Band 206, 2010, Gespräche mit Künstlern, S. 238

Jürgen Teller

Es kommt einfach aus dem Leben heraus!

Ein Gespräch mit Fabian Stech

In der Mode- aber auch in der Kunstfotografie wird oft versucht Intimität künstlich zu produzieren. Jürgen Teller ist einer der großen Fotografen, bei dem der Mehrwert der Intimität und der Authentizität aus der Situation und seiner ganz eigenen Art zu fotografieren heraus zu entstehen scheint. Es entsteht das Gefühl, dass es sich dabei auch um den Versuch handelt in einer Welt die von Grenzen, Regeln und kommerziellen Zwängen abhängig ist, so frei wie eben möglich zu leben und zu arbeiten. Ein Gespräch mit Jürgen Teller über seine Art zu fotografieren.  

***  

Jürgen Teller: Grüß Gott  

Fabian Stech: Guten Tag, Jürgen, du zeigst die Ausstellung, die in Dijon im Consortium zu sehen war auch zur Foto Espana in einer Galerie in Madrid. Was interessiert dich am Galeriekontext? Ist es ein großer Unterschied zur Modewelt?  

Ich arbeite ja mit Bildern, mit Fotografien und es ist immer was anderes, ob ich eine Werbekampagne mache, ein Buch, ein Layout für ein Magazin oder etwas an der Wand aufhänge. Egal ob das Zuhause ist oder in einer Galerie. Es macht mir alles Spaß, denn ich lerne was draus. Was ich auf der Doppelseite einspielen kann, ein Foto auf der rechten Seite oder zwei, oder auch eine Gruppe von Fotos; es bleibt immer nur die zweidimensionale Doppelseite. Du hast vielleicht 30 Seiten in einem Magazin oder acht. Ein Buch hat auch nur eine begrenzte Anzahl von Seiten. Aber du siehst dieses eine Ding. Du hast im Gedächtnis, was du siehst und drehst die Seite um. Wenn du in einen Raum rein gehst, kannst du noch mal ganz andere Sachen machen. Ich bin eigentlich mit dem Fernseher aufgewachsen. Und weil ich vom Dorf komm, war da nicht so viel mit Kino. Erst mit 15 begann ich ins Kino zu gehen. Ich kann mich noch genau erinnern, an Apokalypse Now, da bin ich in Erlangen im Kino gewesen mit meinem großen Cousin. Das war am Nachmittag. Ich hab erst mal wochenlang gebraucht, bis ich damit klargekommen bin, das war so ein totales visuelles Erlebnis und schon ganz was Besonderes. Und dann habe ich mich natürlich für Musik interessiert und bin in Plattenläden gegangen wegen der Cover. Früher gab es ja auch noch die großen Platten zum Aufschlagen usw. Das war unheimlich wichtig für mich. Wenn es gute Plattencover waren, war die Musik auch gut. Es ist fast nie vorgekommen, dass es totaler Scheiß war, wenn das Plattencover gut war. So bin ich visuell aufgewachsen. Mit den Galerien, das kam viel, viel später. Da hab ich eine Weile gebraucht, bis ich mich da sicherer gefühlt habe.  

Fällt dir eine spezifische Platte ein aus der Zeit, Apocalypse Now ist 1979 rausgekommen, da warst du fünfzehn?  

Ja, meine allererste Platte, die ich gekauft habe, da war ich dreizehn, das war Golden Greats von Sweet. Das Plattencover war da nicht so toll, glaub ich.  

Was dich interessiert, ist also auch der technische Aspekt des Raums. Ist die Ausstellung in Spanien anders gehängt; hast du Bilder dazugenommen?  

Die Ausstellung in Spanien ist viel größer, obwohl die im Consortium auch schon relativ groß war. Kurz vor Dijon hab’ ja noch in der Kunsthalle Nürnberg ausgestellt. Weil Nürnberg bei mir daheim ist, hab’ ich noch mehr ältere Sachen mit reingenommen, bekanntere Bilder, auch ein großes Porträt von YSL, so dass es meiner Mutter auch gefällt (lacht). Ich hatte sechs Vitrinen mit den ganzen Doppelseiten von meinen Marc Jacobs Werbungen. Ich habe mehr gezeigt, was ich kommerziell mache. Madrid ist ein Mix aus beiden Ausstellungen. Bestimmte Gruppierungen habe ich übernommen. Es ist für mich auch wichtig, warum, was und wann ich irgendetwas mache und wie die Räume sind. Ich überlege mir eine ziemlich lange Zeit, wie ich das Ganze hänge. Ich mache ein Modell von den ganzen Räumen, die großen Fotos sind vielleicht 4 cm, die kleinsten 1 cm, die drucke ich dann aus und klebe sie in das Modell. Das haut zu 80 bis 90% ganz gut hin. Außerdem sehe ich mir die realen Räume immer an. Nach Spanien bin ich 2 x geflogen und hab mir das genau angeschaut, weil ich auch die Ausstellungsarchitektur noch verändert habe. Ich habe einen Videoraum hinzugefügt und die untere Architektur verändert. Oben hatte ich eine 30 m lange Vitrine, wo ich meine ganzen Bücher und die Marc Jacobs Werbungen gezeigt habe und wo bei der Eröffnung Hunderte von Leuten standen und sich die Sachen angeguckt haben.  

Du hast gesagt, du musstest erst mal Zutrauen finden in dieser Welt der Galerien, ist das in der Modewelt anderes gewesen? Ist das weniger schwierig gewesen?  

Alles ist irgendwie schwierig. Ich find Mode nicht einfacher, als eine Ausstellung zu machen. Alles macht mir Spaß. Muss halt gut überlegt werden. Natürlich mach ich Mode- oder Porträtfotografie schon viel länger. Aber es ist bei mir in der Modefotografie ja auch nicht so schnell gegangen, da habe ich auch Jahre lang rumprobiert. Ich finde es ganz angenehm, dass es für mich alles so steady hochgeht. Ich kann das so langsam lenken nach rechts und nach links, wie ich will. Das ist nicht so: jetzt macht er mal eben so einen Furz und dann wow, dann ist man oben drin. Da muss man halt auch aufpassen, wie man sich vermarkten lässt und was man mit sich machen lässt.  

Bei dir ist das ja eigentlich ganz gut, wenn ich das richtig verstanden habe, ist deine Frau Sadie Coles, also in sofern hast du das voll in der Hand oder nicht?  

(Lacht) Ich arbeite jetzt nich’ mit ihr zusammen. Sicher ist die da als Frau, die mir mit Rat und Tat zu Seite steht. Für mich ist es auch besser, dass wir nicht zusammenarbeiten und sich das nicht mit dem Job vermischt.  

Sind Mode und Kunst zwei Welten oder gehört das immer mehr zusammen? Ohne es bewerten zu wollen: Der Modeschöpfer YSL wird in Paris wie ein Künstler ausgestellt.  

(stöhnt) Wie soll ich das sagen? Für mich sind die beiden Welten nicht so getrennt und doch schon wieder auch. Ich habe Spaß an der Sache. Ich fühle mich freier als ein normaler Künstler, der vielleicht die ganze Struktur von den Galerien braucht, um sich zu finanzieren. Von Zuhause aus habe ich kein Geld. Der Künstler muss verkaufen. Die Galerien, das läuft so, wenn man das Foto ein bisschen größer macht, dann kriegt man mehr Geld. Ich produzier’ alles von meinem eigenen Geld. Ich verdiene in der Werbung, und ob ich jetzt da was verkauf oder nicht …  

Ist dir eigentlich egal!  

Das ist mir nicht egal! Es ist natürlich schön für mich, dass Leute interessiert sind und dass Sammler was kaufen, aber ich muss da nicht von leben. Ich kann davon leben, aber ich bin davon nicht abhängig, von den Sammlern, wie die auch immer sind. Ich kenn die ja schon. Eben auch durch meine Frau! Die Künstler sind halt voll davon abhängig. Ich bin das nicht. Wenn ich jetzt für W-Magazine in Amerika arbeite oder für Marc Jacobs, die haben natürlich eine Fragestellung. Wie können die das Produkt auf einer Doppelseite verkaufen? Erstmal habe ich Spaß an Mode, weil jeder irgendwie rumläuft, ob das jetzt was Normales ist oder etwas Ausgefallenes. Mode hat mit Streetculture zu tun und ist always an attitude.  

Es ist immer ein Ausdruck von etwas.  

Genau, es ist spielerisch und ich finde interessant, was Modedesigner ausdrücken wollen. Es ist wie ein Fantasietheater, in dem du irgendwelche Sachen machst und die geben mir dann das Geld, um z.B. auf einen Vulkan zu gehen nach Honolulu. Die können das finanzieren mit diesem oder jenem Model oder der und der Personality oder Celebraty. Die haben die Kraft, das zu finanzieren, und ich helfe das Produkt zu verkaufen. Es gibt da schon ne Verantwortung dem Kunden gegenüber. Wenn ich eine Handtasche fotografieren muss, dann kann ich nicht einen Baum fotografieren, ich muss schon die Handtasche fotografieren.  

Ist das denn so, dass du freier arbeiten kannst, wenn du Ausstellungen machst oder wenn du dem Kunden gegenüber etwas verantworten musst?  

Ja, natürlich und das brauch ich auch. Ein Buch oder eine Ausstellung habe ich nur vor mir zu verantworten - it’s only me. Wenn ich nur kommerzielle Arbeiten machen würde, das würde mich auffressen. Da hätte ich keine Lust zu. Aber kommerzielle Arbeiten mache ich ja auch nicht so oft. Vor allen Dingen habe ich natürlich auch Lust, was die Leute manchmal vergessen. Ich mag das Machen, dieses Abenteuer, da hinzugehen, wo man vorher noch nie war.  

Die Leute sind interessant, man knüpft Freundschaften und arbeitet weiter zusammen und macht weiter was Persönliches. Ich bin jetzt z. B. gefragt worden, ob ich ein Porträt von Helen Mirren machen will, der englischen Schauspielerin, das interessiert mich genauso wie ein Porträt von Richard Hamilton oder David Hockney zu machen. David Blaine, der Zauberkünstler möchte mit mir eine Porträtserie für ein amerikanisches Magazin machen. Wir reden gerade darüber. Er hatte eine Idee von Orphelia, wo er seine Ex-Freundinnen einlädt in einen Weiher, den ich auf dem Land habe. Er fliegt erst mal rüber von New York. Seine Idee ist, dass er unter Wasser ist und die Frauen erwürgen ihn unter Wasser. Und ich sag mir, hör mal, was ist denn das für ein Zeug, und er hat jetzt noch mal kurz angerufen und gesagt: „I would like to be on fire“. Ich finde eben das Abenteuer interessant.  

Bist du aufgeregt, wenn du mit Leuten zusammenarbeitest, die du noch nicht kennst? Oder gehst du ganz locker an die Sache ran.  

Eigentlich bin ich schon immer aufgeregt, und es ist immer was besonderes, weil man nie weiß, was passiert. Ich habe die Sache teilweise schon ziemlich eng ausgearbeitet und sag genau, wo und wie und was ich machen will. Aber ich bin auch froh, dass ich auch abhängig bin von den Leuten, die ich fotografiere. Es entsteht eine Kollaboration, in die sich beide Seiten zusammen einfügen. Ich kann nicht von vornherein sagen, so schaut das Foto am Ende aus, schwarz und weiß genauso, und ich gehe einfach nur hin und exekutiere eine Idee. Es ist wichtig, dass es einen Spielraum gibt.  

In Bezug auf deine eigenen künstlerischen Arbeiten spielst du immer mit den Grenzen deiner eigenen Intimität. Warum ist das wichtig für dich? Zum Beispiel die Nackttotos von Vivien Westwood, die auch im Consortium zum ersten Mal zu sehen waren, hingen neben einem Nacktfoto von deinem Sohn. Immer spielt der Gegensatz zwischen Öffentlichkeit und Intimität hinein.  

Vivien Westwood kenne ich schon sehr lange, ich habe sie vielleicht schon vor 12 Jahren zum ersten Mal fotografiert, und seit drei Jahren mache ich ihre Werbekampagne. Ich habe einfach gesagt, hör mal, wenn ich die Werbekampagne mache, dann sind doch dein Mann und du die perfekten Personen, um als Models darin aufzutreten. Da besteht auch eine enge Freundschaft zwischen uns. Vivien Westwood kommt öfters mal zu uns zum Abendessen, oder ich gehe zu ihr, und Vivien ist unheimlich lieb zu meinen Kindern und sie versteht sich gut mit Ed. Weil ich Vivien schon so lange fotografiere und sie eine wunderschöne Haut hat, habe ich mir schon lange gesagt, ich würd’ sie gerne mal nackt fotografieren. Ein Jahr lang habe ich gebraucht, bis ich den Mut gefasst hab, sie zu fragen. Plötzlich fragte ich und dann sagt sie: “not really but if you want to I can’t say no to you”. Danach war sie dann richtig stolz. Sie persönlich ist nicht interessiert an Fotografie per se, aber sie meinte, dass es eine tolle Erfahrung war. Sie ist stolz drauf, wie sie ausschaut für ihr Alter.  

Mein ganzes Leben dreht sich ja auch um die Kinder, um meine Familie und meine Arbeit. Ich musste die Fotos am Sonntag machen und da hab ich gesagt: „Ed, du kommst einfach mit zum Abendessen“. Nach einer Stunde Konversation sagt Vivien Westwood dann, machen wir jetzt halt die Fotos, und ich wurde wahnsinnig nervös. Und ich sag ok, ok. Ed hat währenddessen ein kleines Buch angeschaut und seine Nintendo dabeigehabt, und sie hat sich ausgezogen, und dann hat er gesagt: „Daddy what are you doing? Why is Vivien naked“? Na ja, weil es mich interessiert und weil ich jetzt einfach mal Fotos mach von Vivien, deshalb ist sie naked, weil wir das einfach mal ausprobieren wollen. Da kommt er dann so rüber und sagt, er müsse mir was ins Ohr flüstern: „Can you do some new pictures of me“? Es hat ihn einfach interessiert, und ich hab ihm gesagt: „Ok“ ,und er sagte: „please don’t say anything to anyone“. Wieso? „I am embarrassed“. Und dann hat er gemeint, wenn wir heimgehen, dann machen wir sie auf unserem Sofa. Und ich kann ja nicht normale Nacktfotos machen, dass kann man in der heutigen Zeit nicht mehr machen. Da muss ich natürlich schon vorsichtig sein, dass er so daliegt, dass man nichts sieht. Und das war aus diesem Drive heraus. Man kann verschiedene Sachen machen, man kann mit seinen Kindern zum Spielplatz gehen oder zum Swimmingpool, damit sie Spaß haben, oder was machen, das auch mit deinem Leben zu tun hat. Ed war neugierig, und er will ja auch Fotograf werden, wenn er größer ist. Er wollte einfach diese Fotos machen auf dem Sofa, und das ist dann am gleichen Abend passiert und das hat ihm Spaß gemacht. Deswegen hängen die Bilder in der Ausstellung zusammen.  

Eine Qualität deiner Fotografien ist der stark eingesetzte Blitz. Man sieht es gut bei dem Foto von der Krönung Josefines von Jacques – Louis David. Man hat das Gefühl, das Bild hing in diesem Kontext, um deine Art und Weise zu zeigen, wie du siehst und wie du fotografierst. Kannst du dazu etwas sagen? Hat das einen Bezug zu der erzeugten Authentizität und der Intimität? Ist das systematisch oder nicht?  

Durch die Jahre, in denen man fotografiert, findet man eine Kamera, die deine Eigene ist und die habe ich jetzt so gemeistert. Bestimmte Sachen kann man mit der Kamera nicht machen und andere Sachen kann man sehr gut machen. Aber die Kamera hilft mir schnell zu arbeiten und sehr direkt zu arbeiten, und durch diesen Blitz ist dann noch mal so ein Ich da, ein noch mal Reinstochern. Eine Fundiertheit, das ich dann noch mit dabei bin.  

Was ist das für eine Kamera?  

Eine Contax G2. Vor allen Dingen mag ich die Kamera auch, weil ich arbeite ja immer mit zwei Kameras, eine in der einen Hand, eine in der anderen und die Kamera ist technisch so scharf und so schnell.  

Du hast immer zwei Contax?  

Ich hab glaub ich elf oder zwölf.  

Aber immer eine in der einen und eine in der anderen Hand, wie John Woo, bei dem immer mit zwei Revolvern geschossen wird.  

Ja, so ungefähr. Vor allen Dingen hilft mir das auch. Technisch hilft es mir, weil der Blitz Zeit hat, aufzuladen, wenn ich mit der anderen Hand fotografiere. Dann hab ich rausgefunden, dass ich, wenn ich nervös bin, schneller fotografiere, und ich kann mich dann so richtig reinpushen und reinfühlen und ich mach’ dann mehr Fotos. Das ist sehr organisch. Außerdem hat es den Effekt auf die Person, die ich fotografiere dass die nicht diesen Jetzt-die-Hand-so-halten-Effekt hat. Für die Person, die ich fotografiere hat das ganze einen hypnotischen Effekt, weil immer ein Blitz läuft oder ein Foto gemacht wird. So entsteht nicht diese Angst, hier ist es jetzt, dass ist dieser Moment. Es ist eher eine Aktion, mehr ein Film, wo beide Ruhe finden, wenn man es macht und hypnotisiert werden.  

Was sind deine Erfahrungen an der Schule gewesen? Denkst du, dass man Fotografie lernen kann?  

Ich denke, das ist schwierig. Ich denke immer, es gibt eigentlich gar nicht so viele gute Fotografen. Es handelt sich um das populärste Medium und wenn man darüber nachdenkt wie viele interessante und gute Filmemacher es gibt, dann sieht man, dass es viel mehr gute Filmemacher als Fotografen gibt, obwohl jeder Depp fotografiert. Und es wird immer populärer. Es gibt ja vom Business her so viele Modefotografen: wer ist denn da schon authentisch. Oft werden andere Fotografen kopiert und was Eigenständiges kommt da nicht dabei heraus.  

Hast du einen Lehrer, der dir viel beigebracht hat?  

Eigentlich nicht, muss ich sagen. Ich war happy, weil ich bin einfach vom Dorf weg nach München in die Staatslehranstalt gekommen. Das war für mich ein schwierigerer Sprung als der von München nach London, obwohl ich überhaupt kein Englisch konnte, als ich nach London gegangen bin. Was ich an der Schule gut fand, dass war einfach eine technisch orientierte Schule. Du hast gelernt, schwarz-weiß und Farbe zu printen. Im ersten Jahr war es nur Großbildformat und im zweiten Jahr ist dann erlaubt worden, mit dem Mittelformat und Kleinbild ein bisschen was zu machen, und ich hab von der Schule ein technisches Know how bekommen. Aber ich denke, dass muss alles aus deinem eigenen Leben kommen. Was dir im Leben passiert, was du machen willst, was du darstellen willst, woran du Interesse hast, das kannst du nicht lernen. Es ist wichtig etwas zu finden, was für dich selbst funktioniert. Dem einen liegt dieses Instrument und dem andere jenes. Wichtig ist, dass du dich spielerisch reinfinden kannst und dass du alles ausprobieren kannst. Ich kann mich noch erinnern, wir waren ein Team von zwei Schülern und mussten Innenaufnahmen machen von Kirchen. Du musstest das Stativ aufstellen, Großbildkamera, dann hast du einen sehr starken Kontrast an den Stellen, wo das Licht reinfällt und in den Ecken war es stockduster. Man musste 12 Minuten mit einem Wandellicht da rumeiern, damit man ein bisschen Licht in das Bild kriegt. Solche extrem technischen Dinge hab ich gelernt.  

Spielt Malerei abgesehen von John Currin, von dem auch ein Bild im Consortium zu sehen war, für dich für eine Rolle? Du hast viel mit Malern zu tun, weil sie Freunde sind oder in der Galerie von deiner Frau ausstellen. Hat Malerei in Bezug auf deine Fotografie einen Einfluss?  

Ich glaube, das hat überhaupt keinen Einfluss; ich schaue mir zwar gerne Malerei an, vor allen Dingen auch die alten Sachen, wenn man in Italien beim Arbeiten oder im Urlaub ist.  

Ich gehe gerne in eine Kirche und schaue mir einen Carravagio an. Es inspiriert mich. Als ich die Ausstellung in Madrid gehabt habe, bin ich natürlich auch zum Prado und habe mir Goya und Velasquez angesehen. Das ist schon ziemlich Klasse. Diese ganze Diskussion um Modefotograf oder Jobbing photographer, was ich mir so dabei denke ist, dass die ganzen alten Kracher, die alten Leute auch die ganzen Könige als Commissioner porträtiert und diese ganzen Reichen bedient haben. Das war ja auch nichts anderes. Das Argument ist immer: ach ja, der macht ja keine richtige Kunst! Der macht ja nur so kommerzielles Zeug und kriegt Geld, das ist ja nicht rein!  

Ich bin ein Fan von deinen Sachen in der Wochenzeitung „Die Zeit“, vor allem der Texte, ist es für dich schwierig, die zu schreiben? Jede Woche wieder ein Foto suchen, wieder einen Text schreiben?  

Ja, das ist schon teilweise extrem nervig (lacht). Grundsätzlich macht es mir total Spaß. Ich hab Freude dran. Viele Leute finden das genau wie du total spannend und lustig. Es ist eine weitere Schiene, über die ich mich ausdrücken kann. Aber eine Woche geht irrsinnig schnell rum, und ich schreibe immer auf den letzten Drücker, weil ich ja noch was anderes zu tun hab, und ganz blöd ist es, wenn ich auf Tour bin, um zu fotografieren, da muss ich mich immer so auf den Text konzentrieren. Als ich in Spanien war, um die neue Marc Jacobs Parfümkampagne zu fotografieren z. B., da musste ich mich so konzentrieren auf das Zeug, und da kommt mein Assistent der Georg an und sagt: Mensch, du musst noch das Ding für die Zeit schreiben, und ich muss mich dann hinsetzen, aber ich mag das dann auch.  

Die Redakteure sind doch sicher begeistert?  

Ganz am Anfang habe ich noch ein bisschen Probleme gehabt, deutsch zu schreiben, und die Zeitredakteure haben dann gesagt: Na, so kann man das nicht schreiben, dass muss irgendwie deutsch werden. Da hab ich gesagt, dass ist doch irgendwie deutsch, das kann man doch so lassen. Dann drehen die das immer noch ein bisschen hin, und ich bin immer am kaempfen, dass das nicht zu sehr geändert wird und zu 98 % schaffe ich das dann so, wie ich will.  

Biografische Daten

Juergen Teller geboren 1964 in Erlangen. Studierte an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie in München. Wohnt und arbeitet seit 1986 in London. Einzelausstellungen (Auswahl): 1998, Juergen Teller Photographers Gallery, London, 1999 Go-Sees Pitti Immagine Discovery, Florence, 2000 Juergen Teller Lehmann Maupin Gallery, New York, 2001 Märchenstüberl Modern Art, London, 2002 Märchenstüberl Fotomuseum, München, 2003 Zwei Schäuferle mit Kloß und eine Kinderportion Schnitzel mit Pommes Frites, Contemporary Fine Arts, Berlin, 2003 Don’t suffer too much Milton Keynes Gallery, 2003 Daddy You’re So Cute Lehmann Maupin, New York, 2003 Tracht Kuntsthalle Mannheim, 2004 Go-sees and World cup final, Germany v Brazil 0-2 Temple Bar Visual Arts, Dublin, 2004 Ich bin Vierzig Kunsthalle Wien, 2004 The Master Modern Art, London, 2005 Louis XV Contemporary Fine Art, Berlin, 2006 Nürnberg Lehmann Maupin, New York, 2006 Do you know what I mean Foundation Cartier pour l’art contemporain, Paris, 2007 A wailable Inverleith House, Edinburgh, 2008 Ukraine Lehmann Maupin, NY, 2009 Teller Frans Hals Museum, Haarlem, 2009 Logisch Kunsthalle Nürnberg, Germany 2010 Touch Me Le Consortium, Dijon, Frankreich, 2010, Calves and Thighs, Alcala 31, Madrid Gruppenausstellungen (Auswahl) 1996 New Universe Bienale di Firenze, 1999 Mayday communities Photographers Gallery, London, 2000 Living in the Real World Museum Dhondt-Dhaenens, Belgien, 2000Remake Berlin Fotomuseum, Winterthur, Zürich, 2001 Century City: Art and Culture in the Modern Metropolis Tat Modern, London, 2003 The Fleeting Moment Between Photograph and Cinema Fondazione Torino Museum, Italien, 2004 Fashioning Fiction: Photography since 1990 MOMA, NY, 2005 Coolhunters ZKM Karlsruhe, 2005 Rundlederwelten Martin-Gropius-Bau, Berlin, 2006Click double Click Haus der Kunst, München 2006 La Force de I’art, Grand Palais, Paris, 2006 The Beautiful Game: Contemporary Art and Futbol, Roebling Hall, New York, 2006, Defamation of Character, PS1 Gallery, NY, 2006 The Kate Show, The Foam Museum, Amsterdam 2006 Fashion Photography, Museum of Fine Arts, Boston, 2007 Being Beauteous, White Space Gallery, London, 2007 A Poem about an Inland Sea Ukrainian Pavilion, Palazzo Papadopoli, Venice Biennale, 2008 Street & Studio: An Urban History of Photography, Tate Modern, London 2008, Das Gelände Kunsthalle Nürnberg, 2008 Fashion in the Mirror, Photographer’s Gallery, London, 2009 Shoot, Parco Factory, Toky, 2010 Ultramegalore, Modemuseum, Hasselt, Belgien, 2010 Not in Fashion, MMK Museum, Frankfurt.

Autor
Fabian Stech

* 1964, Hannover, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Juergen Teller

* 1964, Erlangen, Deutschland

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Weitere Personen
David Blaine

* 1973, New York, Verein. Staaten

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John Currin

* 1962, Boulder, Verein. Staaten

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Richard Hamilton

* 1922, London, Grossbritanien; † 2011 in London, Grossbritanien

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David Hockney

* 1937, Bradford, Grossbritanien

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Vivienne Westwood

* 1941, Glossop, Grossbritanien

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