Band 245, 2017, Titel: Kunst lernen?, S. 118

College of Art and Built Environment of the Kwame Nkrumah University of Science and Technology, Kumasi, Ghana

Handwerklichkeit als Existenzstrategie 

von Stephanie Dieckvoss

Der an der New York University lehrende Philosoph Kwame Anthony Appiah beschreibt 2016 in den Reith Vorlesungen „mistaken identities“ im BBC Radio unter den Kategorien Glauben, Land, Rasse und Kultur Fragen nach Identität, nach ihrer Erschaffung, ihrem Nutzen und ihrer Fragilität. Oftmals anekdotisch, mit persönlichen Beispielen durchsetzt, spricht er viel über die Erfahrungen, die er und seine Eltern in Kumasi in Ghana machten, wo er als Kind einer Engländerin und eines Ghanaers überwiegend aufwuchs. Kumasi, oft als Gartenstadt Ghanas bezeichnet, ist die Hauptstadt des Aschanti-Königreichs im südlichen Ghana und ehemalige britische Kolonialstadt. Mit ihren über zwei Millionen Einwohnern ist sie die zweitgrößte Stadt des Landes. Zwar ist Accra seit der Unabhängigkeit 1957 die offizielle Hauptstadt, Kumasi spielt aber eine lange und bedeutende Rolle in der Geschichte der ehemaligen Goldküste Afrikas. Heute ist die Stadt, die aus 80% Christen und 20% Muslimen besteht, vor allem eine Studentenstadt, sie beherbergt eine Reihe von Universitäten und Institutionen.  

In der Vorlesung zum Thema Glauben beschreibt Appiah anschaulich die Beziehung zwischen der Religion seines methodistischen Vaters, einem der bekanntesten Juristen, Diplomaten und Ghanas, der sich stark für die Unabhängigkeit der ehemaligen Goldküstenkolonie einsetzte und auch zur Königsfamilie in Kumasi zählte, und dessen Aschanti Traditionen. Christliche und afrikanische Rituale, so Appiah, verhielten sich für seinen Vater harmonisch, er lebte beide Traditionen gleichzeitig, ohne darin einen Widerspruch zu sehen. Appiah führt aus: „Denn niemand erschafft die Welt, in der wir leben, von Grund auf neu; keiner von uns entwickelt Werte und Verpflichtungen außer im Dialog oder zumindest in Auseinandersetzung mit der Vergangenheit“1.  

Man kann sich fragen, was die Beziehung zwischen christlichem und afrikanischem Glauben, zwischen einem Politiker und Angehörigen des Königshauses mit Kunsthochschulen in Ghana zu tun hat – aber hoffentlich liegt die Antwort auf der Hand. Kunsterziehung und Künstlerausbildung sind hier dicht verwoben mit der Geschichte und der Gegenwart des Landes und spiegeln europäische und afrikanische Traditionen dialektisch wider. Für die Definition afrikanischer Kunst stellt das gerade heutzutage eine große Herausforderung dar: Schließt sie sich der Formsprache westlicher Zeitgenossenschaft und globaler Weltkunst an oder vermag sie afrikanische Traditionen beizubehalten, ohne in eine touristische Stammeskunst zu rutschen? Welche Identität nehmen Künstler in Ghana an? Welche Kunst und welche Traditionen lehren und lernen sie? Und nicht zuletzt, was ist das Verhältnis zwischen freier und angewandter Kunst?  

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Autor
Stephanie Dieckvoss

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Ablade Glover

* 1934, Accra, Ghana

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Dorothy Amenuke

* 1968, Adzokoe, Ghana

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* 1944, Anyako, Ghana

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* 1954, London, Grossbritanien

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* 1987 , Ghana

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