Band 232, 2015, Titel: Kunstverweigerungskunst II, S. 46

Psychoanalyse und Verweigerung

Marina Abramovićs Performance der Reduktion

vom Erik Porath

Gegenwartskunst als Psychoanalyse?

Es ist alles bereit: Tisch und zwei Stühle stehen auf einer großen freien Fläche. Eine ist schon da. Sie sitzt und wartet. Wer wird kommen und den leeren Platz einnehmen? Keiner weiß, was passieren wird. Die Situation ist karg und streng, zugleich aber offen für alles Mögliche. Werden Worte gewechselt? Oder bleibt es bei Blicken, stummen Gesten, versteckten Zeichen? Es ist eine angespannte Nähe, die nur noch durch den Zwischenraum des Tisches die Distanz wahrt. Die Präsenz des Anderen wird deutlicher denn je, ohne dass man weiß, was daraus folgt. Kann man das ertragen? Und wie lange? Das ist das Setting.  

Dieses Setting gehört nicht in die Psychoanalyse. Jedenfalls entspricht es nicht dem klassischen Arrangement, das Sigmund Freud erfunden hat: eine von aller Öffentlichkeit abgeschottete Begegnung zwischen Analysant und Analytiker, ersterer liegend auf der Couch ohne direkten Blickkontakt und zu freier Assoziation aufgefordert, und letzterer den Äußerungen mit gleichschwebender Aufmerksamkeit begegnend, zuweilen nachfragend, kommentierend und deutend. Dagegen hat die Künstlerin Marina Abramović im Jahre 2010 ihre „durational performance“ The Artist is Present in der Öffentlichkeit des Museums of Modern Art, New York, deren Vorbereitung und Aufführung Matthew Akers in seinem gleichnamigen Film festgehalten hat. In der Londoner Serpentine Gallery wurde die Performance in modifizierter Form 2014 unter dem Titel 512 Hours aufgeführt. Während der insgesamt 736 Stunden, „in which visitors were invited to sit in silence opposite the artist and gaze into her eyes for an unspecified amount of time“, kam es zu erstaunlichen Reaktionen, mit denen vielleicht niemand außer der Künstlerin selbst, die darauf abzielte, gerechnet hatte. Denn äußerlich wurde ja nicht viel geboten. Da hier die Rollen noch weniger bestimmt sind als im klassischen Setting der psychoanalytischen Kur, sind auch die kursierenden Wünsche und Erwartungen noch unbestimmter – jedenfalls aufs Ganze der Teilnehmer dieser Performance gesehen. Auch die Rolle des Künstlers ist weniger eindeutig als die des Therapeuten, wobei Analytiker in einer konkreten Aufgabenzuschreibung sicherlich auch nicht aufgehen (wollen). Was aber ist der Künstler heutzutage? Welche Rolle kann er einnehmen, gar erfüllen? Was kann er für das Publikum leisten? Was sind die mit ihm auftretenden Erwartungen, Hoffnungen?  

Wenn es bei Kunst um Wertbildungsprozesse geht, denen man weder mit Termini der Marx’schen relationalen Arbeitswerttheorie noch mit der Simmel’schen subjektiven Wertphilosophie in befriedigender Weise beikommt (Isabelle Graw1), dann kann man in einem allgemeinen Sinne davon sprechen, dass „der ästhetische Sinn der Objekte eine Art Plazierung dieser Objekte im Universum der Werte des Menschen“ (Mihai Nadin2) darstellt. Die Frage nach Bedeutung und Motiv der Verweigerung in den Künsten erscheint in dieser Perspektive als gezielte Gegenbewegung, an diesen unterschiedlichen Dimensionen der Wertbildung teilzuhaben, die sich rund um die Kunst vollziehen. Im Folgenden geht es nicht um die Verweigerung von Kunst, die sich nach außen, kritisch gegen andere kulturelle und gesellschaftliche Bereiche und deren Anforderungen richtet; auch nicht um die von außen gegen die Kunst gerichteten, zum Teil aggressiven Akte einer politischen, religiösen oder wutbürgerlichen Verweigerung (Ikonoklasmus), sondern um jene Verweigerung von Künstlern, die in ihrer Arbeit auf die mit Kunst und Kunstbetrieb selbst verbundenen Ansprüche und etablierten Praktiken reagieren.  

Kunst, Begehren, Abwesenheit

Verläßlich ist allein die Bestimmung, dass in allem Kunstmachen und aller Kunstwertschätzung Begehren steckt. („Kunstwollen“ hieß der Terminus als kunstgeschichtliche Kategorie einmal). Dieses Begehren kann sehr persönlich sein, einzigartig und plötzlich auftreten – und folgt doch bestimmten, zuweilen gut entzifferbaren Mustern. Es verbindet Menschen miteinander und mit den Sachen, lässt sie konkurrieren um ein und dasselbe begehrte Gut und läßt dieses seinerseits als begehrenswert erscheinen, als höchstes Gut oder schlichter: als Liebesobjekt (René Girard hat dies „mimetisches Begehren“ genannt).3 Dieses Begehren drückt sich in Träumen und Tagträumen, in Fantasien, Visionen, Halluzinationen, Delirien und Fantasmen ebenso aus wie in weniger zum Extrem neigenden, alltäglichen Tätigkeiten. Gegenüber einem solchen Begehren können die ausgeführten Werke, die begehrten Kunstobjekte, nur zurückbleiben. Der Umgang mit diesem Versagen der Objekte des Begehrens ist eine wichtige Spur, der Sigmund Freud schon früh auf die Schliche gekommen ist. Das Versprechen der Kunst erscheint da nicht einfach als eine Antwort auf dieses fehlgehende Begehren, sondern reiht sich einerseits selbst in die Fehlleistungen einer Psychopathologie des Alltagslebens ein. Von der Alltäglichkeit nimmt alles künstlerische wie jedes menschliche Tun schließlich seinen Ausgangspunkt. Andererseits gehört zu jeglichen Schaffensprozessen begrenzter und fehlbarer Subjekte die Erfahrung der Ent-Täuschung und des Scheiterns hinzu, aus denen positive wie negative Konsequenzen erwachsen bzw. zu ziehen sind. Lernen aus Fehlern ist eine Form, wie mit diesem grundlegenden Mangel an Perfektion umzugehen ist. Grundsätzlicher noch ist die Einsicht, dass Leben sich in einer Logik des Nicht-Alles (Jacques Lacan) vollzieht und man auf Mittel und Wege sinnen muss, sich mit den Unmöglichkeiten und der Imperfektion ins Benehmen zu setzen.  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Marina Abramović

* 1946, Belgrad, Serbien und Montenegro

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Weitere Personen
Sigmund Freud

* 1856, Freiberg, Deutschland; † 1939 in London, Grossbritanien

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Isabelle Graw

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Jacques Lacan

* 1901, Paris, Frankreich; † 1981 in Paris, Frankreich

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