Band 244, 2017, Report, S. 348

Are you still alive? Zwischen Aufbruch und Verzweiflung:

Noch sitzt kein Bildender Künstler im Gefängnis am Bosporus. Aber die Spielräume für die Szene werden enger.

von Ingo Arend

Gestylte Hipster, Freaks mit Rotweingläsern, küssende Männer mit Trimmbärten. Wen nach dem gescheiterten Staatsstreich und den Querelen um die Biennalen in Sinop am Schwarzen Meer und in Çanakkale an den Dardanellen die Angst überfallen hatte, die Kunst am Bosporus stünde kurz vor der Inhaftierung, traute Anfang Oktober seinen Augen nicht: Übermütig feierte ein junges urbanes Publikum da einen rauschenden Saisonauftakt.  

Bomontiada, der neue Hotspot im Stadtteil Şişli, eine alte Bierfabrik, quoll zum Saisonauftakt nicht nur von Nachtschwärmern über, die in den Musikclub Babylon wollten. Auch der im Frühjahr neu eröffnete „Alt Art Space“ in dem coolen Kreativquartier platzte aus allen Nähten. Und zwar nicht nur, weil die Ästhetik der Immersion, mit der die Ausstellung „New Realities“ der New Yorker Kunstmesse Moving Image in den vor Jahresfrist eröffneten Ort lockte, die technikaffine Jugend anzog.  

Alt Art lockte auch mit Politischem: „Bakunins Barrikade“, die Installation des türkischen Künstlers Ahmet Öğüt, die an des russischen Anarchisten Idee erinnerte, die Barrikaden der Aufständischen von 1848 gegen die Preußen mit Kunstwerken zu schützen, rief demonstrativ die Street-Art des Gezi-Aufstands 2013 in Erinnerung. Aber im Bomontiada ließ die Ordnungsmacht sich genauso wenig blicken wie bei der Langen Nacht im Pera Müzesi.  

In dem privaten Museum der millionenschweren Unternehmerfamilie Koç im Touristenbezirk Beyoğlu zeigte die US-Künstlerin Katherine Behar digitale Skulpturen. Im Café heizten genauso DJs ein wie in dem „Salonu“ der Istanbuler Stiftung Kunst und Kultur (IKSV) neben dem legendären Hotel Pera Palace. Pub-Crawl mit Wodka Cranberry und Freibier, süßliche Düfte durchzogen die Nachtluft.  

Dass die Kunst in der Türkei derzeit noch einigermaßen unbehelligt agiert, liegt daran, dass sie keine wirklich kritische Masse abgibt. Das mag eine narzisstische Kränkung für eine Szene sein, die sich als das Salz in der Suppe der Gesellschaftsveränderung sieht. Aber der türkische Staat hat derzeit anderes zu tun, als eine Handvoll Galerien zu überwachen.  

„Wenn wir das überleben, was gerade passiert, dann überleben wir alles.“

Saliha Yavuz, Gründerin des Istanbuler Artwalk und des Magazins GriZine

In dem prekären Ausnahmezustand wird plötzlich zum Vorteil, was jahrelang beklagt wurde: das Fehlen einer staatlichen Kulturpolitik. Gerade weil die meisten Kunstinitiativen privat gesponsert sind, kann der Staat nicht direkt zugreifen. „Exodus“, „Plan B“ und „Survivalmodus“ sind zwar die meistgehörten Vokabeln derzeit in der Szene. Nach Auswanderung klingt es aber vorerst nicht, wenn die beiden jungen Galeristen Doğa Öktem and Tankut Aykut ihrem Besucher erklären, dass sie eine „intergenerationelle Brücke in der türkischen Kunstszene“ bauen wollen. In drei kleinen Räumen über einem alten Teehaus im Schatten des Galata-Turms haben die gelernten Designer und Ausstellungsmacher sich einen White Cube mit knarrenden Dielen eingerichtet. Erst vor kurzem hat sich Halil Altındere, einer der profiliertesten Polit-Künstler am Bosporus ein Studio im „Büyük Valide Han“ eingerichtet, einem Seitenflügel des Großen Basar-Komplexes in Eminönü. Dorthin zieht er sich zurück, wenn er genug vom Kunstbetrieb hat und in Ruhe nachdenken will.  

Ein unbekannter Finanzier trägt den winzigen, nichtkommerziellen „blok art space“ im Design- und Antiquitätenbezirk Çukurcuma. „blok art“ will New-Media-Kunst an der „Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Technologie“ einen Raum geben und unterstützt vor allem Projekte, die sich „inklusiv zu ihrem Umfeld“ verhalten, erklärt Mine Kaplangı , die 29 Jahre junge Kuratorin. Die „etablierten“ Privathäuser Istanbul Modern, Arter und Salt bereiten routiniert ihre nächsten Ausstellungen vor. In Dolapdere wächst das neue Museum für zeitgenössische Kunst der Koçs aus dem grauen Schlamm des ehemals proletarisch geprägten Bezirks. Und noch bereitet die IKSV seelenruhig die von dem schwulen Kuratorenpaar Elmgreen&Dragset kuratierte Istanbul-Biennale vor, die im September 2017 eröffnen soll.  

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