Band 194, 2008, Ausstellungen: Aachen, S. 388

Susanne Buckesfeld

Siglinde Kallnbach

„Rheingold/Shinkansen / Cuts“

Ludwig Forum für Internationale Kunst, 26.9.2008 – 4.1.2009

Die Kölner Performance- und Multi-Media-Künstlerin Siglinde Kallnbach ist aktuell mit zwei Werkreihen in den „Ground Floor Projects“ des Aachener Ludwig Forums für Internationale Kunst vertreten. Geschickt nutzt Kallnbach die Zweiteilung des Untergeschosses durch den hohen Lichtschacht, kommen so ihre Werkreihen „CUTS“ und „Rheingold/Shinkansen“ doch je zu ihrem eigenen Recht, während der Verbindung zwischen den Konvoluten ebenfalls räumlich Ausdruck verliehen wird. Diese räumliche und inhaltliche Klammer wurde auch in der Performance Kallnbachs am Eröffnungsabend deutlich.  

Tritt der Besucher von der Shedhalle in die untere Etage, so gelangt er auf der linken Seite zunächst in den Trakt der Ausstellung, wo Kallnbach unter dem Titel „Rheingold/Shinkansen“ Fotografien und Objekte ihrer Japan-Reisen in Beziehung zu analogen Motiven aus Deutschland, speziell aus Köln, setzt. Orte religiöser Handlungen, tradierte Rituale und die Riten des Alltags in modernisierten Gesellschaften sind Bezugspunkte dieses transkulturellen Vergleichs, der trotz aller Unterschiede auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen abzielt. Eine Verständigung über kulturelle Grenzen hinweg repräsentieren auch die im Gang aufgehängten Overalls, die Kallnbach bei Aufenthalten in Japan seit 2002 getragen hat und die mit dort gesammelten Unterschriften versehen sind.  

Sie leiten zum anderen Teil der Ausstellung über, zu den rechts gelegenen Räumen, wo Fotografien, Zeichnungen, Video und Objekte unter dem Titel „CUTS“ ausgestellt sind, seit 2000 im Zusammenhang mit der Krebserkrankung der Künstlerin entstanden. Fotografien aus dem Krankenhaus, deren intimer Blick auf die sterile medizinische Ausstattung Unbehagen erzeugen, korrespondieren mit der Enge des Ganges, in dem sie gezeigt werden. Im Zentrum steht die im letzten Jahr während einer Operation entstandene frappierende Fotografie von Kallnbachs amputierter Brust, umrahmt von Fotografien und Zeichnungen, die auf dem Krankenlager gefertigt wurden. Setzte Kallnbach ihren Körper von je her radikal als Instrument der leiblichen Erkenntnis ein, erfolgt dies nun unter den Bedingungen, die ihm von der Krankheit aufgenötigt wurden. Während Kallnbach in den Zeichnungen den körperlichen Schmerz zu Passionsbildern transformiert, die etwa an die Kunst Frida Kahlos erinnern, zeigen die Fotografien schonungslos die Einschnitte in den Körper als brutale Folge der Krankheit. Sie führen die Verletzlichkeit des eigenen Leibes unwillkürlich vor Augen und vermitteln jäh die Einsicht, dass die Krankheit jede/n treffen kann. Aus dieser prinzipiellen Gleichartigkeit aller Menschen schöpft Kallnbach die Energie für ihr partizipatives Projekt „a performancelife“, dessen sichtbaren Resultate die Ausstellung ergänzen. Kallnbach sammelt seit 2001 weltweit Empathiebekundungen für Krebskranke u.a. in Form von Unterschriften, die sie mit Bezug auf Beuys als Energie-Rückstrom versteht, um die mit der Krankheit Stigmatisierten aus dem „Minenfeld des Schweigens“ (Jo Spence) zu lösen und Handlungsspielräume zu eröffnen. Das weltweite Netz der Solidarität, das sie so knüpft, manifestiert sich in den zu bildlichen Verdichtungen transformierten Signaturen aus aller Welt, eben auch aus Japan. Neben den Overalls sind dies zahlreiche Bildträger mit den eigentlichen Unterschriften, aber auch digital bearbeitete und in spiralförmige Abstraktionen gegossene Namenzüge. Ein Ausdruck der Hoffnung sind zudem Fotografien von temporären Zeichnungen und Fußabdrücken im Sand. An der Nordsee und im australischen Outback entstanden, spiegeln die nur vorübergehend existierenden Spuren Kallnbachs den Kreislauf von Werden und Vergehen wider. Somit erscheinen Krankheit und Tod als wesentlicher Bestandteil des Lebens, nicht als dessen Gegenteil. Siglinde Kallnbach ist nicht die einzige Künstlerin, die sich mit der eigenen Krebserkrankung befasst, aber sie ist die erste, die die abgetrennte Brust selbst, signifikanter Schnittpunkt von Diskursen der Weiblichkeit, zu sehen gibt.  

Autor
Susanne Buckesfeld

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Siglinde Kallnbach

* 1956, Neustädtges, Deutschland

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Weitere Personen
Frida Kahlo

* 1907, Coyoacán, Mexiko; † 1954 in Mexico City, Mexiko

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Jo Spence

* 1934, London, Grossbritanien; † 1992 in London, Grossbritanien

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