Band 244, 2017, Gespräche mit Künstlern, S. 238

Stephan Huber

Die traditionelle Form mit neuem Inhalt füllen

Ein Gespräch von Jolanda Drexler

Stephan Huber, der seit 2004 eine Professur für Bildhauerei an der Münchner Kunstakademie innehat, kann als Teilnehmer der Documenta und Biennale Venedig auf zahlreiche bedeutende Ausstellungen zurückblicken. Außerdem hat er eine Reihe von Projekten im öffentlichen Raum durchgeführt wie z. B. am Münchner Flughafen, im Messegelände Riem und an der Wiener U-Bahn-Station Aspern. Im Mai dieses Jahres richtete er im Frankfurter Museum für Moderne Kunst einen Raum für die neue Sammlungspräsentation ein – mit seinen charakteristischen weißen Berg-Skulpturen, Landkarten und Marionettentheatern. Und nun präsentiert er mit 64 Jahren erstmals in seinem Heimatort Lindenberg eine konzentrierte Retrospektive – pikanterweise in der „Kulturfabrik“, die aus der großen Hutfabrik seines Vaters hervorging.  

Ausgangspunkt für Stephan Hubers vielschichtige, sinnbildhafte und poetische Werke ist stets das subjektive Künstler-Ich, seine eigene Biografie. Seine im Sinne des Surrealismus bildhaft-narrativen, psychoanalytisch konnotierten Installationen zeugen von seiner Lust an Pathos und Theatralik, welche freilich durch Ironie und verschmitzte Überraschung gebrochen werden. Ein reicher intellektueller Nährboden von geradezu enzyklopädischer Tragweite ist die Voraussetzung für ein Oeuvre, das sich heute zunehmend in Richtung Privatwissenschaft (Landkarten) und Naturbeschäftigung (Berge) entwickelt.  

Jolanda Drexler: Was hat Sie zu dieser in biografischer Hinsicht ganz speziellen Ausstellung in Lindenberg motiviert?  

Stephan Huber: Ich habe die Einladung der hiesigen Kulturbeauftragten Kathrin Felle angenommen, in der ehemaligen Hutfabrik auszustellen, deren Geschäftsführer und Mitbesitzer mein Vater war. Inzwischen ist der Ausstellungsort ein wunderbar ästhetischer Fabrikraum aus den zwanziger Jahren von fast urbaner Qualität, der in meiner Erinnerung aber eher angstbesetzt war – laut, dreckig, voller Dampf und Schweiß. Ich komme heute also dorthin zurück, wo früher keine guten Arbeitsbedingungen herrschten. Für mich war das schon eine Art biographische Blutgrätsche, zumal ich in meiner Pubertät in den späten 1960er Jahren, als wir alle politisiert waren, mit Kapitalisten nichts zu tun haben wollte. Ich habe mit drei kleineren Arbeiten direkt auf diese Situation reagiert. Meine ursprüngliche Absicht aber, auf die Geschichte der Hutindustrie mit kleinen textlichen Interventionen einzugehen, habe ich aufgegeben, weil ich als Künstler mit eher individualistischer Grundhaltung kein ästhetisches Muster über die soziale Faktizität legen wollte – aus einer gewissen Demut heraus. So habe ich mich für ein retrospektives Ausstellungskonzept entschieden, angefangen mit ganz frühen Arbeiten wie „Melancholische Skulptur“ von 1983 aus der Serie „Arbeit und Reichtum“, eine rote Säule mit dem Schriftzug „Milliarden“, die sich aus einer Obstschale meiner Tante emporhebt.  

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Autor
Jolanda Drexler

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Stephan Huber

* 1959, Lindenberg, Deutschland

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