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Ausschreibungen

Künstlerwerkstätten in Belgien

Die belgische Initiative FLACC verfügt über Metall- und Holzwerkstätten, ein digitales Atelier (Video und Fotografie) und eine Gießerei mit Schmelz- und Brennofen für Keramik-, und Glasarbeiten, sowie ausgedehnte Arbeitsflächen. Die Ausschreibung für Arbeitsplätze ist offen für alle Bildenden Künstler. „Projekte, die das spezifische geografische, kulturelle, soziale oder historische Umfeld von FLACC (oder Genk/Belgien) berücksichtigen, die Prägungen des Begriffes Arbeitsplatz oder die speziellen technischen Voraussetzungen von FLACC anwenden, werden bevorzugt. Die Arbeitsperiode erstreckt sich über drei Monate in Vollzeit oder über 90 Tage“. FLACC bietet Unterkunft, einen Arbeitsplatz, übernimmt Reisekosten und gibt einen kleinen Zuschuss zum Produktionsbudget. Bewerbungsschluss ist der 1. Mai 2016. Infos: www.flacc.info/en/opencall

Kulturpolitik

Lenin-Kopf

EINSTIGES LENIN-DENKMAL in Berlin, vor 1991, Fotoquelle: Wikipedia/Upload: Bronks

Ein Berliner Politikum: Ab April 2016 wird der Kopf einer einstmals 19 m hohen Lenin-Statue in der Zitadelle Spandau ausgestellt, als Exponat der Werkschau „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“. 1970 hatte der Präsident der sowjetischen Akademie der Künste, Nikolai Tomski, die Skulptur aus ukrainischem Granit zum 100. Geburtstag des russischen Revolutionsführers entworfen. „Es war nicht das erste Lenin-Denkmal in der DDR, aber es sollte das größte und mächtigste im ganzen Land werden“, dokumentiert der Berliner Atavist-Verlag über die Geschichte des Denkmals, dessen Aufstellung der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht den sozialistischen Brüdern in Moskau bereits 1961 versprochen hatte – im Jahr des Mauerbaus. Als Tomski mit seinem Auftrag fertig war, bestand der steinerne Lenin aus 110 Granitblöcken, die jeweils vier bis sechs Tonnen wogen, und deren Transport von Moskau nach Berlin sich als äusserst schwierig gestaltete: „Es war ein harter und langer Winter, und ein paar der Laster mit Lenins Körperteilen blieben in Polen in Schneewehen stecken und irrten beim Versuch, geräumte Straßen zu finden, wochenlang durchs Land. So kam es, dass obere Teile des Denkmals bereits in Ost-Berlin eingetroffen waren, während untere noch fehlten“ (atavist-Verlag). Die Statue stand dann in Ost-Berlin auf dem Lenin-Platz (heute „Platz der Vereinten Nationen“) und galt bis 1989 als künstlerisches Vorzeige-Objekt der DDR. Doch nach der Wende hatte man sich am Genossen Lenin satt gesehen, und die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain beschloss den Abriss. Mit Menschenketten und Blockaden versuchten nicht nur hartgesottene Alt-Kader der untergegangenen SED das Denkmal zu retten, sondern auch viele andere, für die die Demontage der Plastik ein Indiz für einen schnöden Umgang mit der Geschichte bei der „Abwicklung der DDR“ war. Das zerlegte Denkmal wurde dann für ein Vierteljahrhundert an einem geheimen Ort in der Seddiner Heide in einer alten Kiesgrube verbuddelt: es wuchs dort Gras im wahrsten Wortsinn über die Geschichte des Marxismus-Leninismus. Als die Kuratoren für die jetzige Ausstellung den Kopf wieder ausgraben wollten, sprach sich der Berliner Senat zunächst gegen eine Bergung aus. Über die Begründung, man wisse gar nicht genau, wo sich die Denkmalreste überhaupt befänden, hagelte es Spott und Häme. Als der Senat schließlich einknickte, musste erst noch aus Naturschutzgründen die gemeine Zauneidechse umgesiedelt werden, bis endlich der Hebekran aufgestellt werden konnte. Die Zitadelle in Spandau ist nicht nur ein historisch bedeutsamer, sondern auch ein bizarrer Ausstellungsort: hier wurden in den 1960er Jahren die Edgar Wallace-Krimis „Der Bucklige von Soho“ und „Der Rächer“ gedreht.

Museen & Institutionen

90 Jahre Gedok

Ida Dehmel, historische Aufnahme, Foto: Jacob Hilsdorf, vor 1916

Ida Dehmel (1870-1942), Frauenrechtlerin und zweite Ehefrau des Dichters Richard Dehmel, gründete 1916 den Frauenbund zur Förderung deutscher bildender Kunst und 1926 die Vereinigung Hamburger Künstlerinnen. 1926 entstand schließlich die Gedok-Gemeinschaft Deutscher und Oesterreichischer Künstlerinnenvereine aller Kunstgattungen, die in diesen Wochen ihr 90jähriges Bestehen feiert. Als die Nazis die jüdische Dichterin Ida Dehmel 1933 aus dem Vorstand mobbten, traten der Überlieferung nach von den 7.000 Mitgliedern aus Solidarität mit ihr 5.000 auch aus. Heute zählt die Gedok 2.700 Mitglieder in 23 deutschen Städten und Regionen. www.gedok.de

Ausschreibungen

Kunst am Bau-Wettbewerb Erfurt

Bei dem Bauprojekt „Multifunktionsarena Erfurt“ handelt es sich um ein Sportstadion, „das zugleich als Ort für kulturelle Großveranstaltungen (Konzerte, etc.) sowie als Messe- und Tagungsstätte genutzt“ werden soll. „Das Multifunktionsgebäude und/oder dessen unmittelbare Umgebung soll durch einen eigenständigen künstlerischen Beitrag eine Akzentuierung erfahren. Dabei soll der Beitrag die Integration in die Umgebung beachten sowie durch seine künstlerische Qualität und Aussagekraft beeindrucken. Hierfür stehen das Areal vor dem Haupteingang, die lange Fassade der Ostseite des Gebäudes und/oder das Foyer zur Verfügung. Im Ergebnis soll ein Kunstwerk stehen, das als eine Art Signet, eine ikonische Gestaltung, die Imagefunktion besitzt.“ Dafür stehen insgesamt Mittel bis zu 100.000 Euro zur Verfügung. Die Wettbewerbsarbeiten müssen am 20. April 2016 abgegeben werden. Infos: www.kuenstler-thueringen.de/268

Preise

Follow-Fluxus-Stipendium

Adriana Lara

Adriana Lara ist Follow Fluxus-Stipendiatin 2016 (10.000 Euro). Sie verbringt einen dreimonatigen Arbeitsaufenthalt in Wiesbaden (Juni bis August 2016) und hat anschließend eine Einzelausstellung im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden (September 2016 bis Mai 2017). www.kunstverein-wiesbaden.de

Kulturpolitik

Sanierungsfonds in Hamburg

Der Sanierungsfonds Hamburg 2020 ermöglicht der Bürgerschaft, auf Antrag Gelder für bestimmte Projekte zur Verfügung zu stellen. Seit 2011 sind knapp 65 Millionen Euro aus diesem Fonds in verschiedene Projekte geflossen, unter anderem in die Sanierung des Planetariums oder an die Freiwillige Feuerwehr. Der Sanierungsfonds Hamburg 2020 ist im Sommer 2013 gar auf 180 Millionen Euro verdoppelt worden. Auch die Sanierung der Deichtorhallen konnte aus diesem Topf finanziert werden. Es geht aber in erster Linie nicht um Renommierprojekte: Mal beantragen Abgeordnete von SPD und Grünen Mittel zur Instandhaltung Hamburger Musik-Clubs, mal wollen sie die Stadtteilkultur fördern. Für 2016 sind 500.000 Euro für bauliche Verbesserungen in Kulturzentren vorgesehen. In den Genuss der Zuwendungen kommen die „Motte“ in Altona, die „Honigfabrik“ in Wilhelmsburg und das „Sasel-Haus“ im Stadtteil Wandsbek.

Kulturpolitik

Landeskulturbericht

2015 wurde im Landtag von NRW ein Kulturfördergesetz verabschiedet. In jeder Legislaturperiode soll künftig ein Landeskulturbericht vorgelegt werden. Er soll „von der Umsetzung des Kulturförderplans berichten, zur Kulturentwicklung im Lande Stellung beziehen und künftige Schwerpunkte der Kulturförderung darstellen.“ Der erste dieser Landeskulturberichte soll Ende 2016 fertig sein.

Preise

ESO-Residenz

Quadrature, Fotocredit: Quadrature

Das Kollektiv Quadrature mit Jan Bernstein, Juliane Götz und Sebastian Neitsch gewann den Wettbewerb des „European Digital Art & Science Network“ und darf einen mehrwöchigen Aufenthalt in Chile beim European Southern Observatory (ESO) verbringen. Näcbhste Station ist dann das Linzer Ars Electronica Futurelab, mit dessen Unterstützung die Gruppe dann einem konkreten küsntlerischen Projekt arbeitet Das Ergebnis wird anschließend beim Ars Electronica Festival Anfang September 2016 erstmals präsentiert. www.aec.at

Aktionen & Projekte

Wissensspeicher nGBK

1969 wurde die nGBK-neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin als "basisdemokratischer Kunstverein" gegründet. Ihre Projekte und Ausstellungen sind gesellschaftsbezogen. Die Arbeitsgruppe Wissensspeicher hat sich mit 46 Jahren nGbK-Geschichte beschäftigt und nun daraus eine Webseite erstellt.,sozusagen als digitales Vereinsarchiv. www.ngbk.de

Preise

Großer Kunstpreis Berlin

Frank Castorf Foto: © Marcus Lieberenz, Courtesy: Goethe-Institut

Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, wurde mit dem Großen Kunstpreis des Landes Berlin ausgezeichnet. Gleichzeitig wurden in der Akademie der Künste sechs weitere Ehrungen vergeben, darunter an Sven Johne im Bereich Bildende Kunst und an Peter Avar im Bereich Film- und Medienkunst. Der Preis wurde „in Erinnerung an die März-Revolution von 1848 vom Berliner Magistrat/Senat gestiftet“. www.adk.de

Ausschreibungen

App Art Award

Das ZKM Karlsruhe , das CyberForum e.V. und ihre Partner suchen auch 2016 die besten Kunstwerke im App-Format. Der AppArtAward, prämiert Apps, die sich als avancierte künstlerische Anwendungen auszeichnen. Um künstlerische Applikationen für jedermann zugänglich zu machen, wurde der AppArtAward vom ZKM ins Leben gerufen. Die App Art vereint Musik, visuelle Kunst, Videos, Games und Programmierung, sie macht die bildende Kunst mobil. Im Fokus des AppArtAward stehen nicht nur ästhetische Aspekte, sondern vor allem auch die kreative Integration und Nutzung technologischer Möglichkeiten. Neben dem Künstlerischen Innovationspreis werden 2016 die Sonderpreise »Connected Art«, »Virtual Reality«, »Art + Experience« und »Sharing« vergeben Alle Kategorien sind mit jeweils 10.000 € dotiert. Bis zum 9. Mai 2016 können App-Entwicklungen eingereicht werden. Die Preisverleihung ist am 15. Juli 2016. Infos: www.zkm.de

Personalien

Neuer Direktor für das Bucerius Kunst Forum

Franz Wilhelm Kaiser

Franz Wilhelm Kaiser ist ab dem 1. Juni 20916 neuer Leiter des Hamburger Bucerius Kunst Forums. Seine Vorgängerin Ortrud Westheider wechselt ans Museum Barberini in Potsdam. Kaiser war vorher u.a. Ausstellungsdirektor im Magasin/Centre National d’Art Contemporain de Grenoble im Gemeentemuseum Den Haag und im Fotomuseum Den Haag.

Ausschreibungen

Kunst am Bau-Wettbewerb München

Für den Neubau der Erweiterung (Annex) der Europäischen Schule München ist ein Kunst am Bau-Wettbewerb ausgelobt. Für drei Teilbereiche wählt das Preisgericht je 10 Teilnehmer aus. Einzureichen sind Ideen- und Konzeptskizzen (Entwürfe, keine Modelle!), die „eine künstlerische Intervention pro Teilbereich (ggfls. in Kombination mit anderen Teilbereichen), die einerseits einen eigenständigen Beitrag zur Bauaufgabe darstellt, andererseits einen klaren thematischen Bezug zur Idee und Nutzung der Europäische Schule (explizit auch des Kindergartens) erkennen lässt.“ Die Einreichungsfrist für (anonyme!) Wettbewerbsunterlagen endet am 4. Mai 2016. Infos: www.stbam1.bayern.de

Personalien

Regensburg: Grafik-Abteilung hat neue Leiterin

Dr. Nina Schleif

Dr. Nina Schleif übernahm die Leitung der Grafischen Sammlung im Regensburger Kunstforum Ostdeutsche Galerie. Sie gehörte zu dem Team, das in München das Museum Brandhorst zur Eröffnung vorbereitete und war zuletzt 2014/15 Forschungsstipendiatin an der renommierten Smithsonian Institution in Washington, wo sie eine Monografie zu Andy Warhols frühen Zeichnungen verfasste.

Museen & Institutionen

The Feuerle Collection

Im Frühjahr 2016 wird die Feuerle Collection in Berlin eröffnet. Das Museum zeigt Désiré Feuerles Sammlung, in der internationale zeitgenössische Künstlerpositionen kaiserlich-chinesischen Möbeln und Kunst aus dem südostasiatischen Raum gegenübergestellt werden. Es befindet sich in einem ehemaligen, aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Telekommunikationsbunker. www.thefeuerlecollection.org

Preise

iF Design Award

Residenz Würzburg, John Davis Skilton-Gedächtnisraum, Konzept: Eydos,, Foto: Bayerische Schlösserverwaltung

Die Residenz Würzburg wurde mit dem Design-Preis iF in der Kategorie „Interior Architecture“ ausgezeichnet. Damit wird das Gestaltungskonzept für den John Davis Skilton-Gedächtnisraum in der Residenz gewürdigt. Das Konzept entwarf die Würzburger Designagentur Eydos von Petra Tiblas. Skilton war am Ende des Zweiten Weltkriegs als Kunstschutzoffizier der US Army in Würzburg, der nach der Einnahme der Stadt 1945 die provisorische Abdeckung der Tiepolo-Fresken in der Residenz veranlasste.

Ausschreibungen

Leo-Breuer-Förderpreis

Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) vergibt den Leo-Breuer-Förderpreis (5.000 Euro) Künstler aller Sparten, „deren Arbeiten eine aktuelle Auseinandersetzung mit dem Konkret-Konstruktiven darstellen.“ Die Bewerbung muss Name und Anschrift sowie E-mailadresse (falls vorhanden) und Telefon-nummer enthalten, außerdem Angaben zum künstlerischen Werdegang und ein Ausstellungsverzeichnis oder entsprechende Belege der vergangenen Aktivitäten. Darüber hinaus können Mappen, ggf. CDs und bis zu drei aktuelle Kataloge eingereicht werden Bewerber können ihre Unterlagen bis zum 16.05.2016 LVR-LandesMuseum Bonn , Bachstraße 5-9 , 53115 Bonn Infos: www.rlmb.lvr.de/

Galerien & Auktionshäuser

Restbestände des Achenbach-Fundus: Versteigerung

Helge Achenbach, Foto: H.-N. Jocks

Am 18. Juni 2016 werden „Restbestände“ im Umfang von 240 Bildern, Fotoarbeiten, Grafiken und Skulpturen der liquidierten Firma Achenbach Art Consulting bei van Ham in Köln versteigert. Unter den Hammer kommt dabei auch ein Konvolut von 50 Bronzeaffen des Künstlers Jörg Immendorff. Solche Bronzeskulpturen hat van Ham früher schon zu Erlösen zwischen 51.000 und 89.000 Euro versteigern können. Helge Achenbach sitzt seit Juni 2014 in Untersuchungshaft und wurde im März 2015 wegen Betrugs in Millionenhöhe zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. www.van-ham.com

Aktionen & Projekte

Von Athen lernen

Athen, Fotoquelle: Wikipedia/A. Savin - Free art license

Die nächste Documenta findet zum ersten Mal in ihrer Geschichte an zwei verschiedenen Orten statt, nämlich vom 8. April bis zum 16. Juli 2017 in Athen und vom 10. Juni bis zum 17. September 2017 in Kassel. Dass bei solchen Großereignissen die Kunstförderung in zunehmenden Maße mit der Wirtschaftsförderung eng verzahnt ist, haben die documenta-Macher auch früher schon vorexerziert: es gab in der jüngeren Vergangenheit immer schon einen Hauptsponsor, z.B. die Deutsche Bahn, die Kombitickets für Bahnfahrt und Eintritt anbot. Diesmal sind logischerweise Unternehmen aus der Tourismusbranche mit an Bord; eine Fluglinie ist Sponsor und „erster offizieller Airline-Partner“ in der bisherigen documenta-Geschichte. Ab April 2017 bietet Aegean Airlines zweimal wöchentlich Linienflüge zwischen Kassel und Athen an. Damit das Ganze aber nicht nur nach simplem verkehrstechnisch-logistischem Besucherservice klingt, hat man es in der Presseerklärung etwas kryptischer formuliert: „Indem die Besucher der documenta aufgefordert werden, einer ähnlichen Route wie der der Ausstellungsmacher zu folgen, werden sie dazu eingeladen, sich Zeit zu nehmen und einen Bruch in der Sichtbarkeit zuzulassen, der bei der Bewegung von einem Ort zum anderen entsteht. Die Ausstellung wird dadurch zu einer verändernden Kraft, die ihrem Publikum und den Teilnehmern in beiden Städten und darüber hinaus eine transformative Erfahrung ermöglicht.“ www.documenta14.de

Biennalen

Manifesta: The Zurich Load

Mike Bouchet in der Frankfurter Schirn Kunsthalle 2010, Foto: Copyright Schirn Kunsthalle Frankfurt, Foto: Norbert Miguletz

Im Vorfeld der Züricher Biennale „Manifesta“ (11. Juni – 18. Sept. 2016) bezog der amerikanische Künstler Mike Bouchet die lokale Bevölkerung in sein Projekt ein, für seine überdimensionale Skulptur „The Zurich Load“ zusammen mit dem städtischen Klärwerk Werdhölzli Klärschlamm zu sammeln und als „fäkaler Fußabdruck Zürichs“ im Migros Museum für Gegenwartskunst an der Limmatstrasse 270 auszustellen. Immerhin spülen alle, die sich in Zürich aufhalten, pro Tag 80 Tonnen an festen Reststoffen in die Kanalisation. „Genauso wie wir uns heute von der Nahrungsmittelproduktion entfernt haben, haben wir uns auch von unserem körperlichen Abfallprodukt entfremdet“, erklärt Bouchet zu seinem Konzept. Der belgische Künstler Wim Delvoye hatte vor einigen Jahren als Skulptur eine Maschine konstruiert, die die chemischen Prozesse der menschlichen Verdauung ablaufen lässt. Auch hier ging es um eine Sichtbarmachung körperlicher Prozesse, die kulturell tabuisiert oder urologisch und proktologisch allenfalls äusserst diskret behandelt werden. Bei Bouchet kommt jedoch noch ein interaktives Moment hinzu, das der Grundidee des Manifesta-Kurators Christian Jankowski folgt, nämlich dass die eingeladenen Künstler mit Vertretern anderer Berufe zusammenwirken: hier sind es die Mitarbeiter des Klärwerks, die dem Künstler helfen, mit Neutralisationsstoffen den unangenehmen Geruch im Museum zu neutralisieren. In der Frankfurter Schirn Kunsthalle hatte Bouchet 2010 in seiner Ausstellung „Neues Wohnen“ „Fragen der Urbanität und des Konsums“ thematisiert, die auch bei seinem jetzigen „Manifesta-Beitrag“ eine Rolle spielen. Dort war die Arbeit „Watershed“ zu sehen, ein schwimmendes Einfamilienhaus, das Mike Bouchet 2009 auf der Biennale von Venedig ausgestellt hatte. Anschließend wurde das Haus zerlegt und auf Transportpaletten verteilt, aus denen der Künstler für die Frankfurter Ausstellung die Installation „Sir Walter Scott“ schuf. War hier schon ein Hang zur Monumentalisierung plastischer Momente zu erkennen, so besticht auch sein Klärschlamm-Projekt durch die Dimension, dass 400.000 Menschen mit jeder Klospülung ein Gemeinschaftskunstwerk schaffen und in einem Museum ausstellen. www.manifesta.org

Aktionen & Projekte

Darmstädter Tage der Fotografie

Georg Brückmann, Monstera, aus der Serie Das Abbild und sein ideeller Gegenstand, Acrylic-Dibond-Sandwich, 30 × 26 cm, 2013 bis heute, © Georg Brückmann

Die Darmstädter Tage der Fotografie finden vom 22. bis 24. April 2016 statt. 40 Künstler zeigen an 10 Orten in Darmstadt ihre Arbeiten zum Thema "Projektion – Fotografische Behauptungen"." Vom Museum Künstlerkolonie über die Centralstation bis hin zur Kunsthalle wird Darmstadt an diesem Wochenende zum Festivalort für zeitgenössische Fotografie."Höheüunkte sind neben den Ausstellungen die Verleihung des Merck-Preises, ein Symposium, Workshops, Führungen und das traditionelle Künstlerdinner im Saal der Centralstation. www.dtdf.de

Aktionen & Projekte

Sprache und Wissen

Dagmara Kraus, Collage aus: das vogelmot schlich mit geknickter schnute © Berlin kookbooks 2016

Für den 8. und 9. April 2016 sind Gespräche, Lesungen und Performances zum Thema "Sprache und Wissen" angekündigt. Veranstaltungsort ist das Berliner Haus der Kulturen der Welt. Kurator ist der Schriftsteller Marcel Beyer, der "die Zusammenhänge, Widersprüche und Möglichkeiten des dynamischen Gefüges von Sprache und Wissen" erkundet: „Sprache schafft Ordnung, zugleich lässt sie uns in nicht-existierende Welten vordringen.“ Im Zentrum dieser Veranstaltung steht die Frage, "ob sich Wissenschaft in Literatur „übersetzen“ lässt. In Lesungen, Performances und Gesprächen wird untersucht, wie Sprache als Mittel und Mittlerin von Selbst- und Welterkenntnis auftritt, wie sie reale wie imaginäre Dinge handhabbar werden lässt – und wie Sprache mitunter ihr eigenes Spiel treibt, nach undurchschaubaren Regeln." Referenten und Akteure sind u.a. Terézia Mora, Nora Gomringer,  Hanns Zischler, Hans-Jörg Rheinberger, Lilian-Astrid Geese, Wolfgang Heiniger, Ernst Kausen, Dagmara Kraus, Olaf Nicolai, Günther Orth, Cord Riechelmann, Klaus Sander, Frank D. Steinheimer, Anke te Heesen, Graham F. Valentine. www.hkw.de/sprache_wissen

Museen & Institutionen

De Chirico in Stuttgart

Giorgio de Chirico, Metaphysisches Interieur mit großer Fabrik, 1916, Öl auf Leinwand, 96,3 cm x 73,8 cm, Staatsgalerie Stuttgart, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Bis zum 3. Juli 2017 beschäftigt sich die Staatsgalerie Stuttgart mit Giorgio de Chirico (1888-1978) und seiner Bedeutung für die Kunst der europäischen Avantgarde. In seiner Malerei entwickelt er in den 1910er-Jahren eine hochkomplexe Bildsprache, deren vordergründige Gegenständlichkeit sich bei näherer Betrachtung in eine mysteriöse Welt voller Symbole und Anspielungen auflöst. Die 1911 in Paris begonnene Phase seiner metaphysischen Malerei findet ihren konzeptionellen Höhepunkt im oberitalienischen Ferrara, wo de Chirico ab Mitte 1915 bis Ende 1918 seinen Militärdienst ableistet. In der Ausstellung treffen zahlreiche in Ferrara entstandene Schlüsselwerke von Giorgio de Chirico und Carlo Carrà, mit dem ihn eine intensive Zusammenarbeit verband, auf Gemälde und Zeichnungen von Künstlern des Dadaismus, Surrealismus und der Neuen Sachlichkeit: die Bildsprache der pittura metaphysica hat z.B. Max Ernst, René Magritte und Salvador Dali stark beeindruckt. www.staatsgalerie.de

Museen & Institutionen

Krach um Balthus-Ausstellung

Balthus (Balthasar Kłossowski de Rola), Fotoquelle: Wikipedia/Damian Pettigrew

Balthus, 2001 verstorbener Maler, spaltet mit seinen bisweilen unterschwellig erotischen Porträts junger Mädchen auch postum die Gemüter. Nachdem das Essener Folkwang Museum 2014 eine Balthus-Ausstellung wegen Pädophilie-Vorwürfen absagte, gab es jetzt Streit um eine Werkschau im Bank Austria Kunstforum Wien, die dort noch bis zum 19. Juni 2016 läuft. Der FPÖ-Politiker Hans-Jörg Jenewein forderte „erklärende Hinweise“ neben den Nackt-Motiven. Bank Austria Kunstforum-Direktorin Ingried Brugger hingegen erklärte gegenüber dem Wiener „Kurier“, alle dargestellten Modelle seien älter als 16 Jahre gewesen, und die Ausstellung sei auch in Rom ohne Beanstandung gezeigt worden: „Wir stellen nicht Pornografie aus, sondern Kunst“. www.kunstforumwien.at

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Sammlung Henkel

Gabriele Henkel

Die Ausstellung Henkel – Die Kunstsammlung gewährt vom 8. April bis zum 14. August 2016 Einblicke in die von Gabriele Henkel über Jahrzehnte kenntnisreich zusammengetragene und von ihr kuratierte Kunstsammlung. Im Fokus der Präsentation im Düsseldorfer  K 20 am Grabbeplatz "steht eine abstrakte Malerei, die sich in Werken der klassischen Moderne und der amerikanischen Kunst finden lässt, in Gemälden von Robert Delaunay, Jean Metzinger, Amédée Ozenfant, Ellsworth Kelly, Mary Heilmann oder Frank Stella ebenso wie auch in Arbeiten von Gerhard Richter, Konrad Klapheck oder Imi Knoebel. Gezeigt werden diese Bilder im spannungsvollen Dialog mit der faszinierenden, abstrakten Ornamentik außereuropäischer, vor allem asiatischer Textilien, die den offenen, grenzüberschreitenden Blick der Sammlerin bezeugen." www.kunstsammlung.de

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Erwin Wurm in der Berlinischen Galerie

Erwin Wurm, One Minute Sculpture, 1997, © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Der österreichische Künstler Erwin Wurm war 1987 als Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. Er wird nun erstmals in einer monografischen Ausstellung in einem Berliner Museum präsentiert. Ausgangspunkt der Ausstellung „Bei Mutti“ in der Berlinischen Galerie ist ein Nachbau von Wurms Elternhaus in Bruck an der Mur in der Steiermark, gestaucht auf die Breite von 1,10 Meter. 2011 war dieses surreal anmutende Haus auf der Biennale in Venedig zu sehen. Der Künstler macht das Einfamilienhaus zu einer begehbaren Skulptur, "die den Besucher die bürgerliche Wohnkultur der Nachkriegszeit, aber auch die buchstäbliche Enge und Spießigkeit der Provinz physisch erleben lässt. "Für jeden zu erleben sind auch seine One Minute Sculptures, die Wurm wie kleine Theaterstücke konzipiert:" Es handelt sich um Kurz-Performances, bei denen Personen mit Aufgaben und Gegenständen kämpfen, die ihnen der Künstler mittels einer Handlungsanweisung aufgibt." www.berlinischegalerie.de

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Reset Modernity

Bruno Latour, Fotoquelle: Wikipedia/Bruno Latour Gothenburg 2006

Internationale Berühmtheit als Geisteswissenschaftler erreichte Bruno Latour 1979 mit seinem Buch „Laboratory Life“, in dem er die sogenannte Akteur-Netzwerk-Theorie beschreibt: was wir heute als wissenschaftliche Objektivität begreifen, ist in ein Netzwerk von agierenden Menschen und Objekten eingewoben. An seinem Buch „Existenzweisen“ durften im Internet 4.000 Diskutanten Kommentarbeiträge liefern und das Werk damit fortschreiben. Nachdem Bruno Latour bereits 2002 und 2005 an den großen Ausstellungen des ZKM Karlsruhe „Iconoclash“ und „Making Things Public“ maßgeblich beteiligt war, kuratiert der französische Philosoph nun zusammen mit einem Team zum Abschluss der Karlsruher „Globale“-Reihe die Ausstellung „Reset Modernity!“ (vom 16. April bis 21. August 2016 im ZKM Lichthof 8 und 9). Dem Team gehören Martin Guinard-Terrin, Christophe Leclercq und Donato Ricci an. Zu sehen sind Werke von Künstlern wie Jeff Wall und Pierre Hughes, jedoch nicht in einer statischen Ausstellung: nach einem ähnlichen Prinzip wie bei „Existenzweisen“ ist die Ausstellung „wie ein Verfahren“ aufgebaut. Die Besucher bewegen sich nicht einfach als Bilderkonsumenten durchs Museum, sondern sie „vergleichen verschiedene Kunstwerke, testen und kritisieren die Vorschläge der Kuratoren.“ Der Ausstellungstitel ist eine Metapher, wie man im Zustand einer Orientierungslosigkeit eine Neuausrichtung vornimmt, so wie beim Reset an einem Smartphone, „wenn der digitale Kompass verrückt spielt“. Das Verfahren hinge dann „von der Situation und dem Gerät“ ab, ganz im Sinne von Latours Akteur-Netzwerk-Theorie. In dieser Ausstellung gelte es nun, die „Moderne“ neu zu kalibrieren – diese Moderne mit ihrem technischen und sozialen Fortschrittsoptimismus war eine Methode, die es erlaubte, „zwischen Vergangenheit und Zukunft, Nord und Süd, Fortschritt und Rückschritt sowie radikal und konservativ zu unterscheiden“. Das „Unmoderne“ war das Rückständige, Altmodische und Veraltete. Mit der ökologischen Krise ist aber auch diese Moderne in eine Bewusstseinskrise geraten. Die Nuklearkatastrophen von Tschernobyl 1986 und Fukushima 2011 markieren eine Zeitenwende, die ein Ende euphorischer Technikgläubigkeit einläutete. Einer der Vorschläge an das Besucherpublikum befasst sich mit einer „Neuverortung des Globalen“, da wir ja immer noch vieles in der Welt aus einer lokalen Perspektive wahrnehmen. Der zweite Vorschlag fordert die Besucher dazu auf, „entweder ohne die Welt oder in ihr zu sein. Es befasst sich mit der äußerst eigentümlichen Art und Weise, mit dem die Modernen glauben, ihre Umgebung erfassen zu können: die starre Trennung zwischen Subjekt und Objekt“. Im dritten Kapitel geht es um den Begriff des Erhabenen im Anthropozän. Eines der seltsamen Dinge des ökologischen Wandels ist, dass es kein Außen mehr gibt: Alles, was außen war in der Umwelt, in der Natur ist jetzt wieder innen, und lastet auf unseren Schultern. In einem solchen Kontext ist es schwierig, das Erhabene noch so zu empfinden, wie es das 18. Jahrhundert hervorgebracht hat. Die Menschen sind über sich hinausgewachsen, doch ihre Seelen sind geschrumpft. Nun plötzlich fühlen sie sich für alles verantwortlich, ausgerechnet in einer Zeit, in der sie Teil einer geologischen Kraft geworden sind, über die sie keine Kontrolle haben...“ Zur Karlsruher „Globale“ hat „Kunstforum international“ zum Jahresbeginn 2016 einen Themenband veröffentlicht (Bd. 237). In diesem Band erschien auch ein Interview, das Heinz-Norbert Jocks mit Bruno Latour über „Reset modernity“ führte. www.kunstforum.de

Messen & Märkte

Art Brussels

TOUR ET TAXIS, Bruxelles, Fotoquelle: Wikipedia/Torsade de Pointes

2016 hat die Art Brussels (22.-24.4. 2016) einen neuen Standort: sie zieht vom Expo-Gelände im nordwestlichen Vorort Heysel in das Palais Tours et Taxis, einem monumentalen Komplex, der in der Hochphase der Industrialisierung in Belgien in den Jahren 1903 bis 1907 als Güterbahnhof- und Postgebäude am Kanalhafen von Bruxelles errichtet wurde. Heute findet dort bereits die Kunst- und Antiquitätenmesse BRAFA statt; das Wiels-Museum ist nicht weit entfernt, wohl aber die nächste Metro-Station: vom Gare du Nord oder vom U-Bahnhof Ribaucourt muss man ein paar Häuserblocks weit laufen. Die Galeristen bewerten die Entscheidung mit gemischten Gefühlen, denn am neuen Standort wird die Art Brussels eine weitaus geringere Teilnehmerzahl als bisher rund 190 Galerien aufweisen, zudem werden die Standmieten deutlich angehoben. Dennoch: Bruxelles hat in den vergangenen Jahren als Standort für zeitgenössische Kunst und damit auch für Kunstmessen zunehmend an Bedeutung gewonnen. Mit Galerien aus 33 verschiedenen Ländern meldete die Art Brussels 2015 einen so hohen Grad an Internationalität wie noch nie in ihrer Geschichte seit 1968; allein 16 Galerien kamen aus New York; und die Messemacher hoffen, diesen Trend am neuen Standort fortsetzen zu können. Und es wird 2016 auch noch eine Satellitenmesse in Bruxelles geben, nämlich die Independent. Sie wurde in New York von Elizabeth Dee und Darren Flock konzipiert und findet dort jeweils im März mit 50 Galerien statt. www.artbrussels.com

Messen & Märkte

Art Paris Art Fair

 Art Paris, Pressefoto, Fadi Yazigi bei Galerie Tanit

Vom 31. März bis zum 3. April 2016 findet im Grand Palais die Art Paris Art Fair als Frühlingsmesse für moderne und zeitgenössische Kunst statt. Mehr als 145 Galerien präsentieren „alle Formen des künstlerischen Ausdrucks und des Designs … von der Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart. Die Solo Show Ausstellungen vertiefen das Werk einzelner Künstler, während der Sektor Promises junge Galerien und aufstrebende Talente unterstützt...." Wer bei „Promises“ ausstellen will, darf seine Galerie noch nicht länger als fünf Jahre am Markt etabliert haben. 2016 ist im Kontext des Frankreich-Korea Jahres Südkorea Ehrengast dieser Messe. Sechs Künstler aus verschiedenen Ländern dürfen während der Messetage mit Projektionen auf die Fassade des Grand Palais im Außenraum intervenieren. www.artparis.com

 

Kulturpolitik

Kulturszene protestiert gegen AfD-Kulturpoltitik

Nach dem Wahlerfolg der AfD bei drei Landtagswahlen im März 2016 hat Jeanine Meerapfel, Präsidentin der Berliner Akademie der Künste, vor dieser Partei gewarnt und eine Beobachtung durch die Verfassungsschutzbehörden eingefordert. Auch der Deutsche Kulturrat wandte sich vehement gegen die kulturpolitischen Vorstellungen der AfD: Die Bühnen „sollen stets auch klassische deutsche Stücke spielen“, hatten die Rechtspopulisten im sachsen-anhaltinischen Wahlkampf gefordert. Auch Museen und Orchester sollten aus Sicht der AfD künftig einen „positiven Deutschland-Bezug“ fördern. Der Deutschlandfunk brachte diese Idee einer deutschtümelnd anmutenden Kulturpolitik auf die Formel: „Richard Wagner statt Giuseppe Verdi, Andrea Berg statt Madonna: So ungefähr lautet das kulturpolitische Wahlprogramm der AfD.“ Die Kulturkonferenz von Sachsen-Anhalt, in der sich 19 Kultureinrichtungen zusammen geschlossen haben, sieht das „Grundrecht der Kunstfreiheit“ bedroht, wenn Intendanten nicht mehr autonom über den Spielplan von Opernhäusern und Theatern bestimmen könnten. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat verweist auf die bewährte strikte strukturelle Trennung zwischen denjenigen, die Kunst produzieren, und denjenigen, die sie finanzieren. Dass sich geldgebende Kulturämter oder Sponsoren in die inhaltliche Gestaltung einer Ausstellung oder eines Konzertprogramms einmischen, war im demokratischen Deutschland bislang strikt verpönt. Nach den Erfahrungen mit zwei Diktaturen will hier zu Lande aus gutem Grund keiner mehr staatliche Instanzen haben, bei denen man sich als Autor oder Verlag z.B. erst einmal einem „Druckgenehmigungsverfahren“ unterziehen müsste wie in der DDR ab 1956, wo es zwar offiziell keine Zensur gab, wo aber gleichzeitig ohne grünes Licht seitens der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur kein Theaterstück und kein Gedichtband publiziert werden durfte. Natürlich werden auch künftig an hiesigen Bühnen z.B. Friedrich Schillers „Die Räuber“ und die Oper „Porgy and Bess“ von George Gershwin gespielt, ohne dass ein AfD-Kulturfunktionär letzteres verhindern könnte. Aber wenn es um eine deutsche Leitkultur gehen soll, dann kann diese eben nur in einem europäischen Kontext verankert sein, d.h. in einer Traditionslinie der französischen und britischen Staatstheorien der Aufklärung im 18. Jh., der Ideale der Französischen Revolution 1789 und der Demokratiebewegungen in Deutschland seit dem Vormärz nach 1830. Die konkrete rote Linie dazu, die nicht überschritten werden darf, weder von religiösen Eiferern noch von Nationalkonservativen, wird von den ersten 19 Artikeln unseres Grundgesetzes vorgegeben. Zu dieser verfassungspatriotischen Leitkultur (d.h. „Verfassungspatriotismus“ im Sinne des Politologen Dolf Sternberger und des Philosophen Jürgen Habermas) gehören als Conditio sine qua non u.a. das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2), die Gleichheit aller vor dem Gesetz, daraus folgernd dann ebenso die Gleichberechtigung in der Gesellschaft (Art. 3), und die Freiheit der Kunst (Art. 5). Dass in der Kulturszene so vehement gegen die AfD-Kulturpolitik polemisiert wird, hat sehr viel mit den unguten Erfahrungen aus der jüngeren Geschichte zu tun, die - anders als in Frankreich, wo wohl ein gewisser Konsens darüber zu bestehen scheint, dass per Gesetz die Radiosender dazu verpflichtet sind, 40 Prozent ihres Programms mit französischsprachiger Musik zu bestreiten – eben für viele kein unbefangenes Verhältnis zu einem Begriff von Nationalkultur zulässt, vor allem dann nicht, wenn er politisch aufgeladen ist. Was der NS-Ideologe Alfred Rosenberg 1929 in seinem Kampfbund-Manifest „Die Geisteswende. Kulturverfall und seelische Wiedergeburt“ niederschrieb und dann von 1933 bis 1945 als eine Rückbesinnung auf „arteigene“ deutsche Kulturwerte in Deutschland als offizielle kulturpolitische Leitlinie propagiert wurde, galt nach 1945 als obsolet. Damit dies auch künftig so bleibt, rufen Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann, der Künstler Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ und andere Repräsentanten der Kulturszene zu Protest und Widerstand auf.

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