Band 246, 2017, documenta 14 in Athen, S. 202

EMST

Unerschlossenes, politisches Potential

von Sabine B. Vogel

Fazit zur documenta in Athen

Solche Kombinationen von älteren und eigens für die documenta entstandenen Werken sind typisch für Szymczyks Konzept – was deutlich mehr zur Verwirrung als zu einem Erwachen unseres „unerschlossenen politischen Potentials“ beiträgt, zumal die vielen Vitrinen den Ausstellungen eine museale Starre verleihen. Besonders krass wird diese Vermischung im EMST (Nationale Museum zeitgenössischer Kunst), mit 77 Künstlern der größte Ausstellungsort der documenta - und Ort eines überwältigenden, thematischen Chaos. Hier werden in einer ärgerlichen Willkürlichkeit Schlagworte wie „Gender und Genres“, „Arbeit und Liebe“, „die Bank und das Museum“ vermischt – verwirrend und qualitativ äußerst disparat. Da sortiert Hans Eijkelboom in einem Video Passanten nach den Mustern ihrer Oberbekleidung und Handtaschen. Einen Schritt weiter sehen wir in Vakuum verpackte Alltagsfragmente von Danai Anesiadou, Olu Oguibes Buchsammlung zum Thema Biafra, Lionel Wendts romantisierende Fotografien aus Sri Lanka von 1938–43. 2. Weltkrieg, Hitler, Holocaust, Golfkrieg, Arbeiterbewegung – offenbar hatte Szymczyk plötzlich Sorge, irgendein Thema zu übersehen und hat hier alles hineingestopft, was sonst keinen Platz fand: Lois Weinbergers gesammelten und in Kästen sortierten, wunderbaren „Erkundungen im Abgelebten“, Forough Farrokhzāds Film über Leprakranke, Stanley Whitneys Farbfeldmalerei, Ernest Mancobas Strichbilder aus den 1990ern, Maria Enders „Transcriptions of Sound“ von 1921 und daneben die hinter geschlossenen Wänden verborgene Performance von „Geography Athens“, von der man nur die Fußbewegungen und den Atem hört – wie findet das alles zusammen? Dazwischen immer wieder Werke mit filigranen Linien wie Maria Lais mit Fäden durchzogene Bilder von 1967 bis 2009, daneben albanische Propaganda-Malerei von Llambi Blido, Pandi Mele und Zef Shoshi – warum aus diesem Land? Worauf soll uns der kleine Bär von George Lappas hinweisen? Und was bloß fasziniert Szymczyk so an den allgegenwärtigen Werken von Edi Hila, mit denen der 1944 geborene, albanische Künstler laut Erklärung die Geschichte seines Landes reflektiert? Soll damit der ununterbrochene Fluss von Bildern über die Ungerechtigkeiten der Welt, über drängende Notlagen und alles Missrepräsentierte unterbrochen oder bekräftigt werden? Im ersten Stockwerk des Museums hängen die riesigen, roten Fäden von Cecilia von der Decke – genau jenes Element, das wir in diesem Teil der documenta so sehr vermissen. Zumindest die Eingangsinstallation der argentinischen Künstlerin Marta Minujín erklärt sich sofort: „Payment of Greek Debt to Germany with Olives and Art“ schlägt vor, die griechischen Schulden an Deutschland mit Oliven und Kunst zu bezahlen.  

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Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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Weitere Personen
Danai Anesiadou

* 1977

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Hans Eijkelboom

* 1949, Arnheim, Niederlande

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Maria Ender

* 1897; † 1942

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Forough Farrokhzad

* 1935; † 1967

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Edi Hila

* 1949, Shkoder, Albanien

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Maria Lai

* 1919, Ulassai, Italien; † 2013 in Cardeddu

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George Lappas

* 1950, Kairo, Ägypten; † 2016

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Ernest Mancoba

* 1904; † 2002

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Marta Minujín

* 1943, Argentinien

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Olu Oguibe

* 1963, Aba, Nigeria

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Adam Szymczyk

* 1970, Trybunalski, Polen

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Lois Weinberger

* 1947, Stams, Österreich

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Lionel Wendt

* 1990, Colombo, Sri Lanka; † 1944 in Colombo, Sri Lanka

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Stanley Whitney

* 1946, Philadelphia, Verein. Staaten

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