Band 231, 2015, Ausstellungen: Karlsruhe, S. 286

Johannes Meinhardt

Lynn Hershman Leeson

»Civic Radar«

ZKM Karlsruhe, 13.12.2014 – 29.3.2015

Mit Lynn Hershman Leeson zeigt das ZKM eine Künstlerin, die (geboren 1941) von ihren ersten, feministischen Arbeiten in den frühen sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts an bis heute, wo medientheoretische Fragen im Zentrum ihrer Arbeit stehen, kontinuierlich und konsequent eine kritisch-analytische Position gegenüber zentralen Problemen der spätindustriellen Gesellschaften – besonders der USA – eingenommen hat. Aufgewachsen in einer Epoche, in der die USA von Bigotterie, Hypokrisie und antiliberaler Hysterie erfüllt war – und es schmerzt, dass die nordamerikanische Gesellschaft nach dem 11. September 2001 in eine ähnliche Haltung zurückgefallen ist –, stand im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit wie ihrer Arbeit von Anfang an die Erfahrung (die sie auch zu einem Teil der beginnenden Frauenbewegung machte), dass Weiblichkeit (aber auch Hautfarbe, `Rasse´) als ideologische Rolle ein gesellschaftliches Konstrukt von Verboten, Vorschriften und Zwängen ist – die damit verknüpfte umstrittene und schwierige Frage war vor allem, ob es eine eigene Subjektivität hinter den Rollen gibt oder geben kann.  

Auf diesen rigiden Kanon von Vorschriften und Verboten reagierte sie in den sechziger Jahren mit Selbstvergewisserungen und Selbsterforschungen: sie stellte dunkelhäutige Wachsabgüsse ihres Gesichts her, die sie mit maschinellen Atemgeräuschen ausstattete: „Breathing Machines“, 1966-1967 – Masken (die ja kulturell eng mit dem Tod assoziiert sind), die atmen und Leben anzeigen; nach ihrem Gesicht geformte Masken tauchten auch schon in den „Suicide Machines“ ab 1962 auf. In der Installation „Dante Hotel“ 1973-1974 hatte sie zusammen mit Eleanor Coppola in einem in diesem Hotel gemieteten Zimmer zwei lebensgroßen Puppen mit Wachsköpfen – nach ihrem Kopf gefertigt – in das Doppelbett gelegt; die eine weiß, die andere schwarz. In dieses Zimmer konnten Besucher hineinschauen, nachdem sie den Schlüssel beim Portier geholt hatten; sie sahen eine doppelte Überschreitung: lesbische Rassenschande.  

Seit den siebziger Jahren reagierte Lynn Hershman auf ihre `minoritäre´ Position als Frau und Künstlerin vor allem mit der Herstellung unterschiedlicher Identitäten; zuerst noch auf der Suche nach einer eigenen Identität. „In allem, was ich tat, suchte ich meine eigene Stimme und, nehme ich an, eine Identität für mich. Ich erfand vorläufige Identitäten für mich.“ Rollen bewusst einzunehmen, sogar jahrelang eine erfundene zweite Identität durchzuhalten („Roberta Breitmore“, 1973-78), waren so zum einen eine Möglichkeit, die gesellschaftlichen Zwänge der Weiblichkeit zu unterlaufen und zu entlarven, zum anderen sich selbst diesen Zwängen zu entziehen und sich zu schützen. „So war die Maske immer schon ein Mittel, um die eigene Verletzlichkeit zu verbergen.“  

Als „Roberta Breitmore“ beispielsweise lebte Lynn Hershman ein Doppelleben, wobei diese Kunstfigur teilweise auch von anderen Frauen gespielt wurde; ein Doppelleben, das sie zuletzt als ausgesprochen bedrohlich wahrnahm. Vorher, 1971-73 war sie als Kunstkritiker tätig gewesen, unter den (sprechenden) männlichen Pseudonymen Juris Prudence, Herbert Goode, Gay Abandon.  

Das Pseudonym ist, wie auf andere Weise die Maske, gebunden an die alten Medien Schrift und Plastik. Das Spiel mit unterschiedlichen Identitäten wurde durch die neuen audiovisuellen Medien stark verändert: an die Stelle von Schrift und Plastik trat vor allem das Video; der Videoschirm erlaubte, die für den (kontrollierenden, beurteilenden) Blick der Anderen produzierte Oberfläche der eigenen Person selbst wahrzunehmen, zu verändern und neu zu erfinden. Identität ist immer schon soziale und sozial vermittelte Identität; durch die neuen Medien wurde die soziale Kontrolle von Identität extrem verstärkt, indem zum einen dem individuellen Imaginären wörtliche Vorbilder vorgesetzt und aufgezwungen wurden, zum anderen die tatsächliche Überwachung des öffentlichen Raums und des Internets dazu geführt hat, dass das Individuum als Verknüpfung von Informationen hinter seinem Rücken, von seinem Bewusstseins nicht wahrgenommen, konstruiert, verwaltet und kontrolliert wird.  

In den letzten 20 Jahren hat Lynn Hershman das Feld ihrer Fragestellungen ausgeweitet: an ihre Überlegungen zur Identität als Zwangssystem, zur medialen Konstruktion von Identität, zum Zusammenhang von gesellschaftlicher Kontrolle, medialer Überwachung, Voyeurismus und Gewalt knüpften Untersuchungen an zur tatsächlichen, materiellen Konstruktion von Körper und Person durch plastische und regenerative Medizin und Genetik. Ihre großen Filme, vor allem „Conceiving Ada“ (mit Tilda Swinton), 1997, 1.25, 35 mm, und “Teknolust” (mit Tilda Swinton), 2002, 1.23, 35 mm, verbinden die Themen der medialen, psychischen und der materiellen, medizinischen Konstruktion des Körpers und des Selbst. In diesen immer auch autobiographischen Videos zeigt Hershman, dass soziale Realität (und Identitätszuschreibung) so gewaltsam und unerträglich ist, dass die psychische und soziale `Wahrheit´ nicht zu ertragen ist und deswegen die Subjekte selbst Masken, fiktive Selbstbilder, darüber gelegt haben – die Avatare der Virtual Reality sind medientechnisch verfertigte Selbstbilder dieser Art, plastische Chirurgie erzeugt fleischliche Fiktionen, Gentechnik versucht, selbst die organische Welt zu konstruieren.  

Die Verleugnung von Endlichkeit und Beschränktheit der technischen Naturbeherrschung und Selbstermächtigung artikuliert sich im Sozialen wie im Biographischen in der Wiederkehr des Verdrängten. Die schnellen Pseudobefriedigungen der Warenwelt, die das Begehren nicht befriedigen, aber als unbefriedigtes umlenken und perpetuieren, führen zu einem unstillbaren, suchtförmigen Hunger: Hunger nach Essen, nach Alkohol, nach Drogen, nach Sex, nach Bildern, nach medialer Ankopplung; und dieser Hunger, der auf der wesentlichen Unwahrheit der Warenwelt beruht, ist gewaltsam und erzeugt Gewalt: familiäre und gesellschaftliche Gewalt.  

Gegen den – durch Medientechnologie vermittelten – anwachsenden Druck der medialen Realität glaubte Lynn Hershman schon früh ein aufklärerisches Gegenmodell gefunden zu haben: interaktive Medien, die dem Benutzer Möglichkeiten des Agierens und Entscheidens zurückgeben; im Idealfall sogar die Möglichkeit, die Wirkungsweise der medialen Vorgaben zu durchschauen. So die interaktive Laserdisk-Installation „Lorna“, 1979-84: die Zuschauer befinden sich in einem Raum, der mit demjenigen im Video identisch ist, und können mit der Hilfe der Fernbedienung das Leben von Lorna bestimmen, einer Frau, die nie ihre Wohnung verlässt; es gibt drei mögliche Enden der Geschichte: Lornas zunehmender Verfall, ihr Ausbrechen, ihr Selbstmord.  

Die Ausstellung hat das Problem, dass die Filme von Lynn Hershman, vor allem die neuen und langen Filme, nur schlecht zu sehen und noch schlechter zu hören sind; sie werden nicht in geschlossenen Räumen gezeigt, sondern in offenen Raumecken. Das ZKM hatte für die Präsentation von Videos mehrfach schon sehr gute Lösungen gefunden; deswegen fällt dieses Problem besonders auf.  

Zur Ausstellung wird ein Katalog erscheinen.

Autor
Johannes Meinhardt

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Lynn Hershman Leeson

* 1941, Cleveland, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...