Band 243, 2016, Titel: Postdigital 2, S. 132

Jesse McLean

Sich in ein Medium hineinbeamen

Ein Gespräch von Christian Höller

Jesse McLean zählt zu jenen KünstlerInnen, die zu einem Gutteil mit Material arbeiten, das aus anderen Medien übernommen ist. Wobei es keine Rolle spielt, ob es sich dabei um Spielfilme, Popsongs, Fernsehsendungen, Buchzitate oder, immer präsenter, allerlei „Treibgut“ aus dem Internet handelt. Im folgenden Gespräch, das einen Bogen von ihren frühesten, vor circa zehn Jahren entstandenen Arbeiten bis herauf zu ihren jüngsten Werken spannt, geht es um McLeans spezifisches Verständnis von „Appropriation“ und „Found Footage“. Durchgehendes Thema ist dabei die Frage, inwiefern das Internet und die Digitalkultur eine neue Sichtweise auf diese Begriffe nahelegen.  

Christian Höller: Du beziehst in Deinen Filmen Material aus vielerlei Quellen mit ein – Material, das Du auf scheinbar „nahtlose“ Weise miteinander verknüpfst. So ist es relativ schwer zu erkennen, was Originalaufnahmen und was appropriiert ist. Inwiefern, glaubst Du, macht die Unterscheidung zwischen „original“ und „übernommen“ überhaupt noch Sinn? Und falls diese Differenz im Zuge des postdigitalen Filme­machens zunehmend obsolet werden sollte, was, denkst Du, wird an ihrer statt relevant?  

Jesse McLean: Die Unterscheidung zwischen Originalität und Appropriation war immer schon unscharf. Aber die Leichtigkeit, mit der man heute bestimmte Quellen teilen kann und die Verfügbarkeit entsprechender Werkzeuge haben das Ausmaß an Medien, die sich auf diese Weise ineinanderblenden lassen, noch gesteigert bzw. entscheidend vereinfacht. Außerdem hat die Fülle des Medialen, das uns umgibt, viele Leute und auch KünstlerInnen in die Lage versetzt, diese Trennlinie noch weiter zu verwischen. Man denke nur an die weithin kursierenden „Meme“ und „Supercuts“, an jederzeit abrufbare Audiofiles oder YouTube-Kanäle, die einander imitieren – all das sind Methoden der Aneignung von zuvor schon existierenden Materialien und medialen Formen.  

Ich persönlich finde diese Verwischung, aber auch die Neudefinition dieser Grenze spannend, weil sich auf diese Weise die Massenkultur aus künstlerischer Sicht reflektieren und kritisieren lässt. Mir liegt nicht so sehr an Originalität als einem künstlerischen Konzept oder Ziel. Vielmehr geht es mir um einer Art von persönlicher und provokativer Kunst, die den BetrachterInnen Raum gibt und Fragen über die Welt und die RezipientInnen aufwirft. Dies ist schwierig umsetzen, wenn man sich komplett von seinen Einflüssen abzusetzen versucht. Ich fände großartig, wenn KünstlerInnen und ihr Publikum verschiedenartigste Arbeitsweisen akzeptieren würden, ohne das dabei benutzte Material oder die angewandten Methoden immer gleich zu hierarchisieren. Genau daran ist mir beim postdigitalen Filmemachen gelegen, an der Akzeptanz von Differenz, dem Anerkennen von Einflüssen und gemeinsamen Erfahrungen.  

Es passiert häufig in Deinen Filmen, dass Auszüge aus YouTube-Clips auf Zitate aus Büchern, Theoriefragmente, Popsongs aus den 1970er-Jahren oder Ausschnitte aus Spielfilmen treffen. Gibt es diesbezüglich ein organisierendes Prinzip, das all diese Elemente zusammenhält?  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 245 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Christian Höller

* 1966, Österreich

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Jesse Mclean

* 1975, Philadelphia, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...