Band 165, 2003, Gespräche mit Kunstvermittlern, S. 390

"Der leere Beutel hat mich mein Leben lang verfolgt"

HELGA MEISTER IM GESPRÄCH MIT VEIT LOERS

Das Museum Abteiberg ist ins Gerede gekommen. Die FAZ behauptet, es kämpfe gegen seinen Abstieg. Veit Loers verabschiedet sich in Raten, ein Mann, der mit Ausstellungen zu Franz West, Kippenberger und Gregor Schneider international geschätzt wird. Steht da eine Institution zur Disposition? Welches Selbstverständnis hegt man im feinen Hollein-Bau auf dem Abteiberg, in einer Zeit, wo die Konkurrenten wie Pilze aus dem Boden schießen, K 21, Moyland etc? Das Gespräch mit Veit Loers führte Helga Meister  

HELGA MEISTER: HERR LOERS, IHR VERTRAG ALS LEITER DES MUSEUMS ABTEIBERG IN MÖNCHENGLADBACH LÄUFT AM 31. JULI AUS. WAS DANN? WAS GESCHIEHT MIT DEM MUSEUM IN EINER STRUKTURSCHWACHEN STADT? MIT EINER SAMMLUNG, DIE DEN ABGANG DER LEIHGABEN MARX KAUM VERKRAFTEN KANN? WO LIEGEN DIE CHANCEN UND DIE SCHWÄCHEN IM HAUS?  

Veit Loers:Der Wirtschaftsprofessor Werner Thoma, der in Mönchengladbach lebt, hat eine Analyse des Museums gemacht, und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: Die Marke Abteiberg läuft auch ohne Mönchengladbach. Das Museum Abteiberg braucht den Rest dieser Stadt nicht, weil das Image gar nicht auf die Stadt bezogen ist, sondern auf die internationale Kunstwelt.  

DANN WÄRE DAS MUSEUM BESSER ALS SEIN RUF?  

Es gibt Schwächen, wie bei allen Museen. Aber man kann nicht sagen, wie in der FAZ zu lesen war, das Museum steige ab. Das geht so nicht.  

MAN VERGLEICHT DAS MUSEUM GERN MIT DEN ZEITEN UNTER JOHANNES CLADDERS.  

Ja, es heißt, damals war das Museum gut, und jetzt sei es schlecht, also sei der Museumsleiter schuld. Aber den Schuh ziehe ich mir nicht an, denn schon Herr Cladders wollte aufhören, nachdem das Museum eröffnet war, und ist aus Gutmütigkeit oder aus welchen Gründen auch immer noch zwei Jahre geblieben. Das Museum ist sehr schwer bespielbar, weil es in eine Stadtverwaltung voll integriert ist. Ich bin "Amtsleiter" und unterstehe einem Dezernat. Mein Einfluss auf die Gestaltung dieses Museums ist sehr beschränkt. Es redet mir bei Ausstellungen zwar niemand rein, aber bei den Grundstrukturen gibt es Probleme. Das Museum ist verstrickt in Lappalien. Kreativität kann sich nur entfalten, wenn Grundgegebenheiten da sind. Ich muss mich um sehr viele Kleinigkeiten kümmern.  

GIBT ES TENDENZEN, DAS MUSEUM IN EINE STIFTUNG ZU ÜBERFÜHREN?  

Ja, aber uns fehlt ein finanzkräftiger Partner wie Kloeckner in Duisburg.  

DAMIT FEHLT ES AM MARKETING?  

Wir können bei den meisten Ausstellungen keine Plakate machen, wir können gerade mal Einladungen verschicken. Aber ich habe auch kein Personal. Es gibt keinen PR-Mann, keinen Verwaltungschef, keine ausgewiesene Fremdsprachensekretärin. Ich habe zwei Mitarbeiterinnen aus dem Pool der Stadt. Ich sage ja nicht, dass die Stadt sich uns gegenüber ablehnend verhält, aber wir sind denen egal, sie betrachten uns fast eher etwas mitleidig.  

GIBT ES IRGENDEINE ERWARTUNGSHALTUNG DER STADT AN IHR MUSEUM?  

Ja, sie hätte es gern, wenn man sie mit Kunst bedient. Die Kulturpolitiker würden gern sagen: "Das, was Düsseldorf hat, haben wir auch, nur ein bisschen kleiner." Aber sie denken nicht daran, was es kostet. Wir können nicht die Rolle von Köln und Düsseldorf spielen, wollen wir auch gar nicht. Wir sind eine Provinzstadt mit 260.000 Einwohnern, es ist eine sehr arme Kommune geworden. Sie hatte einmal ein bisschen Geld zur Zeit, als das Museum gebaut wurde. Aber das Budget ist seit Mitte der 80er Jahre eingefroren, es ist also weniger geworden. Wir haben praktisch einen Realverlust von 30 bis 40 Prozent. Unser Gesamtbudget liegt bei 1,2 Millionen Euro, und nur 5 Prozent stehen für die eigentliche Museumsarbeit zur Verfügung. Den Personalausgaben stehen maximal 65.000 Euro für Museums-Aktivitäten und die Betreuung der Sammlung gegenüber. Wenn mir ein Videogerät, Beamer, Recorder oder Elektromotor kaputt geht, muss ich es auch noch aus dem Ausstellungs-Budget bezahlen, weil das Budget für bewegliches Anlagevermögen nur 2.500 Euro beträgt. Das ist wie eine DDR-Situation vor 1990.  

WIE VIEL FESTES PERSONAL HABEN SIE DENN?  

Wir sind mit dem Pädagogen Uwe Riedel und Dr. Hannelore Kersting drei Wissenschaftler, hinzu kommen derzeit eine ABM-Kraft, die beiden Damen im Vorzimmer, eine Restauratorin, ein Schreiner, ein Depotverwalter, ein Hausmeister und ein Haustechniker, plus Kasse und Aufsicht. Wir sind da schon stark unterbelichtet. Jetzt wird gerade die Bartolini/ Büchel-Ausstellung vorbereitet, da müssen wir uns zwei Studenten aus Düsseldorf holen und vom Ausstellungsetat bezahlen. Unsere Personalstruktur ist für die Sammlung ausreichend, aber nicht flexibel genug für arrivierte Projekte.  

RÜHRT DER INTERNATIONALE BEKANNTHEITSGRAD NOCH AUS DER ÄRA CLADDERS?  

Ja, das lag an Ausstellungen wie Beuys, Carl Andre, Broodthaers, Gerhard Richter, Palermo. Und am Museumsbau mit einem damals so ausgefallenen Architekten wie Hollein. Spätestens da wusste man, hier geht etwas ab. Es gelang, die Sammlung Marx zu holen. Damit musste man als Interessent der Kunstszene hierher pilgern. Dieses Image ist nicht verloren gegangen. Dierk Stemmler hat es fortgeführt, vor allem mit Polke, mit dem er eng befreundet war. Die Jungen wie Thomas Schütte und Reinhard Mucha hat er noch nicht erkannt. Es ist dann auch ein bisschen abgestanden hier geworden. Aber die Erwartungshaltung blieb, die Sammlung Marx mit dem Beuys-Block war noch da. Vor und mit meinem Eintritt sind diese Werke weggekommen. Auch die Sammlung Onnasch hat wichtige Sachen an die Hamburger Kunsthalle abgezogen. Mönchengladbach wurde beraubt.  

DAMIT BLIEB DER BESUCH WEG?  

Davon abgesehen, dass die Besucherzahlen schon seit 1984 kontinuierlich gesunken sind, entstand eine Konkurrenz-Situation durch einige neue Kunstinstitutionen wie Schloss Moyland, die uns das Publikum abgezogen haben. Es werden nämlich nicht mehr Besucher, wie sollte das denn auch sein, wenn die Bevölkerungszahl schwindet. Es sind immer dieselben Interessierten, die verteilen sich nur auf mehr Museen. Da kann ein Haus eine Steigerung haben, wenn es ein attraktiveres Programm macht, weil es mehr Geld hat. Aber man kann mit einem Programm, das ganz nach vorn gerichtet ist, sowieso nicht viel Publikum ins Haus holen.  

DAS NATÜRLICHSTE WÄRE DOCH, DIE PR-ARBEIT ZU VERSTÄRKEN UND ZU SAGEN, IHR HABT HIER ETWAS EINMALIGES. IHR BEKOMMT SO EINE FRISCHE KUNSTSZENE SONST NICHT GEBOTEN. UND WARUM LOCKEN SIE NICHT MIT EIN PAAR KLINGENDEN NAMEN AUS DER ÄLTEREN GENERATION?  

Ich bin hierher gekommen, weil ich gerade das nicht machen wollte. Es geht mir darum, das internationale Image des Museums aufzupolieren und die alte Cladders-Linie, auf heute übertragen, weiter zu führen. Das hat mir Spaß gemacht bis heute. Ich will nicht diese 30 Jahre alte Tradition über Bord kippen. Da widerspreche ich auch den Politikern in Mönchengladbach. Ich will mit meinem Wissen das Museum Abteiberg nach vorne hin entlassen, wenn ich gehe, und sagen, Gott sei Dank, dass wir in schwierigen Zeiten nicht aufgegeben, sondern weiter gemacht haben. Vielleicht danken sie es mir ja mal in 10 bis 20 Jahren, vielleicht auch nicht. Aber ich kann nicht Diener zweier Herren sein. Ich weiß nicht, wie ich diese Schlafstadt, in der man wohnt, weil es hier billiger ist, erwecken soll. Das ist nicht das Publikum, das in Düsseldorf ins Museum kommt. Wenn ich mich in K 21 umgucke, dann sind es Akademiker und Studenten, zumindest ist es das bessere Bürgertum, das gibt es hier so nicht.  

WIE HABEN SIE IHR PROGRAMM AUF MÖNCHENGLADBACH ABGESTIMMT?  

Als ich 1995 kam, sagte ich mir, Thomas Schütte muss ich nicht mehr machen, den betreut Julian Heynen in Krefeld. Aber wie wäre es denn mit Franz West? Ich habe mir ernsthaft Gedanken gemacht, wie kann man die konzeptuelle Linie der 70er Jahre im Ankauf und in Ausstellungen fortsetzen. Und da bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man den Begriff von Malerei und Skulptur in den 80er und 90er Jahren anders sehen muss.  

KIPPENBERGER ZUM BEISPIEL, EIN KONZEPTUELLER KÜNSTLER? BIENNALE-KURATOR JULIAN HEYNEN SIEHT IHN AUCH SO.  

Es ist in Karlsruhe ein Fehler passiert, Kippenberger wurde da als Maler verkauft. Ich habe mich mal mit Sigmar Polke über Kippenberger unterhalten, er findet Kippenberger gut, aber ein Maler sei er nicht. Er hat sich schon Mühe gegeben mit Malerei, aber dieses Verwirrende, dass man sich fragt, kann der überhaupt richtige Bilder machen? Es geht ja im Kopf vor, es sind gemalte Begriffe, meistens sind es auch noch Schriften: Eine Antimalerei, die Malerei neu definiert. Kippenberger hat mit der Kunst jongliert, weil er sich gefragt hat, was bleibt denn für mich übrig? Ihn haben Beuys, Broodthaers und Dieter Roth sehr interessiert, aber er hat ein eigenes Konzept entwickelt. Er hat mit der Konzeptualität eines Hans Haacke nichts mehr zu tun. Es geht ja nicht mehr darum zu sagen, der Staat ist böse, und wir, die Künstler, sind auf der Seite des Guten und des Wahren, und wir sind auch ein bisschen links und wir wollen sozial wirken, sondern Kippenberger sagt: Jetzt behandeln wir das Thema mal ganz neu, denn wir wissen genau, dass der Kapitalismus ausbeutet, aber da muss man anders ran gehen, mit einer doppelten Affirmation.  

WAS VERSTEHEN SIE DARUNTER?  

Sozusagen: wenn Ihr Hunger habt, dann hungert noch mehr ("Familie Hunger"), und wenn Ihr zu viel esst, dann esst noch mehr ("Per Pasta ad Astra"). Das ist dieser leicht zynische Skeptiker, der gar nicht mehr weiß, wie er in dieser Wohlstandsgesellschaft anders agieren könnte. Er hat damit provozieren können, die Museumskuratoren, die Sammler, die Kritiker, alle hat er attackiert, auch die Altkonzept-Künstler, auf sehr charmante Weise. Der war eigentlich nirgends zugehörig, der hat nur Junge um sich gehabt.  

SIE WAREN SEIN ENTDECKER?  

Nein, ich habe lange zugeguckt und ihn für einen ironischen jungen Wilden gehalten. Ab 1990 haben wir uns einander angenähert, und es ist mir wie Schuppen von den Augen gefallen, und ich habe mir gesagt, das ist ein großer Künstler. Da musst du jetzt alles nachholen, was du verpasst hast und ihn zu einer Ausstellung einladen. Die sollte noch in Kassel sein. Aber dann bin ich da weg gegangen, und so hat sie erst 1997 stattgefunden. Ich habe ihm zuvor im Kasseler Fridericianum einen Raum gegeben, wo er künstlerisch machen konnte, was er wollte. Er hat einfach einen Kunstverein daraus gemacht, gegenüber dem Kasseler Kunstverein. Er hatte bereits 1986 eine Einzelausstellung in Darmstadt gehabt, da hat man ihn wahrscheinlich ein bisschen von der Malerei-Bewegung her gesehen. In Amerika wurde er gezeigt, komischerweise hat sich Deutschland ihm gegenüber völlig enthalten. Er hat nur in Galerien ausgestellt. Kurz vor mir war noch Esslingen. Aber eine Museums-Einzelausstellung mit Katalog, das gab es vor Mönchengladbach nicht.  

FRANZ WEST IST EIN WEITERER SCHWERPUNKT VON IHNEN GEWESEN.  

Ja, der ist genauso wichtig wie Kippenberger. Den habe ich auch schon in Kassel kennen gelernt, er wurde aber immerhin schon eingeladen von Kasper König für die Münsteraner Ausstellung 1987, Krefeld hat ihn in den 80er Jahren mal gezeigt. Harald Szeemann hat ihn 1985 in einer Skulpturenausstellung direkt neben die Skulpturen von Giacometti und Twombly gestellt, wahrscheinlich hat er gedacht, das gehe in eine metaphorische, informelle Richtung. In Wirklichkeit ist auch Franz West ein konzeptueller Künstler. Bevor er Passstücke machte, hat er synästhetische Aktionen in der Galerie Nächst St. Stephan gemacht, mit Geruch und Musik, sehr komische Sachen, und dann hat ihn die damalige Leiterin aus dem Galerienprogramm entfernt. Er ist ein konzeptueller Künstler noch der 70er Jahre, in den 80er Jahren ist er mit der jungen Szene, mit Brandl und wie sie alle hießen, aufgetreten. Deshalb schien es, er sei ein Bildhauer, was er ja auch innerlich ist, aber er ist ein konzeptueller Bildhauer. Und beide, West und Kippenberger, waren für mich so spannend, weil sie mit der Sprache neu umgegangen sind. Der Titel ist ein Teil des Werkes. Das fand ich damals neu. Beide sind konzeptuelle Neo-Surrealisten.  

SIE HABEN 1997 COSIMA VON BONIN, KAI ALTHOFF UND THOMAS REHBERGER GEZEIGT.  

Kai Althoff war ja noch fast unbekannt. Inzwischen hat sich herausgestellt, das die Positionen sehr unterschiedlich sind. Von Bonin geht heute mehr mit dem Ready Made und mit Erinnerungen um, damals war mehr Fluxus in ihrer Arbeit. Kai Althoff ist in die andere Richtung gegangen, er macht genauso gern Videofilme und Installationen, aber er malt eben auch gut. Es muss als Einheit angesehen werden.  

WAS WÜRDEN SIE ZEIGEN, WENN MAN IHNEN FINANZIELL ENTGEGEN KÄME?  

Dieses Museum muss nicht die "Blauen Vier" machen, nicht Kandinsky, Klee, und was da ewig durch die Museen wandert. Aber ich hätte zum Beispiel gern Robert Filliou gezeigt, das Projekt, das jetzt nach Düsseldorf geht. Ich hätte mal eine Ausstellung von Addi Koepcke gemacht. Ich habe es vorgezogen, bei der Jugend zu bleiben, obwohl ich auch Günther Förg, die Brüder Oehlen und Isa Genzken gezeigt habe. Von den deutschen Künstlern der 80er Jahre würde ich Georg Herold machen, den ich immer sehr geschätzt habe. Gern realisiert hätte ich zum Beispiel Felix Gonzalez-Torres oder Eija-Lisa Attila, aber er ist tot und sie ist teuer. Tacita Dean war ein langer Wunsch von mir. Ich habe sehr viele thematische Ausstellungen mit Künstlern gemacht, die ich gern zeigen wollte, Ausstellungen wie "Im Reich der Phantome", "Wounded Time", "Futureland." Dazu gehörten Künstler wie Dieter Roth, Jonathan Meese, Corinne Wasmuht und Daniel Roth.  

ABER AUF DIE BESUCHER BEZOGEN, HEISST DIES: JE JÜNGER DAS PROGRAMM, DESTO WENIGER PUBLIKUM WERDEN SIE HABEN. WIE VIEL BESUCHER SIND ES DENN?  

Wir sind im Museum auf 23.000 bis 25.000 pro Jahr abgesackt, aber jetzt haben wir einen gewaltigen Zuwachs durch den Skulpturenpark. Erstaunlich viele Gruppen kommen, der Park kostet keinen Eintritt. Wenn ich sie dazu rechne, habe ich über 50.000 Besucher. Wir haben ein paar schöne Sachen von Morellet über Franz West bis zu Jorge Pardo mit seinen Pseudo-Papierkörben.  

ZU DEN SAMMLUNGEN: MARX IST WEG. MAN SAGT, DIE STADT HÄTTE NICHT GENUG GEKÄMPFT.  

Mönchengladbach ist nicht allein schuld. Wenn Berlin plötzlich mitten in Deutschland liegt und man geht zu dem Sammler und sagt, Herr Marx, Sie sind doch Berliner, dann kann man es dem guten Erich Marx nicht verübeln. Das einzige, was schief gelaufen ist, ist, dass der Beuys-Block nicht geblieben ist, den er selbst eingerichtet hat. Man hätte sich auf eine Dauerleihgabe verständigen können. Ich glaube nicht, dass der Hamburger Bahnhof deswegen weniger Besucher hätte, dort gibt es schon genug Beuys. Da hat Mönchengladbach geschlafen, aber auch das Kultusministerium; und der Ministerpräsident, Herr Rau, hat sich voll auf Schloss Moyland konzentriert. Von dem Rheinländer Joseph Beuys hätte man hier noch einen Originalkomplex haben können, und da hätten alle kämpfen müssen.  

WORIN LIEGT DER SCHWERPUNKT DER DAUERAUSSTELLUNG?  

Ich würde gern die 80er und 90er Jahre stark machen, wo wir ja schon ganz gut sind: Mike Kelley, Isa Genzken, Meese, Althoff. Und würde nicht mehr nach diesen verlorenen Dingen Ausschau halten, wo jedes Werk ein paar Millionen Euro kostet, das bringt ja gar nichts mehr.  

IHR ANKAUFSETAT IST GLEICH NULL?  

Ja, 25.000 Euro, das ist heute gleich Null. Das Land gibt uns etwas dazu, aber nicht mehr die Hälfte wie früher, maximal 20.000 Euro, meistens sind es 10.000 Euro. Ohne die Sparkassenstiftung hätten wir Kippenberger nicht kaufen können. Damals waren es 50.000 Euro. Die erfreulichste Entwicklung ist die Sammlung Langen, die dem Museum wichtige Werke angekauft hat und in einem Vertrag vom Jahr 2000 eine Teilschenkung für spätere Zeiten in Aussicht stellt. Langen kauft in enger Zusammenarbeit, oder besser, auf Vorschlag des Direktors. Die Ankäufe werden, soweit möglich, gezeigt, und es besteht eine Option auf eine Teilschenkung zu einem späteren Zeitpunkt. Manfred Langen ist aus Mönchengladbach, das ist sehr gut. Er ist noch sehr jung, Mitte 40, da ist schon noch ein paar Jahre eine Prosperität zu erwarten.  

UND DER MUSEUMSVEREIN?  

Er hat 1650 Mitglieder unter dem Chirurgen Professor Hans Dieter Jakubowski, er betreut auch einen Förderverein als Teil des Museumsvereins, mit 50 Mitgliedern, die bringen 20.000 Euro im Jahr für zusätzliche Ankäufe.  

WAS KRIEGEN DENN VERGLEICHBARE MUSEEN VON IHREN STÄDTEN?  

Mehr. Wir sind das Schlusslicht geworden. Ich glaube nicht, dass andere Kommunen reicher sind, aber sie legen ihrem Museum mehr Wert bei. Die Stadt ist wirklich arm, sie hat rund 13 Prozent Arbeitslosigkeit. Sie könnte aber anders gewichten. Das Theater bekommt über 40 Prozent des Kulturhaushalts, wir 5 Prozent.  

DA IST DOCH DAS GEREDE UM EINEN ERWEITERUNGSBAU ILLUSORISCH?  

Es gab 1995, als ich gekommen bin, eine politische Initiative des damaligen CDU-Vorsitzenden für eine Erweiterung des Museums, und das Land stellte Mittel bereit. Dann hat aber die Stadt gekniffen und Hans Hollein sehr schleppend die Pläne bewegt, vermutlich ahnte er, es wird wahrscheinlich daraus nichts. Gewiss, das Museum ist aus den Nähten geplatzt. Trotz geringer Mittel haben sich unsere Sammlungen doch erweitert. Bei einem potenten Sammler wüssten wir nicht, wo wir die Sachen einlagern sollten. Das Museum hat quantitativ die Wachstumsgrenze erreicht. Bei etwas größeren Projekten müssen wir die Sammlung ausräumen. Wir haben weniger als 500 Quadratmeter Fläche für Sonderausstellungen, bei 3000 Quadratmetern insgesamt. Der Hollein-Bau ist mit seiner kapriziösen Architektur gut für eine Sammlung der 60er Jahre bis heute, aber nicht für Wechselausstellungen, da haben wir keine guten Voraussetzungen.  

WIE SIEHT IHRE ZUKUNFT AUS?  

Mein Vertrag endet am 31. Juli. Dabei bleibt es. Es gibt eine Option auf eine zeitlich begrenzte Zusammenarbeit, um den Übergang zu erleichtern für meine Nachfolge, und damit das Haus nicht in ein Loch fällt. Da stehen aber Verhandlungen noch an.  

DAS HEIßT, SIE GEHEN?  

Irgendwann werde ich gehen, ich bin jetzt 61. Das ist das Alter, wo man es sich überlegt. Ich will auch noch einmal etwas anderes machen. Ich möchte freier arbeiten, als freier Kurator, als Berater, aber es gibt derzeit nichts Festes. Ich habe zu viel Verwaltung gemacht, ich möchte mehr mit der jungen Kunst zusammen arbeiten. Ich möchte ein paar Projekte realisieren, auch ohne ein Haus. Im Sommer bin ich acht Jahre hier, das ist eine lange Zeit. Deswegen will ich mich nicht mehr so eng an Mönchengladbach binden.  

SIE WERDEN NACH ENDE JULI EINEN BERATERVERTRAG ÜBERNEHMEN?  

Möglicherweise eine Teilzeit-Beschäftigung, wo ich nur noch bestimmte Dinge mache. Das künstlerische Erscheinungsbild würde ich gerne noch eine Zeitlang prägen, aber nicht mehr so viel Verwaltung machen.  

GIBT ES EINE AUSSCHREIBUNG FÜR EINEN NACHFOLGER?  

Im Moment nicht.  

NORMALERWEISE BEGINNT MAN EIN INTERVIEW MIT DEM LEBENSLAUF. AUSNAHMSWEISE MÖCHTE ICH DAS GESPRÄCH DAMIT BEENDEN. SIE WURDEN 1942 IN DER RHEINPFALZ GEBOREN...  

Ich wollte ursprünglich Künstler werden. Ich wusste aber nicht so richtig, wie es geht, weil ich in der Provinz war. Und dann habe ich begeistert Kunstgeschichte studiert, aber mit einer gewissen Aversion vor der Gegenwartskunst. Ich habe mich mehr auf die Geschichte konzentriert. Und so sehen denn auch meine ersten Berufsjahre aus: Landesamt für Denkmalpflege, lange Jahre Stadtmuseum Regensburg. Da bin ich etwas versackt und dann merkwürdigerweise doch noch an die aktuelle Kunst gekommen, weil sie eine städtische Galerie gründeten, "Leerer Beutel". Das ist ein mittelalterliches Wort, ein ehemaliger Getreidespeicher.  

DAS GILT DOCH FÜR SIE JETZT AUCH.  

Ja, der leere Beutel hat mich mein Leben lang verfolgt. Und auch die Provinz, von Regensburg nach Kassel, und von Kassel nach Mönchengladbach. In Kassel war die Kunsthalle Fridericianum ab 1987 neu gegründet, nach der Schneckenburger-Documenta habe ich Ausstellungen gemacht, bis 95. Nach der Documenta von Jan Hoet ist das Geld weggebröckelt, und da bin ich sehr optimistisch nach Mönchengladbach gegangen, weil mir die Struktur gefallen hat, nur mit der Gegenwart zu arbeiten. Ich bin ernüchtert worden, dadurch, dass dieses hoch gelobte Museum es von der Struktur her gar nicht erfüllen kann. Aber letztlich geht es nicht nur um Besucherzahlen, finanzielle Einschränkungen und Probleme, sondern um Utopien, und denen bin ich immer treu geblieben. Auch jetzt als Bundeskurator. Ich habe von 2000 bis 2002 für die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland die Ankäufe getätigt. Die Ergebnisse werden jetzt im Hamburger Bahnhof in Berlin unter dem Titel "actionbutton" ausgestellt.  

Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Weitere Personen
Martin Kippenberger

* 1953, Dortmund, Deutschland; † 1997 in Wien, Österrreich

weitere Artikel zu ...

Franz West

* 1947, Wien, Österrreich

weitere Artikel zu ...