Band 242, 2016, Titel: postdigital 1, S. 68

Wir sind nie digital gewesen

Postdigitale Kunst als Kritik binären Denkens

von Katja Kwastek

Vor dem Messezentrum von Vancouver steht seit 2010 die Skulptur eines Orca-Wals. Dies ist nicht weiter verwunderlich, sind doch Whale-Watching-Touren eine der beliebtesten touristischen Aktivitäten in der Gegend. Allerdings ist der Orca gepixelt, als wäre er nicht dem Pazifik, sondern einer Computergraphik entsprungen. Er stellt damit auf verblüffend einfache Weise die Frage nach dem Verhältnis von Realität und (digitalem) Bild. Der „Digital Orca“, ein Werk Douglas Couplands, firmiert als eines der unzähligen Beispiele für die so genannte New Aesthetic. Unter diesem Titel öffnete James Bridle, der sich als „Autor, Herausgeber, Technologe und Künstler“ bezeichnet1, im Frühjahr 2011 ein Tumblr-Blog. Es handelt sich um eine erweiterbare Online-Kollektion von Bildern, Videos, Texten und Links, die, so Bridle, „Eruptionen des Digitalen in die physikalische Welt“2 dokumentieren: Neben gepixelten Skulpturen und Designobjekten zeigt das Blog unter anderem Schuhe, die aufgrund ihrer Polygonstruktur an virtuelle 3D-Modelle erinnern, Tarn-Make-Up für Menschen und Tarnmuster auf Gebäuden und Fahrzeugen, die eine Erkennung durch digitale Überwachungssysteme verhindern sollen. Bridle sieht solche Artefakte als Metaphern dafür, dass unser Alltagsleben immer mehr von digitalen Technologien geprägt ist.3 Seine heterogene Sammlung umfasst Abbildungen von realen Objekten, virtuelle Modelle, Beschreibungen von technischen Systemen und Links zu interaktiven Computergrafiken. Seine Beispiele stammen aus Wissenschaft, Design, Kunst, Massenmedien und Militär. Auch die Verbreitung des Konzept der New Aesthetic lässt sich als heterogen bezeichnen. Zunächst erweiterte Bridle selbst das Blog kontinuierlich und bewarb es sowohl online als auch auf Vorträgen. Richtig Fahrt nahm das Projekt dann allerdings erst 2012 auf, als es Thema einer Sektion des SXSW-Festivals war, eines jährlich in Austin (Texas) stattfindenden Film-, Musik- und Medienfestivals. Bridles Sektion wurde von Bruce Sterling, einem bekannten Science-Fiction-Autor, im populärwissenschaftlichen Online-Journal Wired.com besprochen.4 Diese Rezension führte zur geradezu viralen Verbreitung des Konzepts. Die New Aesthetic wurde über die verschiedensten medialen Kanäle gleichzeitig bekannt gemacht, kritisiert und fortgeführt, und dabei um unzählige weitere Beispiele ergänzt.  

„Face it – the digital revolution is over“.5 Mit diesem Ausspruch verkündete der Architekt und Gründer des MIT Media Lab Nicholas Negroponte bereits 1998 das Ende der digitalen Revolution. Er war davon überzeugt, dass digitale Technologien in kürzester Zeit so alltäglich werden würden, dass sie so selbstverständlich wie Luft und Wasser einfach hingenommen werden würden. Heute – mehr als fünfzehn Jahre später – wissen wir, dass die bahnbrechenden, durch digitale Technologien herbeigeführten kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen 1998 bei weitem noch nicht abgeschlossen waren. Und wir haben guten Grund zu der Annahme, dass sie dies auch heute noch nicht sind. Aber wir können zweifellos attestieren, dass Negroponte Recht behielt mit seiner Beobachtung einer zunehmenden Allgegenwärtigkeit des Digitalen, einer Durchdringung unseres Alltagslebens mit digital gesteuerten Technologien. Dies gilt nicht nur für das Smartphone, das gleichermaßen als Kamera, Spiegel, Wecker, Lupe, Lampe, Speichergerät, Musiklieferant, Spielzeug, Navigationsgerät und Telefon fungiert, sondern auch für die verschiedensten Formen von Überwachungs- und Steuerungstechnologien, von der Heizungsregulierung im Privathaushalt bis hin zur Organisation von Finanzflüssen. Das Digitale ist keine virtuelle Realität, keine durch eine Matrix von Alltag und Kultur in irgendeiner Form abgetrennte Sphäre, sondern konstitutiver Akteur und integraler Bestandteil unseres alltäglichen Lebens. Digitale Produktions- und Vermittlungstechnologien stellen nicht mehr nur lediglich eine Alternative zu tradierten Formen der Kulturpraxis dar, sondern sind in zunehmendem Maße direkt oder indirekt Grundlage dieser Praktiken. Diese Einsicht wird auch mit dem Begriff des Postdigitalen beschrieben, er signalisiert eine Abkehr von der Vorstellung des Digitalen als separat gedachte Sphäre. Laut Florian Cramer beschreibt der Begriff des Postdigitalen „den chaotischen Zustand von Medien, Kunst, und Design, nach ihrer Digitalisierung“, den er auch als „Messiness“ kennzeichnet.6 Dieser Zustand biete auch die Möglichkeit einer kritischen Reflexion und Entzauberung der Versprechungen vom Digitalen. (Als Ergänzung hierzu, siehe Florian Cramers Artikel „Nach dem Koitus oder nach dem Tod?“ im vorliegenden Band, S. 54) Für die Kunstwissenschaft ist das Konzept des Postdigitalen gleich dreifach interessant; als mögliche Charakterisierung einer ‚Strömung‘ der zeitgenössischen Kunst, als Einladung zur kritischen Revision von tradierten Konzepten „digitaler Kunst“ und „Medienkunst“, und als Anregung zur Reflexion der aktuellen Praxis von (Kunst-)Wissenschaftlern, Ausstellungsmachern, Kunstvermittlern und Journalisten.  

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Autor
Katja Kwastek

* 1970 , Münster, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Aram Bartholl

* 1972, Bremen, Deutschland

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* 1965 , Utrecht, Niederlande

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* 1979, Turin, Italien

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* 1985, Helmond, Niederlande

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* 1960, Tillsonburg, Kanada

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* 1944, Melbourne, Australien

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* 1966, München, Deutschland

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Weitere Personen
James Bridle

* 1980, London, Grossbritanien

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Douglas Coupland

* 1961 , Rheinmünster-Söllingen, Deutschland

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Florian Cramer

* 1969, Berlin , Deutschland

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* 1972, Los Angeles, Verein. Staaten

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* 1964, London, Grossbritanien

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Rabih Mroué

* 1967, Beirut, Libanon

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Nicholas Negroponte

* 1943, New York, Verein. Staaten

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Bruce Sterling

* 1954

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