Band 89, 1987, Ausstellungen: Bonn, S. 353

Sabine Schütz

Helmut Newton

»Porträts, Mode, Akte« Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2.4.-24.5.1987

Er gilt als der Fotograf der Reichen und Erfolgreichen und zählt selber zu den einfluß- und erfolgreichsten Fotografen unserer Zeit: der Deutsch-Australier Helmut Newton, dem das Rheinische Landesmuseum in Bonn nun seine mit rund 250 Fotografien bisher umfangreichste Retrospektive einrichtete. Die Ausstellung, die noch in mehreren europäischen Städten Station machen und schließlich 1988 in Berlin zu Ende gehen wird, spannt einen Bogen von Newtons frühen Selbstporträts der 30er Jahre bis hin zu seinen unterkühlt-erotischen Szenarios der jüngsten Zeit. Busen und Beine, Glanz und Glamour, S + M (= Sex und Macht) - solche Stich- und Schlagworte fallen jedem ein, der sich schon einmal, in Mode- und Herrenmagazinen wie Vogue oder Playboy, mit Fotografien Helmut Newtons konfrontiert sah. Und eine Konfrontation ist die Begegnung mit diesen Bildern der vollendeten Künstlichkeit allemale. Denn Newton ist ein unbestechlicher Beobachter menschlicher Verhaltensformen; er kennt die Rollen und Masken, ohne die ein Leben, zumal in der eitlen, in sich selbst verliebten Welt der Haute Couture und Upper Class, unvorstellbar ist. Mit erbarmungsloser Schärfe porträtiert Newton die narzißtischen Posen und Starallüren seiner hochherrschaftlichen Modelle - und erweist sich doch als in höchstem Maße sensibel, selbst noch für die scheinbar unbedeutendsten Details. Das Einfühlungsvermögen, das Newtons Fotografien an den Tag legen, beschränkt sich dabei keineswegs auf die Person des - oder genauer: der - Porträtierten, sondern schließt auch den Betrachter mit ein, dessen Angst- und Wunschträume Newton allzu bekannt sind, und die er souverän, quasi beiläufig, in Aufruhr zu versetzen versteht. Wenn Newton die wohlproportionierte Idealfigur einer unbekannten Nackten fesselt und ablichtet, dann entfaltet dieses ob seiner hygienischen Ästhetik eher unschuldige Foto seinen pornographischen Aspekt erst in der Phantasie des Betrachters - dies allerdings unwillkürlich. Und wenn Newton den sterbenskranken Salvador Dali, angetan mit seidenem Morgenmantel und allerlei Orden und Ehrenzeichen, mit vor Angst entstelltem Gesicht porträtiert, so stellt dieses Bild trotz seiner geradezu grotesken Offenheit keine Persönlichkeitsverletzung dar, sondern rührt eher an die geheimen Todesängste des Betrachters.  

Helmut Newton, geboren 1920 in Berlin, begann seine fotografische Laufbahn sechzehnjährig als Lehrling der Berliner Fotografin Yva. 1938 floh er vor den Nazis nach Australien und erwarb dort die Staatsbürgerschaft. Nach langen Jahren in Paris lebt er heute in Monte Carlo. Seit Ende der fünfziger Jahre arbeitet Newton als Modefotograf, und seine ideensprühenden, oftmals surreal anmutenden Modeaufnahmen trugen dazu bei, daß die Modefotografie in den 60er Jahren ihre prüde Fixierung auf die Schönheit des Textils verließ und man darunter endlich auch den lebendigen Körper einer Frau aus Fleisch und Blut zu erahnen begann. Newtons Modefotos sind erotisch, und umgekehrt geben sich seine Modelle auch noch im Evaskostüm als modebewußt zu erkennen. Manchmal geht die Stilisierung seiner bis ins kleinste Accessoire ausgeklügelten Arrangements so weit, daß die »Darstellerinnen« wie dekorative Schnörkel wirken. Am ungekünsteltsten und ehrlichsten sind seine Porträts, ganz besonders die Bildnisse seiner Frau June.  

Hier geben sich die Porträtierten am ehesten so, wie sie sind: kaputt (R.W. Fassbinder); müde (Romy Schneider und Andy Warhol); arrogant (Paloma Picasso); oder so selbstbewußt, verführerisch und unwiderstehlich, wie Berühmtheiten eben zu sein haben. In einer Porträtserie hat Newton seine Stars jeweils auf ihrem Bett abgelichtet und dann einen fotografischen Blick in ihre Schublade gewagt. Und auch hier wieder sagt manches Detail aus der persönlichen Umgebung manchmal mehr aus über die Person als deren unbeteiligter Gesichtsausdruck. Die Bonner Ausstellung zeigt erstmals eine breite Auswahl aus Newtons großartiger Porträtkollektion, und seinen Porträts ist auch der Katalog gewidmet: »Helmut Newton. Portraits, Schirmer-Mosel, München, DM 78,- (in der Ausstellung DM 35,-).  

Weitere Personen
Helmut Newton

* 1920, Berlin, Deutschland; † 2004 in Los Angeles, Verein. Staaten

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