Band 245, 2017, Titel: Kunst lernen?, S. 104

Universidad de Antioquia, Departamento de Artes Visuales, Medellín

Potentiale des Lokalen

von Tanja Klemm

Eine Renaissance der Kunst sieht Modeexpertin und Trendscout Nneeya Richards in der kolumbianischen Stadt Medellín angebrochen, in einer Stadt, in der das öffentliche Leben in den 1980er und 1990er Jahren unter der Drogenmafia des Medellín-Kartells litt und die vor kurzem noch zu einem der gewalttätigsten Orte weltweit zählte: Die Geburtsstadt des Malers Fernando Botero sei mit ihren Künstlern, Institutionen, Museen und ihrer Street-Art-Szene bereit, „ein Epizentrum lateinamerikanischer Kreativität“ zu werden. Als raunende Prophezeiung liest sich auch der Titel ihres Artikels: „Why Medellín, Colombia Could Be The Next Major Art Destination“.1  

2013 wurde die Heimatstadt von Alvaro Uribe, ehemaliger Präsident von Kolumbien und 2016 entschiedener Gegner des mit der FARC ausgehandelten Friedensvertrags, von dem „Urban Land Institute“ zur „most innovative city“ gewählt – und hängte damit Konkurrenten wie Tel Aviv oder New York ab. Besonders hob das Institut die Sozialprogramme und die urbane Entwicklung hervor, die öffentlichen Plätze, Bibliotheken, die Kunstgalerien sowie die städtische Infrastruktur. Eine 1995 eingeweihte Seilbahn beispielsweise, oder die 2011 erbaute „längste Rolltreppe der Welt“ ermöglichen es gerade den Bewohnern der benachteiligten Viertel an den steilen Hängen der Stadt, schnell und einfach in die Innenstadt zu gelangen.2 2007 wurde im Rahmen der städtischen Umstrukturierungen der Parque Biblioteca España eröffnet, im Viertel Santo Domingo Savio, das Ende des 20. Jahrhunderts als einer der gefährlichsten Orte Lateinamerikas galt. Vielerorts liest man, dass Medellín in den letzten Jahren zu Kolumbiens Vorzeigestadt mit internationalem Prestige aufgestiegen sei, die Metropole mit ihren über drei Millionen Einwohnern boome, gerade für junge Leute sei sie mit ihrer lebendigen Kulturszene und den guten Universitäten attraktiv.3  

Zwar gilt Bogotá nach wie vor als das künstlerische Zentrum Kolumbiens. Die schiere Größe der Stadt – ihre acht Millionen Einwohner machen etwa ein Sechstel der Gesamtbevölkerung Kolumbiens aus – sowie ihre zahlreichen Ausbildungsinstitutionen, die zum Teil stärker als in Medellín auf den alten Strukturen einer privilegierten, kulturellen Elite basieren, haben allerdings nicht nur Vorteile, wenn es um die Ausbildung einer urbanen Kultur- und Kunstszene geht.4 In den Worten von Jorge Bejarano Barco, Kurator an einem der wichtigsten Museen in Medellín, dem Museo de Arte Moderno (MAMM): „Ich glaube, die Tatsache, dass Medellín kleiner ist, ermöglicht bessere Formen der Zusammenarbeit, stärkere und brüderlichere Netzwerke. Außerdem gibt es hier keine Privatuniversitäten, die künstlerische Studiengänge anbieten – und das heißt, dass hier alle gemeinsam studieren, Studenten mit starkem und Studenten mit schwachem finanziellen Hintergrund.“5  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
John Mario Ortíz

* 1973, Kolumbien

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Weitere Personen
Jorge Bejarano Barco

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Luis Camnitzer

* 1937, Lübeck, Deutschland

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Bernardo Barragán Castrillón

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