Band 244, 2017, Biennalen: 11. Shanghai Biennale, S. 328

11. Shanghai Biennale

Why not ask again. Arguments, Counter-arguments and Stories
Ein Atlas der Fragen

Power Station of Art, Shanghai 11.11.2016 – 12.03.2017
von Heinz-Norbert Jocks

Der erste Rundgang über die sich auf drei Etagen erstreckende 11.Shanghai Biennale „Why not ask again. Arguments, Counter-arguments and Stories“ traf zusammen mit der Nachricht vom Tod des bereits zu Lebzeiten legendären, auch in China geliebten Songwriters Leonard Cohen. Ende Oktober hatte er gerade sein neuestes Album „You want it darker“ herausgebracht. Es klingt wie ein düsterer Abschied vom Leben und der Welt. Ein lyrisches Testament, mit dem er sich nun endgültig verewigt hat. Unter diesem Eindruck stehend, war der Erstlingsblick in die Power Station of Art auf die dort präsentierte Kunst von insgesamt 92 Teilnehmern aus 40 Ländern melancholisch gestimmt. Dabei sind die unzähligen Werke so poetisch assoziativ wie philosophisch dicht miteinander verwoben, dass sich einem, nicht nur aufgrund der zufälligen Korrespondenz beider Ereignisse, unwillkürlich die Frage aufdrängte, was und ob womöglich der zuletzt in Los Angelos lebende Poet und das in Delhi ansässige Dreier-Kuratoren-Team Raqs Media Collective geistig etwas gemeinsam haben. Zum einen sicherlich die unerschütterliche Liebe zur rettenden Literatur und zum anderen das nichtendende Fragen nach dem, was es überhaupt bedeutet, hier und jetzt zu leben. Außerdem die Tatsache, dass in das existentielle Denken und Sehen sowohl von Cohen als auch von den zum ersten Mal als Kuratoren agierenden Künstlern Jeebesh Bagchi, Monica Narula und Shuddhabrat Sengupta, nicht alleine vom Buddhismus herrührend, die Erfahrung der Unendlichkeit miteinfließt. Aus deren universalen Perspektive lässt sich die auch räumliche Enge einer determinierten Wahrnehmung transzendieren. Alles in allem zielt die so trotzige, weil zum Ausgangspunkt des Denkens zurückführende Biennale auf die Notwendigkeit, noch einmal sowohl die Fragen aufzuwerfen, für die man bereits Antworten gefunden zu haben glaubt, als auch solche, die sich dabei neu ergeben. Es geht nicht um die voreilige Repräsentation bereits ersonnener Alternativen und fertiger Gegenentwürfe, sondern um die notwendige Aufforstung eines dichten Fragewaldes. In diesem verliert man sich regelrecht, um in die innovative Lage versetzt zu werden, die unendliche Fülle an Phänomenen wie den menschlichen Körper, an Ereignissen, Lebensformen, Krisen, Kriegen, inneren wie äußeren Konflikten aus anderen Perspektiven wahrzunehmen. Deshalb kommt es den Kuratoren darauf an, mit dem Fragen von vorne zu beginnen. Nicht nur deshalb, weil jede Epoche eigene Antworten finden muss, da die Welt, der ihr innewohnenden Wiederholung zum Trotz, einem unvorhersehbaren Prozess unaufhörlicher Veränderung unterworfen ist, sondern auch deshalb, weil das Prinzip Skepsis von dem Kuratoren-Trio großgeschrieben wird. Die Kunst und die Philosophie, begleitet von der Literatur, bilden hier ein symbiotisches Paar. Der vom Raqs Media Collective formulierte, zweiundzwanzig Fragen umfassende Atlas, der zum Bedenken und Überdenken dessen, was in der Welt geschieht, animiert, ist kein allem übergestülpter Überbau, sondern aus dem, was die Kunst aus sich heraus sagt, abgeleitet. Ja, er hilft uns dabei, uns in die unterschiedlichen Zeiten und Räume zu vertiefen, auf denen sich die Werke beziehen. „Was ist die Zukunft unserer Prophezeiungen? Wie biegsam sind die Erinnerungen an Orte? Wie chromatisch ist die Zerbrechlichkeit der Gespenster? Können Verfahren Kräfte zähmen? Was ist die menschliche Natur? Was passiert, wenn Welten kollidieren? Was sehen die Augen eines Hurrikans? Begrenzt der Gedächtnisspeicher die Horizonte der Wahrnehmung? Was besagen die Thesen über Gravitation und Wahnsinn? Wie notwendig ist es, die Achsen der unlesbaren Umlaufbahnen zu entdecken?“ So lauten einige der essentiellen Fragen, die indirekt den Weg durch den Parcours der Ausstellung markieren.  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

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Biennalen
11. Shanghai-Biennale

CN – Shanghai

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