Band 222, 2013, Titel: 55. Biennale Venedig, S. 226

Großbritannien: Jeremy Deller
Kommissarin: Andrea Rose
Kuratorin: Emma Gifford-Mead
Ort: Pavillon in den Giardini
 

Jeremy Deller

Zwischen Pop-Kultur und sozialer Realität

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Jeremy Deller, Künstler, Kurator, Direktor und Produzent, 1966 in London geboren, studierte Kunstgeschichte an der Courtauld Institute und war 2004 für den Turner Preis nominiert. In diesem Jahr bespielt Deller den Britischen Pavillon auf der Venedig Biennale. Heinz-Norbert Jocks traf ihn zu einem Gespräch.  

***  

Heinz-Norbert Jocks: Warum machen Sie Kunst?  

Jeremy Deller: Weil ich nicht besonders gut in irgendetwas Anderem bin. Und da meine Talente, die nicht sichtbar, sondern praktisch sind, auf merkwürdige Gebiete gerichtet sind, ist die Kunstwelt ein zum Ausleben derselben geeigneter Kanal. Dort lassen sie sich am besten nutzen.  

Nun sind Sie ein sich diversen Themen zuwendender Künstler. Könnten Sie die im Pavillon angesprochenen einmal herausstellen?  

Dazu fällt mir spontan ein, dass ich Anfang der 90er Jahre, also gegen Ende des Kommunismus in Russland war. Hier in Venedig spreche ich recht unterschiedliche Themen an. Beispielsweise die „British Arts and Crafts Mouvement“. Außerdem die prähistorische Kultur. Die Luftfahrtsteuer. Die britische Rock-Industrie. Das Königssystem in England. David Bowie und seine Wirkung auf das britische Publikum. Die Beziehung zwischen populärer Kultur und Mainstream. Schließlich die ökomischen Konflikte.  

Ihr Sehen und Denken scheinen einen biographischen Hintergrund zu haben.  

Ja, das stimmt. Es gibt neben der großen Geschichte immer auch die persönliche.  

Und wir leben in beiden und oszillieren zwischen beiden.  

So ist es. Da sind unsere kleinen Geschichten. Zwischenfälle und kleine Ereignisse. Szenen, die ich aus Filmen und verwendet habe. Meine Methode ist die, dass ich mir etwas herausgreife, es mir näher anschaue und es auf andere Weise zeige.  

Können Sie das bitte erläutern?  

Nehmen wir Prince Harry und die Vögel als Beispiel. Eine Szene aus dem Jahr 2007. Wie Sie wissen, wurde ihm vorgeworfen, auf zwei sehr seltene Vögel geschossen zu haben. Es ist nicht sicher, ob er es getan hat oder nur dabei war. Es mag ein wenig Wischiwaschi klingen, aber die Grausamkeit gegenüber Tieren nervt mich umso mehr, wenn davon Vögel betroffen sind, geht, die einer gefährdeten Art angehören. In ganz England existieren von ihr vielleicht noch zwanzig Exemplare. Auf jeden Fall war er Augenzeuge dieses Vorfalls. Es passierte dann, dass er diese Geschichte in einem Taxi erzählte. Geschossen wurde dabei aus einem Range Rover, und ich hasse diese Autos aufgrund dessen, was sie repräsentieren. Es sind gefährliche Fahrzeuge, gesteuert von gefährlichen Typen. Ich selbst bin Radfahrer.  

Haben Sie selbst negative Erfahrungen mit solchen Leuten gemacht?  

Nein, aber ich sehe Range Rovers die ganze Zeit und dazu die schlimmsten Fahrer. Größenwahnsinnige. Immer am Telefonieren. Sie setzen keinen Blinker, wenn sie die Richtung wechseln oder irgendwo abbiegen. Sie bilden sich ein, ihnen gehört die Welt.  

Warum sind Sie so darauf fixiert?  

Es ist gut möglich und statistisch mehr als wahrscheinlich, dass ich eines Tages von einem Range Rover über den Haufen gefahren werde, wenn ich gerade auf dem Fahrrad sitze. Überhaupt hasse ich den ganzen Kult um dieses Fahrzeug. Diesen völlig überzogenen Materialismus und diese Arroganz. Das machohafte Gehabe. Deshalb liebe ich diesen Vogel, der sich diesen Range Rover aus der Luft schnappt und von der Straße befördert und tötet. Das ist wirklich ein „Guter Tag für Radfahrer“. So der Titel der Arbeit, der die Vorstellung zugrundliegt, dass sich die Natur an diesen Fahrzeugen rächt.  

Wie kamen Sie zur Kunst? Sie stammen aus einer Familie der unteren Mittelschicht.  

Meine Eltern gehörten der unglaublich liebevollen ersten Kirchgänger-Mittelschicht-Generation an. Sie waren stolz auf mich und konnten selbst nie eine Universität besuchen. Insofern war der Besuch einer Privatschule für mich etwas Herausragendes. Mein Vater arbeitete in der Verwaltung und meine Mutter an der Rezeption der NHS London. Mir die Privatschule zu ermöglichen, war für sie ein großes Opfer. Dafür bin ich ihnen dankbar. Übrigens ging Nigel Farag1 auf die gleiche Schule, aber zwei Klassenstufen über mir. Ich erinnere mich nicht wirklich an ihn, aber ich weiß ganz genau, was das für ein Typ ist. An der Schule, heute ein ziemlich liberaler und integrativer Ort, waren damals fast nur Weiße. Eine reine Jungenschule der aufstrebenden Mittelschicht. Vielleicht waren unter den 1500 Schülern zehn schwarze und unter den Lehrern gerademal zwei weibliche. Und Typen wie Farage waren absolute Chauvis, total homophob.  

Wie kamen Sie zur Kunst, wo Ihre Eltern doch damit nichts am Hut hatten?  

Da es keine Ausbildung zum Künstler gab, brauchte es eine Weile zwischen fünf und sieben Jahre nach Verlassen der Universität, bis ich dahin gelang. Alles in allem eine lange Geschichte mit vielen Veränderungen zu den unterschiedlichsten Zeiten. Ein Prozess des Sich-Ausprobierens, um herauszubekommen, was mir liegt. Wie ich arbeiten, wo ich leben kann und hingehöre.  

Warum studierten Sie Kunstgeschichte?  

Weil ich Malerei und Kunst mag.  

Mir scheint aber, als sei das Außerhalb der Kunst für Sie ebenso auf- und anregend.  

Ja, ich beobachte, was in der Welt um mich herum vor sich geht, und mache keine Kunst aus kunsthistorischer Sicht. Ich bin kein Akademiker, was nicht heißt, dass ich die Kunst nicht liebe. Von Werken der Vergangenheit, die ich massenhaft sah, habe ich viel gelernt. Die großen Gemälde in der Ausstellung sind Gemälde wie in Kapellen. Eine besondere Nähe empfinde ich übrigens zu den Figuren der Mythologie, von der die Kunstgeschichte übervoll ist, und es freut mich, das weiter ausbauen, damit arbeiten und spielen zu können.  

Können wir einen imaginären Rundgang durch den Pavillon unternehmen?  

Der Pavillon hat einen großen zentralen Raum wie in einer Kirche, einer Kapelle oder in einem Tempel. Und den wollte ich möglichst offen lassen. Mit viel Licht. An den Wänden sollte etwas hängen, aber keine Texte. Ja, man soll das Gefühl haben, sich in den Räumen wie in einer Kirche zu bewegen. Man läuft herum, nimmt es auf, steht vor Gemälden und schaut. Soweit der formale Aspekt.. Die anderen Räume sind mehr wie Seitenflügel oder Kammern, wo man auf William Morris und Marina Abramović trifft, und schließlich ist da noch eine traditionell aussehende Galerie mit klassisch gerahmten Zeichnungen.  

Am stärksten belagert wird der Raum mit dem Video.  

Natürlich, das Publikum liebt Videos. Um das Video von Anfang bis Ende zu sehen, müssen sie fünfzehn Minuten bleiben. Die Gruppe, die sich das gleichzeitig ansieht, ist aber nicht größer als die Zahl derjenigen, die währenddessen den Raum mit den Zeichnungen passieren. Man benötigt dafür nicht mehr als drei bis vier Minuten.  

Nun stellen Sie Zeichnungen von Gefängnisinsassen in Wales aus.  

Ja, ehemalige Soldaten des Irak-Krieges, die für ihre Verbrechen verurteilt wurden. Mir lag daran, eine Galerie mit Porträts von Leuten mit und ohne Macht zu präsentieren. Außerdem sollten die Zeichnungen die Erfahrungen im Krieg widerspiegeln.  

Wann bekamen Sie die Macht zum ersten Mal zu spüren?  

Glücklicherweise musste ich nie zum Militär. Ich war allerdings, wie ich schon erzählte, auf einer traditionellen Privatschule. Dort war alles reglementiert. Man wusste, was man in der nächsten halben Stunde zu tun und zu lassen hatte. Zunächst war ich ziemlich zufrieden. Aber später ging mir diese Reglementierung gegen den Strich. Man konnte es nicht anhalten. Da spürte man etwas von der Macht.  

Wie verlief die Zusammenarbeit mit den Häftlingen?  

Ich stellte mich vor und führte sie in meine Arbeit ein. Dann bildeten wir eine Art Kunstklasse, Wir verbrachten einige Tage arbeitend zusammen. Sie sprachen über ihr Leben im Gefängnis und beim Militär und darüber, wie ihr Leben allmählich einen schlechten Verlauf nahm. Dabei habe ich eine Menge gelernt.  

Wollten Sie erfahren, wie sich das anfühlt, ein Gefangener zu sein, ohne wirklich einer zu sein?  

Ja, das stimmt definitiv. Niemals in meinem Leben möchte ich erfahren müssen, was es heißt, eingesperrt zu sein. Aber ich wollte wissen, wie das ist. Ich wollte an Orte gehen, zu denen man sonst keinen Zutritt bekommt, und etwas machen, was man nicht darf. Mich interessieren Gefängnisse und die Menschen, deren Leben dort endet. Dieser Ort ist wie die Armee eine geschlossene Gesellschaft. Ein Gefängnis zu besuchen, ist lehrreich, weil man dort umso deutlicher spürt, wer man ist. Wie gut es einem geht, wie glücklich die eigene Kindheit und Jugend waren. Hingegen war die Kindheit dieser ehemaligen Soldaten trostlos. Wie Spieler beim Kartenspiel hatten sie einfach keine gute Hand.  

Es geht Ihnen wohl darum, ein ganz anderes Leben zu verstehen. Was bringt Ihnen diese Reise ans Ende des Bewusstseins eines anderen Menschen? Hilft es Ihnen?  

Mich besser zu verstehen. Ja, vielleicht. Es hat wohl damit zu tun, dass Sie als Künstler über eine Freiheit und Mobilität verfügen, die Ihnen etwas zu machen erlaubt, was andere nicht können. Wer ein erfolgreicher Künstler ist, wie ich einer bin, führt ein unvergleichliches Leben. Es war für mich eine unglaubliche Erfahrung, dabei zu sein, wie Gefangene Kunst machen. Hinzu kommt, dass ich die sogenannte Außenseiter-, besser die Amateur- und Volkskunst einfach spannend finde. Nicht nur die englische, sondern jede Art von Volkskunst. Diese entsteht nicht selten in Gefängnissen. Einige verbringen da ihr ganzes Leben damit.  

Können Sie über das Video sprechen?  

Es ist in einem gewissen Sinne ein Pop-Video, das die verschiedenen Ideen in der Ausstellung miteinander verbindet. Es ist so etwas wie ein „Making of“ dessen, wie wir die Ausstellung und die Themen angelegt haben. In gewisser Weise illustriert es die hinter der Ausstellung verborgenen Ideen. Den Sinn von allem. Weil Musik für mich eine so enorme Bedeutung hat, wollte ich unbedingt Musikelemente und Musik einbeziehen, die man beim Durchlaufen der Räume hört. Es gibt Ausstellungen, wo jeder Raum mit anderer Musik bespielt wird, so dass sich alles vermischt. Hier lag mir daran, überall hörbare Musik zu haben. Mir gefällt auch die Idee von Coverversionen, und es war großartig, die Gelegenheit gehabt zu haben, eine Platte im Abby Road-Studio aufzunehmen.  

Reden wir noch über den letzten Raum mit den Fotografien.  

Die am selben Tag aufgenommen sind, da David Bowie mit „Ziggi Stardust“ tourte. Es zeigt, was zur gleichen Zeit in England geschah. Es sind parallele Geschichten. Hier die Pop-Kultur und dort der soziale Zusammenbruch. Der Terrorismus. Die Wirtschaftskrise. Alles gleichzeitig. Auf der einen Seite diese fantastische Tour, die das Leben der Menschen veränderte, und auf der anderen Seite das zur gleichen Zeit in England wütende Chaos. Diese Konfrontation finde ich signifikant. Dabei geht es um Identität. Darum, wie Leute etwas sehen und sich selber definieren. Entweder als Anhänger von Leuten wie David Bowie oder als solche, die sich einer politischen Bewegung angeschlossen haben.  

Was lässt Sie so denken?  

Es hat wohl viel mit mir zu tun. Ich wuchs zu einer Zeit auf, wo ich sowohl ein Bewusstsein für Popmusik als auch für Politik entwickeln konnte. Es war die Zeit der Umwälzungen in UK. Es gab drei Wochen lange Streiks. Ich erinnere vor allem Fernseh- und die Streikpostenbilder. Wir hatten Stromausfälle, und die betrafen einen direkt. Zweimal in der Woche gingen die Lichter aus. In dieser Dunkelheit zu sein, das war aufregend und angsteinflößend. Von daher war klar, dass etwas passieren wird. In meinem Gedächtnis sind diese soziale Realität und die Bildern herausragender Bands eng miteinander verschmolzen.  

Woran erinnern Sie sich noch?  

Vor allem an David Bowie im Fernsehen. An sein Outfit und seine Stimme. Überhaupt an all diese glamourösen Bands von damals. Bowie ist eine Fantasiegestalt und war für mich ein Superheld. Mich faszinieren solche Lichtgestalten, weil sie die Welt interessanter machen. Als Kind spürte ich, dass solche Figuren ein extremes Leben führen. Entsprechend groß war ihre Anziehung. Wenn man so etwas als Kind erlebt hat, vergisst man es so wenig wie die erste Liebe. Diese Art von Musik war definitiv meine erste Liebe.  

Und ihre zweite?  

Andere Musik.  

Übersetzt aus dem Englischen von Heike Bathge

1 Nigel Paul Farage ist ein britischer Politiker und Vorsitzender der UKIP. Er ist seit 1999 Mitglied des Europäischen Parlaments, in dem er einer der beiden Vorsitzenden der EU-skeptischen Fraktion Europa der Freiheit und der Demokratie ist.

venicebiennale.britishcouncil.org  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Jeremy Deller

* 1966, London, Grossbritanien

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