Band 245, 2017, Ausstellungen: Köln, S. 268

Gerhard Richter

Neue Bilder

Museum Ludwig 09.02 – 01.05.2017
von Martin Seidel

Gerhard Richter, der Unausweichliche. Seit Jahren folgt eine Großausstelllung der nächsten. 2015/2016 versetzte der Birkenau-Zyklus die Kunstwelt in Aufregung. Nach einer kürzeren Auszeit begab sich Richter, der erfolgreichste und bestbezahlte Maler unserer Zeit, 2016 wieder an die Arbeit.  

Die von ihm selbst konzipierte Ausstellung im Museum Ludwig zu seinem halbrunden 85. Geburtstag verbindet diese neuesten Arbeiten mit separat präsentierten Richter-Werken aus dem Museumsbestand. Das im Zentrum der Schau stehende Neue – 26 abstrakte Ölbilder auf Leinwand oder Holz – ist so neu nicht. Die Bilder wurzeln im Schaffen der späten 1980er Jahre, als Richters vielfältiges gegenständliches und gleichzeitig auch ungegenständliches Werk im Bereich der Abstraktion noch einmal Wind aufnahm. Das Ergebnis waren abstrakte Bildtafeln, die 2008 und 2009 exklusiv das Museum Ludwig und das Haus der Kunst in München präsentierten. Auch die Neuen sind mit Pinsel, Rakel, Spachtel und Messer geschaffene farbreiche Bildräume mit kleinteiligen Strukturen aus nur bedingt steuer- und kontrollierbaren Verstreichungen, Wischern, Schrunden, Rissen, Kratzern, Tupfern, Schüttungen und breit und weich geschwungenen Quastenbahnen, die sich über die aufgewühlten Oberflächen legen.  

Es sind keine erneuten Wendepunkte in Richters wendungsreichem Oeuvre. Es sind Sammlerobjekte von morgen, qualitätvoll, einnehmend, gut und schön. Bemerkenswert ist der Umstand, dass diesmal die Größe und Ausrichtung der Bilder variieren. Richter hält verschiedene Formate bereit: kleine, mittlere und große, intime und repräsentative, hoch und quer ausgerichtete. Alles ist dabei, fast so als seien die Bilder keine autonomen Kunstwerke, die ihre Maße aus einer inneren ästhetischen Notwendigkeit ableiten. Ist der rätselhafte Reichtum der Varianten eine Frage der körperlichen Tagesform des Malers? Die manchmal kaum vierzig Zentimeter im Quadrat messenden Tafeln wirken, als würden sie im Zusammenhang aller Bilder einem konzeptuellen Ansatz folgen, der die kunstgeschichtliche Bedingtheit und Bezüglichkeit der Bilder in verschiedenen Formaten und deren Funktionen durchspielt. Dabei bewahren sich die kleinen wie die großen Bilder ihr exquisites Pulsieren und ihre undurchdringliche Dichte.  

Paradox und bizarr und doch nur logisch, mit welchem Aufwand Richter auch in diesen Spätwerken seinen Konzeptualismus betreibt und wie viel Farbe, Werkzeug und ausgefeilte Technik er auf die Selbstreflektion der Bilder verwendet. Die Frage steht im Raum: Woran appellieren diese Richter-Reprisen, die keine geduldigen Projektionsflächen und illusionistischen Meditationsräume sind wie bei einem Mark Rothko und keine schweigend erhabene Überwältigungsgesten wie bei Barnett Newman. Richter ist weder das von der Inspiration plötzlich durchzuckte Genie, das bei Cy Twombly begegnet, noch kühler Stratege und handwerklich orientierter Bildermacher. Er ist ein abgeklärtes Genie im Bildermachen, das seit über fünfzig Jahren den Bildbegriff dreht und wendet und – bis hin zu den gläsernen Spiegelobjekten – künstlerisch alles durchexerziert, was als Bild bis heute denkbar scheint.  

Bildungswissen ist seinen Werken, die immer auch Meta-Bilder sind, inhärent. Dabei erschließt Richter den Erfahrungsraum auch sinnlich, ästhetisch. Das Höchstmaß an lyrischer Gestimmtheit bei Richter ist heute eigentlich nur möglich, weil es über sich hinausweist und weil es den Bezug auf die Werk- und Bildgeschichte und darüber hinaus das Unvorhersehbare als bestimmenden Gestaltungsfaktor mit einbezieht. Es ist kein Understatement, wenn Richter den Arbeitsprozess seiner abstrakten Bilder grundehrlich entzaubert und entmystifiziert: „wo nichts mehr zu tun ist, da höre ich einfach auf“.  

Die neuen Richter-Bilder verwenden – vorerst? – keine Titel, sondern nur die Nummern des Werkverzeichnisses. Darin unterscheiden sie sich von den beschreibenden beziehungsweise suggerierenden früheren Bildern und Bildstrecken, die „Claudius“, „Cage“, „Bach“, „Wald“, „Atem“, aber auch „Abstraktes Bild“ oder „A B, Courbet“ heißen. Hindeutende und lenkende Titel wirken, obwohl sie vermutlich nicht so gemeint sind, wie eine Aufforderung, die Bilder als prägnante und sentenziöse Chiffren zu begreifen. Hochaktuell, hochbrisant und hochkontrovers hat das der 2015/2016 in Dresden und Baden-Baden präsentierte vierteilige „Birkenau“-Zyklus gezeigt.  

Verbreitet ist die Meinung, die Bedeutung von Richters (abstrakten) Bildern läge im Ausschöpfen der Möglichkeiten der Malerei nach ihrem Ende. Dabei bieten auch die 2016er-Bilder mehr als die zerknirschten Zweifel, ob die Zeit der Historien- und überhaupt der Tafelmalerei nicht irgendwie doch abgelaufen sei. Mindestens eben so sehr wie Abstraktionen von etwas sind die Bilder Universalien. Ihre Verstrickungen sind kompliziert und weit genug, um auch den ursprünglichen Glauben an die ästhetische Kraft von Farbe und Form zu transportieren und den Gefallen daran zuzulassen.  

Die Zweiteilung der Schau – die neuen abstrakten Arbeiten in der Magistrale im Obergeschoss und die hauseigenen Richter-Bestand in den angrenzenden ehemaligen Grafikräumen – ist angesichts der komplexen Verästelung der Richterschen Bilderfrage sehr streng. Die wenigen gegebenen Blickachsen – zu Richters früher, unter anderen Vorzeichen auftretender Abstraktion „Krieg“ (1981), zu Alexander Calders Stiefel-Skulptur am Ende des Parcours und zu Malereien von Mark Rothko oder Blinky Palermo in Nebenräumen – lassen erkennen, dass Dialoge zwischen Richters so unterschiedlich gearteten und doch an einem Strang ziehenden alten und neuen, gegenständlichen und ungegenständlichen Bildern fruchtbar wären. Der Anlass, Richters 85. Geburtstag, und der Ort, das Museum Ludwig, in Richters Wahlheimat Köln, deren Ehrenbürger er auch noch ist, sind über kuratorische Ambitionen erhaben. Die Ausstellung ist eine Hommage der Stadt an ihren Künstler und eine Hommage des Künstlers an seine Stadt.  

Autor
Martin Seidel

* 1958, Frankfurt am Main , Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Gerhard Richter

* 1932, Dresden, Deutschland

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