Band 188, 2007, Biennalen: Fellbach, S. 433

Fellbach

Sigrid Feeser

Bodycheck

»10. Triennale Kleinplastik Fellbach«

Alte Kelter Fellbach, 23.6. – 23.9.2007

Matthias Winzen hatte es leicht. Die Veranstalter haben ihm keine Vorgaben gemacht. Einerseits. Andererseits machen es ihm die Zeitläufte schon etwas schwer. Der frühere Direktor der Kunsthalle Baden-Baden und heutige Professor für Kunstgeschichte und Kunsttheorie in Saarbrücken ist künstlerischer Leiter der 10. Ausgabe der Triennale Kleinplastik Fellbach und die liegt zeitlich am Ende der Route, die in diesem Sommer die Aufgeregten des Kunstbetriebes über Venedig, Basel und Kassel bis nach Münster scheuchte. Wie mag der Letzte da bestehen im feuilletonistischen Meinungstest?  

Gemach. Klein und provinziell ist am Traditionsunternehmen Triennale schon lange nichts mehr. Vorbei die ersten beiden Ausgaben in den frühen achtziger Jahren, als der Mannheimer Kunsthallendirektor Heinz Fuchs sich noch penible Unterscheidungen zwischen „kleiner Plastik“ und „Kleinplastik“ zurechtdrechselte. Die, sagt Winzen, haben die Künstler selber abgeschafft. „Bodycheck“ setzt auf „nicht austauschbare, widerständige Erfahrungen“. Winzen redet von der Leibvergessenheit der Gegenwart, ihren zweidimensional verengten digitalen Surrogaten und dem Widerstand, den die Künstler leisten. Wer ein konkretes Ding in den Raum stellt, fordert sein Gegenüber mit Haut und Haaren. Ausweichen gilt nicht, wo alles echt da ist und die aufs Visuelle verkürzte Wahrnehmung nicht mehr weiterhilft. Irgendwie klingt das ja verdächtig nach Ermunterung zum Aufrechten Gang, auch in Kunstdingen. Die Antwort des Praktikers ist nicht zufällig essayistisch. Joseph Beuys, Paul Thek und die alterslose Louise Bourgeois setzen die ersten Duftnoten; als noch lange nicht erledigte Referenzfiguren für die Fortdauer des Leiblichen sind sie unbezahlbar.  

Größe, wer wüsste es nicht, ist keine Frage des Maßstabes. Stephan Balkenhols an die sieben Meter hoher Baumstamm mit den nur halb daraus erlösten Figuren steht wie das heroische Zitat eines Abwehrzaubers gegen die Zeitgeist im Raum. Am anderen Ende des idyllisch vor Rebhängen gelegenen ehemaligen Kelterhauses am Stadtrand darf Tamara Grcics farblich elegant designtes Unfallszenario aus Autoschrott und bergenden Wolldecken extensiv in der Horizontalen wuchern. Ganz flach wiederum macht sich Daniel Knorrs rot eingefärbte Pfütze, die das Gefälle des Bodens ausnutzt, auf die ursprüngliche Bestimmung der Alten Kelter hinweist und die Lesart vergossenes Blut nicht ausschließt. „Die Entwertung des einzelnen Dings und damit aller Dinghaftigkeit bedeutet die Entwertung von allem“, schreibt Winzen. Da kommen die Fundsachen des russischen Künstler-Ingenieurs Vladimir Arkhipov gerade recht. Der „Widerstandskämpfer gegen den Prozess der Verallgemeinerung“ sammelt die Genieblitze der Bastler. Die kupferne Bettflasche als Eierwärmer, die auf eine Bohrmaschine montierte Klobürste, die Nüsse säubert, der umgedrehte Plastikhobel, der zuverlässig Gemüse zerkleinert, erheben selbstbewusst den Anspruch auf ein Dasein als Ding zum Liebhaben und respektiertes Unikat. Wie harmlos dagegen Katharina Fritschs aus rosa Polyestermuscheln leicht überlebensgroß gefertigte „Frau mit Hund“, ein Hinstellding hart an der Grenze zum eigentlich verpönten Nippes, dessen triumphale Auferstehungsriten zu den Markenzeichen der Künstlerin gehören.  

Die von Zbigniew Libera zwecks frühzeitiger Formatierung der kindlichen Physis konstruierten Fitnessgeräte im Miniformat mögen ironisch gemeint sein, wenn aber Iris Kettner kleine Kinder zum Abschuss mit erhobenen Händen mit dem Gesicht an die Wand gestellt, hört der Spaß für sensible Ausstellungsbesucher schlagartig auf – bis sie merken, dass sie reflexhaft einem Klischee und ausgestopften Altkleidern aufgesessen sind; Iris Kettner schuf das gnadenlos präzise mit dem Vorurteil spielende Ensemble. Und rüde lässt Marcus Weber hoch über den Köpfen der Besucher zum Knäuel geflochtene Stoffpuppenmänner ein fratzenhaft grinsendes Lustspiel aufführen. Überall in der von Matthias Winzen und seiner Co-Kuratorin Nicole Fritz großzügig über 2500 Quadratmeter verteilten Schau ist zu spüren, wie sich die Kunst der konsumistischen Vereinnahmung entzieht: In Paul McCarthys infantilisierende Kinomythen zerschlagenden Ekelbüsten mit Dildo-Nase und Vagina-Ohr ebenso wie in den aus reiner Fantasie bestehenden Maschinen von Benjamin Greber. In Berlinde De Bruyckeres mit echtem Pferdefell und Haaren überzogenen, gesichtslosem Fallada-Hybriden an der Wand so gut wie in Michal Budnys mit dem Formenrepertoire des Konstruktivismus Schindluder treibenden Karton-Schlafstelle eines Obdachlosen, in der allein vom Maßstab her der ausgesparte Körper brutal gegenwärtig bleibt. Auch in Georg Winters dem produktivem Unsinn frönendem schwarzem Hartholz-Mobiltelefon, das der digitalen Verflachung das naiv ableckbare Konkrete entgegensetzt. Und allemal in der von Karin Sander und Harry Walter koproduzierten Ausstellungsbeschreibung in Blindenschrift, die für Sehende ein nicht entzifferbares Kunstobjekt ist, während es Blinden zur Lektüre schrumpft, in der (so die Künstler) die „Bilder einer zweiten, uns Sehenden möglicherweise gänzlich unbekannten Ausstellung“ entstehen. Nein, keine Provokationen heuer im Städtchen. Das zum Bild geronnene Modell eines Wechselbalges aus Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon und McDonald´s- Restaurant von Johannes Wohnseifer kommentiert zwar auf hundsgemeine Art die traurigen Konsequenzen der funktionellen Architektur, tut aber nicht sonderlich weh. Nicht einmal das unsichtbar hinter Wänden immer im Kreis herum hörbare Keuchen eines vermutlich deppert durch den Wald trampelnden imaginären Joggers im Klangraum von Kristof Georgen wird uns in der Nacht den Schlaf rauben. Am selben Ort, an dem vor drei Jahren Triennale-Kurator Jean-Christophe Ammann alles zur Chef- und Glaubenssache erklärt hatte, reicht sein Nachfolger Winzen jetzt das nahrhafte Schwarzbrot, das „genauere Wahrnehmung“ heißt, den Dingen Gerechtigkeit widerfahren lässt und den Blick am Ende gespannt auf den eigenen Körper richten muss. Notieren wir also fünfundfünfzig künstlerisch ertragreiche Positionen in rücksichtloser Feinsortierung, vom weißglänzenden Kokainberg (Georg Herold) bis zum unerreichbar hoch gehängten Kronleuchter aus gekühlten Bierflaschen (Michael Sailstorfer) passgenau auf Winzens Konzept, überraschend eurozentrisch und aufs Ganze gesehen ziemlich kommod. Nur Olaf Metzel, in die Jahre gekommener Bad Boy der Szene, schert aus und lässt einen dicken Henkerstrick von der Decke baumeln. Den wird man in Fellbach aber nicht brauchen.  

Vom Kulturamt der Stadt Fellbach herausgegebener Katalog in Deutsch und Englisch, mit Texten zu allen Künstlern, Snoeck Verlagsgesellschaft, Köln, ca. 300 Seiten, ca. 250 Abbildungen in Farbe; 22 Euro, im Buchhandel 39.80 Euro. ISBN 3-9807598-6-5  

Autor
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Matthias Winzen

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Weitere Personen
Vladimir Arkhipov

* 1967, Ryazan, Rußland

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Stephan Balkenhol

* 1957, Fritzlar, Deutschland

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Joseph Beuys

* 1921, Krefeld, Deutschland; † 1986 in Düsseldorf, Deutschland

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Louise Bourgeois

* 1911, Paris, Frankreich; † 2010 in New York, Verein. Staaten

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Berlinde de Bruyckere

* 1964, Gent, Belgien

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Michal Budny

* 1976, Leszno, Polen

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Katharina Fritsch

* 1956, Essen, Deutschland

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Kristof Georgen

* 1965, St. Georgen, Deutschland

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Tamara Grcic

* 1964, München, Deutschland

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Georg Herold

* 1947, Jena, Deutschland

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Iris Kettner

* 1968, Mainz, Deutschland

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Daniel Knorr

* 1968, Bukarest, Rumänien

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Zbigniew Libera

* 1959, Pabianice, Polen

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Zbigniew Libera

* 1959, Pabianice, Polen

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Paul McCarthy

* 1945, Salt Lake City, Verein. Staaten

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Olaf Metzel

* 1952, Berlin, Deutschland

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Michael Sailstorfer

* 1979, Velden, Deutschland

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Karin Sander

* 1957, Bensberg, Deutschland

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Paul Thek

* 1933, New York, Verein. Staaten; † 1988 in New York, Verein. Staaten

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Harry Walter

* 1953, Deutschland

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Marcus Weber

* 1965, Stuttgart, Deutschland

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Georg Winter

* 1962, Biberach, Deutschland

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Johannes Wohnseifer

* 1967, Köln, Deutschland

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Triennale Kleinplastik Fellbach

D – Fellbach

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