Band 244, 2017, Ausstellungen: Mönchengladbach, S. 272

Anne-Mie van Kerckhoven

What Would I Do in Orbit?

Museum Abteiberg 13.11.2016 – 26.02.2017
von Annelie Pohlen

Der Titel – eine Frage. Die potentiellen Akteure – das Ich und der Orbit. Die Bühne – vor allem das weitläufige Foyer mit drei Nebenschauplätzen: Das grafische Kabinett, die ‚Seitenkapelle‘ am Treppenabgang und, ja, der pompöse Schauraum des Hauses. Den konzentrierten Dialog zwischen den monumentalen, vormaligen Bühnenbildern „Black Sun/White Sun“ vor den rot glühenden, blinden Augen der ‚natürlichen‘ Superheldin „Atman/Wombman“, alle 1988, schützen Licht und Schall dämmende Filzstreifen vor den die Wahrnehmung durchrüttelnden Fragen, die den Orbit im Zentrum fluten. Fragen aus dem Blickwinkel einer Künstlerin, deren kreativer Impetus sich seit über dreißig Jahren aus allem speist, was Wissenschaft, hehre Hoch- wie anarchische Subkultur, gängige wie abwegigste Schöpfungsfiktionen und die längst omnipräsenten virtuellen Welten in Bewegung hält.  

Dass die 1951 in Antwerpen geborene Künstlerin früh im Markt widerständigen, jüngeren Kunst- und Musikszenen, heute weltweit zum Fixstern für eine ganze Riege mal sehr spezieller, mal auch angesagter Themen avancierte, wird man in diesem auf die Bühne entlassenen Orbit auch mit Vergnügen nachvollziehen. Die Pionierin des Cyberfeminismus nutzt die Möglichkeiten des Cyberspace für ein subversives feministisches Selbstverständnis. Die Quellen des von ihr lustvoll umgemünzten Frauenbildes sind bekannt: gängige Pornohefte, aber auch die nicht eben Gender konforme Kulturgeschichte. Die Schaltstelle ist das Hirn – der Künstlerin als Ich-Wahrnehmungs-Experimentierfeld, in dem nicht steuernde Kalkulation, sondern frei flottierende Reflexionen ‚Regie‘ führen.  

Die zwei Dinge, die sie an vorderster Stelle interessierten, seien nackte Frauen und künstliche Intelligenz, hat sie einmal gesagt. Dass de Sade und Wittgenstein zu ihren geistigen Fixsternen zählen, versteht sich und lässt sich in vielen Texten, die verwoben mit Bildern, Statistiken, Schlagzeilen in Mönchengladbach die Wände fluten wie Wandzeitungen in propagandistischen Systemen, und in Folgen grandioser Zeichnungen aus dem überbordenden Orbit intimer und zugleich subversiver ‚Statements‘ aufspüren.  

Um die auch die Künstlerin selbst überfordernden, möglichen Antworten auf sich ins Uferlose differenzierende Fragen zu bändigen, erfindet sie für öffentliche Auftritte ausgeklügelte Systeme aus gängigen Modulen. Und entwirft für das Museumsfoyer – jenen Platz, an dem sich die Gesellschaft trifft – mittels mal offener, mal verkleideter Metall- und Holzrasterstellagen eine zwischen Messehallen und intimen Kabinetten fluktuierende Bühne, deren Ordnung nichts anderes spiegelt als die im momentanen Hier und Jetzt gebündelte, im Medialen wie im Inhaltlich/Formalen uferlose Komplexität von fraglosen und fragwürdigen Wahrnehmungen, Feststellungen, Kalkulationen, Banalitäten und Mysterien. Genaugenommen: das Hirn mit seinen vielen rätselhaft verknüpften Kammern, Schalt- und Empfangszentrale eines Körpers, dessen Energiepotentiale die Ratio wohl bislang nicht zufriedenstellend zu bändigen vermag.  

Ihre Studienentscheidung zum Grafikdesign war wohl mehr als eine Verlegenheitslösung. Welche Disziplin wäre auch besser geeignet, sich mit der physischen Welt der Bilder, Töne, Texte zu vernetzten und ihre Unfähigkeit/ihren Unwillen zur Entscheidung zwischen Gut oder Böse, Richtig oder Falsch und vor allem Hirn/Ratio oder Körper/Emotion/Sex auf allen Ebenen subversiv zu instrumentalisieren.  

Sie sucht früh Kontakt zu jenen Wissenschaften, die der künstlichen Intelligenz auf der Spur sind. Der Linguist Luc Steels bittet sie, seine Thesen zur Künstlichen Intelligenz zu bebildern. Was für eine Gelegenheit, den nicht erst von Rechenmaschinen vorangetriebenen Visionen von einer letztgültig zu durchdringenden und beherrschbaren Welt ein Bildgesicht zu geben! Was ihr als glückliche Beigabe den Zutritt zu einem für die Kunstwelt kaum erschwinglichen Arbeitsplatz ermöglicht. Die großartigen Animationen, in denen das durchleuchtete Hirn flimmert wie ein von wissenschaftlichen, sinnlichen und übersinnlichen, faktischen und fiktionalen Reflexen in atemlose Dauerbewegung katapultiertes Organ, bilden die Knotenpunkte der in 12 Kapiteln räumlich ‚kondensierten‘ Zeichnungen, Text-, Ton- und Textilarbeiten, Malerei, Filme, Poster und Schaukästen, allesamt Speicher transparent collagierter, mal leiser, mal schrillfarbiger Fetzen aus zeitlosen Abenteuern in wissenschaftlichen wie mystischen bis orgastischen Zonen.  

Ordnung, zu der sie sich immer wieder gezwungen sieht, erscheint bestenfalls als kryptische Gleichung – „Stress = (Proviand + Politiek) × (Jugend + Poison)“, Auflistung von Thesen wie „Speech is related – System is complex – Society is self-organising – Chrystal is dead – Tongue is apparatus – meaning is alive …“ oder „Architectures of Reflexion/Soul Towards Object-Oriented Circular Interpretations.“ Hier, in Kapitel 12 finden sich mobile Arbeitskabinen und in einem abgeschirmten Winkel ein Buch, das auf 46 Frottee-Seiten Stresstheorien auflistet. Ein Stuhl steht bereit. Man nutzt ihn gerne, um sich auf den Rückweg einzustimmen durch einen Orbit, dessen mit allen verfügbaren kreativen Instrumenten und trotzigem Humor entworfene ‚Ordnung‘ der Multiplexität vorne eine 12-teilige Stellage abschirmt. „What would You do in orbit?“. Die Frage stellt sich heute dringlicher denn je. Noch ist die Ablage an der Schutzwand frei. Auch von allen auf Plattitüden heruntergeschraubten Parolen aus der analogen wie der digitalen Welt.  

Autor
Annelie Pohlen

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Anne-Mie van Kerckhoven

* 1951, Antwerpen, Belgien

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