Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Gespräche, S. 462

Olu Oguibe

Die uralte Lehre der Gastfreundlichkeit

von Heinz-Norbert Jocks

Olu Oguibe, 1944 in Aba, Nigeria geboren, sowohl Künstler als auch Intellektueller, Kunsthistoriker, Kurator und Professor für Kunst und African-American Studies an der Universität von Connecticut. Er verfasste bedeutende Beiträge zur postkolonialen Theorie. 1986 machte er einen Abschluss in Fine- und Applied Arts an der Universität von Nigeria und 1992 seinen Doktor in Kunstgeschichte an der School of Oriental and African Studies University in London zum Thema: „Uzo Egonu : Ein afrikanischer Künstler im Westen“. Er lehrte kritische Theorie am Londoner Goldsmiths College, bevor er in die Vereinigten Staaten zog. Er lebt in Rockville, Connecticut, und erhält am 10.September den mit 10.000 Euro dotierten Arnold-Bode-Preis. Zu den letzten Preisträgern gehörten Goshka Macuga, Thomas Bayrle und Hiwa K und Nairy Baghramian, die auch auf der documenta 14 vertreten sind.  

Heinz-Norbert Jocks: Wie würdest du deine Arbeit auf dem Königsplatz in Kassel beschreiben?  

Olu Oguibe: Du blickst auf einen großen Obelisken mit einer Inschrift aus der Bibel, die auf allen vier Seiten steht. Darauf ist zu lesen: „Ich war ein Fremder, und Ihr habt mich aufgenommen.“ Die Inschrift ist in den vier Sprachen übersetzt, die in Kassel am meisten gesprochen werden, also Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch. Die Botschaft ähnelt denen, wie sie auf antiken Obelisken zu finden sind. Deren Form ist zu einer so universellen wie zeitlosen geworden. In Kassel ist der Obelisk mit einer Botschaft über Gastfreundlichkeit gegenüber Fremden versehen, die, vor ihrer Verfolgung flüchtend, Zuflucht gefunden haben und ihre Dankbarkeit gegenüber ihren Gastgebern bekunden. Der Grund, warum ich dieses Zitat auswählte, hat nichts mit Religion zu tun. Ich bin nicht gläubig und hätte ebenso gut einen Satz von Shakespeare oder aus den Schriften des Buddhismus zitieren können. In einem Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern erzählt dieser von einer Rede des Menschensohns am letzten Tag. Darin sagt er: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Olu Oguibe

* 1963, Aba, Nigeria

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Biennalen
documenta

D – Kassel

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