Band 244, 2017, Gespräche mit Künstlern, S. 210

Kader Attia

Das Prinzip Réparation

Ein Gespräch von Heinz-Norbert Jocks

Kader Attia, 1970 in einer algerischen Familie in Paris geboren, studierte Philosophie und Kunst in Paris. Seine Kindheit zwischen Frankreich und Algerien und das damit einhergehende Oszillieren zwischen dem christlichen Abendland, dem islamischen Maghreb und der jüdischen algerischen Sephardic Welt zeitigt einen ebenso starken Einfluss auf seine Kunst wie seine Aufenthalte in Kongo und Venezuela. Dieses Nomadentum bildet den Ausgangspunkt sowohl für die Entwicklung seiner künstlerischen Praxis, welche die Ästhetik und Ethik verschiedener Kulturen widerspiegelt, als auch für die Erforschung der weitreichenden Auswirkungen der westlichen kulturellen Hegemonie sowie des Kolonialismus auf nichtwestliche Kulturen.  

Seit seinem Debüt in Kongo (1996) fand seine Kunst internationale Anerkennung dank seiner Teilnahme an der 50. Biennale von Venedig (2003), der 8. Lyon Biennale (2005) und der dOCUMENTA 13 (2012) in Kassel. In diesem Jahr erhielt er den Marcel Duchamp Preis in Paris und eröffnete dort gleichzeitig das Kulturzentrum „La Colonie“ auf der 128, Rue Lafayette im 10. Arrondissement. Seine und die Arbeiten der weiteren drei Nominierten sind im Centre Pompidou noch bis zum 30. Januar zu sehen. Zuletzt wurde seine von Susanne Gaensheimer und Klaus Görner kuratierte Ausstellung „Sacrifice and Harmony“ im Frankfurter MMK von der Internationalen Vereinigung der Kunstkritiker als die Beste dieses Jahres ausgezeichnet.  

Heinz-Norbert Jocks: Wir treffen uns ein Tag nach der Verleihung des Prix Marcel Duchamp in „La ­Colonie“, einem multidisziplinären Projektraum, nahe der Gare du Nord in Paris gelegen. Was hat es mit diesem Ort auf sich?  

Kader Attia: Bei diesem Projektraum, den wir morgen mit Couscous eröffnen werden, handelt es sich um einen unabhängigen Ort, in dem Events und Ausstellungen stattfinden werden. Alles in allem ein Hybrid, also eine Mischung aus Restaurant und Kunstraum. Was wir hier, übrigens zusammen mit dem Mitbegründer und Restaurateur Zico Selloum, vorhaben, ist eng mit meiner künstlerischen Arbeit verwoben. Insofern ist dieses Projekt kein Bruch, sondern die kontinuierliche Fortsetzung meiner künstlerischen Arbeit hinsichtlich ihrer Umsetzung in etwas real Greifbares. Meines Erachtens muss ein Künstler des 21. Jahrhunderts immer mehr zum Aktivisten ­werden, und die Politiker sollten endlich ein bisschen mehr auf die Künstler hören. Einige von ihnen machen bereits eine so interessante wie pointierte Arbeit. Auch im Bereich der Architektur lässt sich diese Hinwendung zur Politik beobachten. Derzeit ist Lionel Ruffelich dabei, für uns ein Kolloquium mit Intellektuellen aus dem universitären Umfeld sowie mit Studierenden zum Thema „Theory Now: places, forms, and practices of contemporary theories“ vorzubereiten. Dazu haben wir Bruno Latour, Martha Rosler, Payam Sharifi, Kapwani Kiwinga, Armen Avanessian, Julieta Aranda und Ravi Sundaram eingeladen.  

Worum geht es in „La Colonie“?  

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Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Kader Attia

* 1970, Dugny, Frankreich

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