Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Gespräche, S. 446

Daniel Knorr

Der Rauch der Mehrdeutigkeit

von Heinz-Norbert Jocks

Der 1968 in Bukarest geborene Bildhauer Daniel Knorr, der seit 1998 in Berlin lebt, kam als Vierzehnjähriger nach Deutschland, nachdem seine Eltern 1982 als Touristen aus Rumänien geflohen waren. Er studierte bei Olaf Metzel an der Akademie der Bildenden Künste in München. Aufmerksamkeit erzielte er 1994 mit seiner Installation „Powder“. Da ließ er die Besucher über ein halbes, in Panzerglas eingeschlossenes Kilo Kokain laufen. Dank eines DAAD-Stipendiums kam Knorr in die USA an das Vermont College of Fine Arts und schließlich von 1995 bis 1997 nach New York. 2005 bespielte er den Rumänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig, indem er die Räume unter dem Titel „European Infuenza“ völlig leer ließ. Für das Mumok in Wien stellte er Marie Antoinette und Ludwig XVI als Vogelscheuchen dar. Im Fridericianum präsentiert Daniel Knorr sein performatives Projekt „Scherben bringen Glück. Dieses beinhaltet nicht nur die Entstehung der Skulptur „City Pills“, sondern auch eine über den gesamten Zeitraum der documenta fortlaufende Produktion von Brillen aus Altglasscherben. Im Grunde strebt er mithilfe der Verwendung von Material ein Sichtbarwerden von Geschichte ebenso an wie Assoziationen zu unterschiedlichen Ebenen unserer Kultur oder Nicht-Kultur. Mit dem weißen Rauch, der vom Zwehrenturm in Kassel täglich zwischen 10 und 20 Uhr aufsteigt, sorgte Knorr bereits bei einem Probelauf trotz Vorwarnung für Aufregung. Der Rauch bildete so dichte Wolken, dass die Feuerwehr anrückte.  

Heinz-Norbert Jocks: Dein Werk in Athen, die Herstellung eines Buches, hat mit gefundenen Gegenständen zu tun und eine indirekte Verbindung zu der Arbeit in Kassel.  

Daniel Knorr: An diesem Projekt arbeite ich seit zehn Jahren. Es ist das elfte Buch, das nun in der bisher größten, in einer Auflage von 1100 Exemplaren erscheint. In Athen greife ich auf in den Straßen und auf Plätzen innerhalb und außerhalb des Zentrums aufgelesenes Zeug zurück, darunter kaputtes Spielzeug, eine SIM-Karte oder der Geschäftsstempel eines nicht mehr existenten Unternehmens. Für mich sind dies wertfreie Gegenstände. Ich bevorzuge flache oder solche Dinge, die ich derart bearbeitete, dass ich sie in das Buch hineinlege und dieses mit einem Druck von über 30 Tonnen zusammenpresse. So flach, dass sie zwischen die weißen Buchseiten passen und sich tief in die Seiten einprägen. Auf der Rückseite der nummerierten und signierten Bücher befindet sich ein USB-Stick, darauf gespeichert ein zwanzigminütiger Film. Die Idee mit den Büchern, im Rahmen meiner bisherigen Arbeit eigentlich keine neue, hat einen Bezug zu Athen, da diese mit Archäologie und der Konstruktion einer kulturellen Identität in einer geschichtsträchtigen Stadt zu tun hat. Das Verweilen in einer solchen Metropole fordert einen fast zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit heraus. Alles in allem verweist die Arbeit mit den verwerteten Gegenständen auf die Fragmentierung der Gesellschaft. Die kulturelle Identität, die sich in diesen Bruchstücken widerspiegelt, geht über die griechische weit hinaus, weil diese die Quelle der westlichen oder europäischen Identität ist. Übrigens ist mein Gesellschaftsverständnis dem völlig entgegengesetzt, was sich nicht nur in Deutschland, sondern auch anderswo beobachten lässt, wo Konsumtion das Verhalten der Menschen bestimmt. Meine künstlerische Tätigkeit verstehe ich als zeitgenössische Archäologie. In Kassel nehme ich eine Art Umwandlung oder Überführung der in Athen produzierten Bücher in die am 8. April in Kassel inaugurierte Arbeit „Expiration Movement“ vor. Dort steigt tagtäglich mehr als zehn Stunden lang weißer Rauch aus dem Zwehrenturm am Friedrichsplatz als Spur dieser Metamorphose.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Daniel Knorr

* 1968, Bukarest, Rumänien

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Biennalen
documenta

D – Kassel

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