Band 248, 2017, Titel: documenta 14 Rundgang, S. 206

13 Friedrichsplatz

Banu Cennetoglu Hiwa K Marta Minujin Ben Russell Vadim Sidur Hans Haacke

Im Interview mit Adam Szymczyk im Kunstforum Bd. 229 hatte der documenta-Leiter erzählt, die Kasseler Bevölkerung habe sich eine „mindestens 15 Meter hohe Außenskulptur“ gewünscht. Er denke immer wieder nach, wie er „der Erwartung nachkommen und auch mit ihr spielen“ könne. Seine Lösung für Kassel: Vadi Sidurs (1924, Ukraine, gest. 1986) verlagerte Skulptur „Der Gefesselte (Monument für die Opfer der Gewalt)“ (1974), dessen Modell auch im Presse- und Informationszentrum zu sehen ist. Vor allem aber steht mitten auf dem Friedrichsplatz direkt vor der klassizistischen Fassade des Fridericianums Marta Minujins 12 Meter hoher „Parthenon der Bücher“.  

Der Friedrichsplatz wurde im 18. Jahrhundert angelegt, ist einer der größten innerstädtischen Plätze Deutschlands und wurde häufig zum Exerzieren, für Aufmärsche und Militärparaden genutzt. Die autogerechte Verkehrsplanung ließ in den 1950er Jahren eine zentrale Straße durch den Platz ziehen, daher ist das südöstliche Drittel mit dem Ottoneum, der documenta-Halle und den Auen abgeschnitten. Zentrales Gebäude des Platz’ ist das Fridericianum, wo auch 1955 die erste documenta stattfand.  

Das spektakulärste und am häufigsten fotografierte Werk steht vor dem Fridericianum: Eine Neuversion jener Skulptur von Marta Minujin, die die argentinische Konzeptkünstlerin (1941) bereits 1983 in Buenos Aires realisierte, der „Parthenon der Bücher“, ein Monument für Demokratie und Meinungsfreiheit. Minujin gilt als lateinamerikanische Pionierin für Happenings, Performances und Skulpturen. Oft verwendet sie alltägliche Materialien von Pappe über Stoffe bis zu Nahrungsmitteln. 1979 wollte sie einen Metallabguss der Freiheitsstatue mit Hamburgern der Fastfoodkette McDonalds bedecken und Besucher zu einem großen, kostenfreien Essen einladen. 1983 schaffte sie es, auf einem öffentlichen Platz in Buenos Aires eine maßstabsgetreue Replik des griechischen Parthenons aufzustellen. Den griechischen Tempel wählte sie, weil er in seiner ursprünglichen Funktion 400 v. Chr. Die Goldstatue der Athene und die Silberreserven der Stadt zu beherbergen. Minujins Parthenon barg einen anderen Schatz: Mehr als 20.000 Bücher hingen an den Säulen, Fries und Giebel des Baugerüsts – Bücher, die während des argentinischen Militärregimes (1976–1983) verboten waren. In Kassel steht jetzt eine neue Variation des Monuments. Auch hier ist der Bau mit Tausenden zensierter Bücher behängt, die einzeln in transparente Plastikfolien eingeschweißt sind. Minujin ist es wichtig, dass die Bücher nicht vom Klima zerstört werden. Schriften von Thomas Mann, Albert Einsteins „Mein Weltbild“, Mobby Dick von Herman Melville findet man darunter, Gedichte von Kurt Tucholsky, Erzählungen von Egon Erwin Kisch, Bertolt Brecht, Robert Musils „Drei Frauen“, Stefan Zweigs „Maria Stuart“, sogar Harry Potter, Erich Kästner und „Der Kleine Prinz“ – wurden all diese Werke irgendwo auf der Welt schon zensiert? Die Bücher der Gebrüder Grimm waren in Deutschland nach dem Krieg unerwünscht, weil sie von den Nazis vereinnahmt worden waren. Mikey Mouse gab es in der DDR nicht und Harry Potter wird in den USA eine zu große Nähe zu Okkultismus vorgeworfen. Ursprünglich sollte es auf der Internetseite der documenta eine Liste jener verbotenen Bücher geben, die angenommen werden sollten. Aber um die große Menge benötigter Bücher überhaupt zusammen zu bringen, sind die Kriterien erweitert auf Werke, „die einst verboten waren oder nicht verbreitet werden durften“. Einige Bücher sind mehrmals vorhanden, denn auch Verlage spendeten Exemplare, wohl eher Ladenhüter als Zensiertes. Nachts verwandelt sich das hoch politisch konzipierte Werk in ein fröhliches Lichtspektakel: „Die Säulen haben Innenleuchten und die Bücher werden dann aussehen wie Steinchen“, freute sich Minujin im Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse. Am Ende der documenta will sie das Parthenon dem deutschen Staat schenken. „Die Bücher sollen an Menschen verteilt werden, die kein Geld haben, um zu lesen. An den letzten vier Tagen der documenta werden die Säulen abgehängt, eine nach der anderen, als eine Kunstaktion.“  

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Banu Cennetoglu

* 1970, Ankara, Türkei

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Hans Haacke

* 1936, Köln, Deutschland

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Hiwa K

* 1975, Sulaymaniyah, Irak

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Marta Minujin

* 1943

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Ben Russell

* 1976, Springfield, Verein. Staaten

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Vadim Sidur

* 1924, Ukraine; † 1986

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Adam Szymczyk

* 1970, Trybunalski, Polen

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