellschaft ist dazu angetan, den ‚Infostand‘ auch ob des zu allerlei Spekulationen inspirierenden Titels als Wegweiser in einen in viele Richtungen ausschweifenden und wieder kondensierten künstlerischen Kosmos zu verstehen.  

Seit den späten 80er Jahren richtet sich der Blick der 1960 in Iowa geborenen, amerikanischen Künstlerin Rita McBride auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen dem Werk als in Form und Material definierbarem Objekt und seinem die Grenzen zwischen der sich selbst genügenden Kunst und dem vermeintlich banalen Alltag sprengendem Potential interaktiver Partizipation.1  

Was ihre im Minimalismus wie in der Konzeptkunst wurzelnden, Skulptur, Bild, Wort, Installation, Lecture - Performances vernetzenden Inszenierungen von vielen Angebote der ‚partizipatorischen Kunst‘ unterscheidet, ist ein ansteckendes Vertrauen in Zeit und Ort übergreifende, kulturelle Visionen wie Praktiken, deren Energie wie ein poetischer Subtext formale Kategorien nachgerade unmerklich unterminiert.  

Vom ersten Auftritt ihrer Werke Ende der 80er Jahre über die Raum greifende „Arena“ 1997 im Witte de With Center for Contemporary Art, Rotterdam und ihre monumentale Außenskulptur „Mae West“ 2011 in München bis hin zu ihrer Antrittsvorlesung 2013 als Rektorin der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie seit 2003 lehrt, entfaltet sich McBrides im postkonzeptuellen Diskurs verankertes und diesen zugleich ironisch schmunzelnd herausforderndes Werk als subtil aufgeladenes Potential wider bornierte Lehrmeisterei in Kunst und Gesellschaft.  

Ob Kanzel, Studio oder Prolog – die Deutung steht jedem frei.

Betrachten wir also McBrides offensive Platzierung von „Tulip Pulpit“ zwischen wenigen den Raum besetzenden Stücken aus den Jahren 2000 bis 2006 als inspirierendes Angebot zum Einstieg in ihr Gesamtwerk – oder als Prolog zu einem Bühnenstück, an dessen von Ort zu Ort variierenden Aufführungen die Schausteller, als da sind die von der Künstlerin gefertigten Werke in je neuen ‚Verkleidungen‘ und Konstellationen und die vielfach durch spezielle Programme aktivierten Besucher immer einen maßgeblichen Anteil haben.  

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Autor
Annelie Pohlen

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Rita McBride

* 1960, Des Moines, Verein. Staaten

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