Band 246, 2017, Titel: Public Image, S. 46

Public Image

Über Bilder in der Öffentlichkeit

von Oliver Zybok


I. Eine neue Epoche beginnt

Noch nie waren so viele Bilder im öffentlichen Umlauf wie in der Gegenwart, befördert durch die digitalen Netzwerke. Selten zuvor gab es derartig komplexe globale Themenbereiche und Konflikte, die durch ebendiese Bilder vermittelt werden. Die rasante Vernetzung der Welt im immer noch andauernden Zeitalter der Globalisierung wird ebenfalls durch die digitale Technik erst ermöglicht. Und noch nie konnten so viele Einzelpersonen ihre Kommentare oder Bilder zu den vielfältigen Themen verbreiten. Doch was berichten uns die zahlreichen Bilder? Welche Themen behandeln sie? Im Folgenden soll ein Zustandsbericht über den Umlauf von und den Umgang mit Bildern in der Öffentlichkeit gegeben werden. Zur Verfassung der Welt, in der wir leben, lassen sich erstaunliche Parallelen in der Vergangenheit finden, die den Eindruck verstärken, die Gegenwart sei eine Übergangsperiode.  

Einige Antworten findet man in der Literatur, die ein Archiv der Mentalitätsgeschichte darstellt. Ein Beispiel ist Stefan Zweigs (1881–1942) Buch Die Welt von gestern (1944), in dem er auf die vorangegangenen fünfzig Jahre zurückblickte: „[…] die Zeit gibt die Bilder, ich spreche nur die Worte dazu, […] in diesem einen halben Jahrhundert hat sich mehr ereignet an radikalen Verwandlungen und Veränderungen als sonst in zehn Menschengeschlechtern, und jeder von uns fühlt: zu vieles fast.“1 Diese Aussage kommt uns bekannt vor. Sie wird gerade im Hinblick auf die Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Bereichen medial stets wiederholt. Die rasanten Veränderungen, die seit der Industrialisierung zugenommen haben, scheinen ohne Unterbrechung weiterzugehen. Es werden im Zeitalter der Globalisierung sogar immer mehr. An anderer Stelle heißt es bei Zweig: „Wenn Bomben in Shanghai die Häuser zerschmettern, wußten wir es in Europa in unseren Zimmern, ehe die Verwundeten aus ihren Häusern getragen waren. Was tausend Meilen über dem Meer sich ereignete, sprang uns leibhaftig im Bilde an. Es gab keinen Schutz, keine Sicherung gegen das ständige Verständigtwerden und Mitgezogensein.“2 Diese Zeilen wurden viele Jahrzehnte vor dem Internet verfasst, deuten aber schon die Folgen des massenmedialen Zeitalters an, zeugen von der seit jeher vorhandenen Macht der Bilder, die sich in ihrer Einprägsamkeit ausdrückt. Zweig bemerkt auch eine Überheblichkeit: „Mit Verachtung blickte man auf die früheren Epochen mit ihren Kriegen, Hungersnöten und Revolten herab als auf eine Zeit, da die Menschheit eben noch unmündig und nicht genug aufgeklärt gewesen“ war. „An barbarische Rückfälle, wie Kriege zwischen den Völkern Europas glaubte man so wenig wie an Hexen und Gespenster; beharrlich waren unsere Väter durchdrungen von dem Vertrauen auf die unfehlbar bindende Kraft von Toleranz und Konzilianz. Redlich meinten sie die Grenzen […] zwischen den Nationen und Konfessionen würden allmählich zerfließen.“3 Es sind Sätze, die fast schon ein wenig resignierend auch kurz nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York im September 2001 hätten verfasst werden können. Das Ende einer unfehlbar geglaubten Illusion.  

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Autor
Oliver Zybok

* 1972, Wuppertal, Deutschland

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* 1955, York, Verein. Staaten

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* 1915, Cherbourg, Frankreich; † 1980 in Paris, Frankreich

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* 1929, Reims, Frankreich; † 2007 in Paris, Frankreich

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* 1892, Berlin, Deutschland; † 1940 in Port Bou, Spanien

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* 1948, Syracuse, Verein. Staaten

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* 1959, Hilversum, Niederlande

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* 1963, Bonn , Deutschland

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* 1911, Washington D.C., Verein. Staaten; † 2006 in Novato

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* 1943, New York, Verein. Staaten

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* 1981, Wasserburg am Inn, Deutschland

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* 1881, Wien, Österreich; † 1942 in Petrópolis, Brasilien

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