Band 237, 2015, Titel: Globale, S. 172

Schlosslichtspiele

Der visuelle Sound hyperdynamischer Metamorphosen

von Michael Hübl

Hat Friedrich Schiller nur eine alte psychologische Erkenntnis formuliert oder beschrieb er ein Grundprinzip modernen Marketings, als er 1793 im Achten Brief „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ feststellte, dass „der Weg zu dem Kopf durch das Herz muss geöffnet werden“? Zumindest folgte er Jean-Jacques Rousseau, der rund drei Jahrzehnte zuvor in seinem Roman „Julie ou la Nouvelle Héloïse“ konstatiert hatte: „Wenn es die Vernunft ist, die den Menschen ausmacht, so ist es die Empfindung, die ihn leitet.“ Peter Weibel hätte sich mithin auf zwei bedeutende Gewährsmänner berufen können, als er sich entschied, die GLOBALE mit einem sinnlich intensiven, gleichsam herzerwärmenden visuellen Angebot anzureichen. Unter dem Motto „Schlosslichtspiele“ wurden vom 20. Juni bis 26. August 2015 allabendlich nach Einbruch der Dunkelheit Video Mappings von Teams wie Maxin10sity mit 300 Fragments, Playmodes Studio mit Dazz oder Xenorama mit Oneironaut auf die barocke Hülle des (im Zweiten Weltkrieg ausgebombten und im Inneren modern gestalteten) Karlsruher Schlosses projiziert.  

Technisch war das Unternehmen anspruchsvoll, denn es erforderte exakt austarierte Programmierungen, damit es bei den aus mehreren Abschnitten zusammengesetzten Projektionen zu keinen Überschneidungen kam. Meteorologisch war es begünstigt, denn das anhaltend freundliche Sommerwetter verlockte Tausende dazu, sich auf dem Platz vor dem einstigen Herrschersitz einzurichten und Arbeiten wie Reflections von Jesper Wachtmeister oder Noise3 von ruestungsschmie.de auf sich wirken zu lassen. Und atmosphärisch war die Veranstaltung schon deshalb ein Erfolg, weil sie beim allgemeinen Publikum die Sympathiewerte für die Globale insgesamt steigen ließ, von der sonst mancher vielleicht geargwöhnt hätte, sie sei vorwiegend für Spezialisten und Theoretiker interessant.  

Stattdessen Begeisterung für Lichtspiele, die mit einer non-verbalen, nur auf Bild und Sound basierenden Form der Narration aufwarteten, in hyperdynamischen Metamorphosen Momente aus der Wissenschaftsgeschichte aufleuchten, architektonische Strukturen zerbröseln und wieder auferstehen oder surreale Monsterphantasmagorien Gestalt annehmen ließen. Hinzu kam als partizipatorischer Beitrag die von Peter Weibel und Matthias Gommel entwickelte Projektion FLICK_KA, die Porträts von Menschen, die sich zuvor hatten fotografieren lassen, zu einem Giga-Gruppenbild vereinte. Außerdem wurde als eines „der weltweit ersten interaktiven Megapixel Multiplayer Mapping Games“ (Text ZKM) das interaktive Spiel Capture the Pyramide von PONG.LI geboten, bei dem sich per Smartphone zwei Mannschaften zusammenfinden und gegeneinander antreten sollten. Das alles wirkte dermaßen stark, dass, wenn die Projektoren erloschen, das Schloss, das doch als Sehenswürdigkeit gilt, wie eine graue, fahle, banale Masse dastand. So als habe die Virtualität über die Realität gesiegt.  

Kuratiert von Peter Weibel.mit Daria Mille und Jan Gerigk  

Autor
Michael Hübl

* 1955, Schwetzingen, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

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Weitere Personen
Matthias Gommel

* 1970, Stuttgart, Deutschland

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Jean-Jacques Rousseau

* 1712, Genf, Schweiz; † 1778 in Ermenonville, Frankreich

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Friedrich Schiller

* 1759, Marbach am Neckar, Deutschland; † 1805 in Weimar, Deutschland

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