Band 244, 2017, Titel: Die neue Auftragskunst, S. 96

Carlo Bach

Künstlerischer Direktor illycaffé

Wir haben nie ein Zeitproblem

Ein Gespräch von Sabine B. Vogel

Carlo Bach wurde 1967 in Köln geboren und stellte als Künstler in Italien und über die Grenzen hinaus aus. Seit 1999 Zusammenarbeit im Rahmen künstlerischer Projekte mit illycaffé, 2005 Berufung zum künstlerischen Direktor der künstlerischen Projekte von illycaffé. Bach entwickelt Kollaborationen mit renommierten zeitgenössischen KünstleriInnen für die illy Art Collection. Er ist außerdem für illy-Projekte im Bereich Kommunikation und Design verantwortlich: Jüngstes Beispiel ist die Galleria illy in Soho, ein temporärer Raum mit dem Ziel, dem amerikanischen Publikum über die Leidenschaft und aus der Welt von illy zu erzählen. Carlo Bach lebt in Udine.  

Sabine B. Vogel: Wann hat Illy begonnen, mit Künstlern zusammenzuarbeiten?  

Carlo Bach: Das kommt darauf an, was Sie darunter verstehen. Im Sinne von Aufträgen trifft das am ehesten auf unsere Tassen-Sammlung zu – das begann 1992. Illy ist ein Familienunternehmen, die Familie hat eine große Leidenschaft für Kultur und sammelt auch Kunst. Daher war die Idee naheliegend, Kaffee und Kunst zusammenzubringen – außerdem ist Kaffee ein anregendes Getränk und ein Anlass wie gerade in Wien für Treffen, auch für Künstler. Im ersten Schritt baten wir Matteo Thun, eine perfekte Tasse für einen Espresso zu gestalten. Aber das war uns nicht genug, wir wollten nicht nur Dekoration, sondern auch etwas, das zum Nachdenken anregt. Also beschlossen wir, zeitgenössische Künstler einzuladen. Die ersten beiden Editionen mit Entwürfen von jeweils sechs jungen, italienischen Künstlern waren nur für den professionellen Gebrauch – Illy ist noch immer hauptsächlich eine Kaffee-Rösterei, die Bars beliefert. Aber immer mehr Menschen stahlen die Tassen in den Bars. Da kam die Idee auf, die Tassen doch auch zu verkaufen. Die dritte Edition von Sandro Chia war ein großer Erfolg. Dann kam eine weitere Überlegung dazu: Wir sind ja keine Galerie und auch keine Porzellanfirma. Also reinvestieren wir das Geld, das wir mit den Tassen einnehmen, in Kunstprojekte, für Stipendien und Kunstpreise wie der Illy Present Future Prize auf der Kunstmesse Artissima in Turin.  

Die Tassenedition war also der Anfang des Kunstengagements von Illy?  

Ja, das ist dann zu diesem Kreislauf der Zusammenarbeit mit Entwürfen und Unterstützung geworden.  

Wie verkaufen Sie die Tassen?  

Wir verkaufen die in unseren Bars, also jeder, der Illy Kaffee ausschenkt. Außerdem sind die Tassen über unseren Onlineshop erhältlich – im Ausland ist das eine einfache und gern genutzte Bezugsquelle für Illy-Produkte.  

Produzieren Sie die Tassen in einer limitierten Auflage?  

Es ist immer limitiert, denn wir verkaufen die nur sechs Monate lang, zweimal im Jahr kommt eine Edition heraus. Im Mai 2015 starteten wir mit der Edition von Yoko Ono – damals im MOMA in New York, denn wir waren Sponsoren ihrer Ausstellung. Die Tassen sind nummeriert und signiert und wenn die nächste Edition herauskommt, ist der Verkauf der vorherigen beendet.  

Wie hoch in etwa ist die Auflage?  

Das variiert, manche waren 500, andere gingen auf 100.000 Tassen hoch. Normalerweise sind es 20.000 – 30.000 Stück. Das hängt stark von dem Entwurf ab.  

Wer wählt die Künstler aus?  

Ich bin der Kurator der Kunstprojekte. Für die Tassen sprechen wir immer etablierte Künstler an, das bespreche ich durchaus mit Andrea Illy. Bei den jungen Künstlern verhält es sich anders, da kommt häufiger eine Jury hinzu wie bei dem Förderpreis auf der Kunstmesse Artissima.  

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Künstlern über die Jahre verändert?  

Ich arbeite an diesem Projekt seit 1999. Anfangs wurde es von Francesco Illy betreut. Er sprach vor allem Künstler der Pop Art an, Robert Rauschenberg, James Rosenquist – der übrigens 1994 auch unser Logo entworfen hat. Illy ist wahrscheinlich die einzige Firma weltweit mit einem Logo von einem Pop Art-Künstler! Die Zusammenarbeit war vergleichsweise einfach, da sich diese Künstler ja in dem Feld zwischen Kunst, Kommunikation, Handwerk und Alltag bewegten. Als ich dazu kam, sprach ich auch Künstler an, die man gar nicht mit der Gestaltung eines Tassenmusters in Verbindung bringt, wie Marina Abramovic, Joseph Kosuth oder Nam June Paik. Mittlerweile haben wir für die Tassensammlung mit mehr als 100 Künstlern gearbeitet, es ist gut etabliert und bekannt.  

„Künstler mögen die Idee, dass ihre Poesie über einen anderen Kanal über- tragen wird.“

Wie reagierten die Künstler auf Ihre Einladung?  

Künstler mögen die Idee, dass ihre Poesie über einen anderen Kanal übertragen wird. Unsere Anfrage war immer eine spannende Herausforderung und auch Möglichkeit für sie. In Museen und Ausstellungen erreicht Kunst Tausende Menschen, aber mit den Tassen ist die Reichweite weitaus größer. Wir exportieren in über 100 Länder weltweit.  

Wie verläuft der Entwurfsprozess, bedarf es mehrerer Durchgänge oder wissen die Künstler schnell mit dieser Aufgabe umzugehen?  

Das ist sehr unterschiedlich. Entscheidend ist, dass ich nie ein Zeitproblem habe. Ich treffe einen Künstler, schlage ihm vor, einen Entwurf zu überlegen. Vielleicht kommt er sechs Monate später damit zu mir, manchmal auch erst acht Jahre später – so lange musste ich warten, bis das Projekt mit Francesco Clemente zustande kam. Yoko Ono sprach ich vor drei Jahren an. Die müssen sich einerseits überlegen, wie sie mit der Tasse umgehen wollen, aber auch, wie sie auf all die Vorgänger in den mehr als zwanzig Jahren der Sammlung reagieren. Viele Ideen sind ja schon umgesetzt. Dazu müssen wir aber auch den richtigen Anlass finden, um die neue Edition zu präsentieren, wie Tobias Rehberger im Berliner KaDeWe oder Yoko Ono im MOMA.  

Gibt es einen fixen Budgetrahmen für die Produktionen?  

Das Honorar für die Künstler ist fix. Die Produktionskosten variieren sehr, aber unser zentrales Limit ist die Vorgabe, dass es ein Industrieprodukt werden muss, nichts Handgearbeitetes. Manchmal wird es sehr schwierig wie bei Yoko Ono, die auf einem Design auch innen in der Tasse bestand – das gab es noch nie. Oder Jannis Kounellis, der vorschlug, die Tassen nur in schwarze Farbe einzutauchen, wofür wir eine Maschine entwickeln mussten. Da wir solch eine hohe Auflage haben, liegt das Limit in den Möglichkeiten.  

Kaufen Sie von den Künstlern auch Werke an?  

Manchmal ja, aber das ist nicht mit der Tassensammlung verbunden.  

Sammeln Sie nicht die Entwurfsgestaltungen?  

Wir dokumentieren natürlich den Prozess, aber das zentrale Werk ist immer die Tasse. Aber jeder Künstler verwendet ein anderes Medium für die Entwürfe, von Tobias Rehberger waren es Computerentwürfe, Francesco Clemente benutzte Aquarelle, Yoko Ono sandte mir zerbrochene Tassen.  

Gibt es auch gescheiterte Projekte?  

Da wir überhaupt keine zeitlichen Vorgaben befolgen müssen, können die Projekte so lange laufen, wie es notwendig ist. Tobias Rehberger schlug ursprünglich eine Tasse mit Pigmenten vor, die in der Nacht leuchten. Aber das ist für Porzellan nicht möglich, da es ja auch strenge Vorschriften für Tassen gibt. Manchmal gibt es die entsprechende Technik noch nicht, aber wir finden immer eine Lösung.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 247 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

weitere Artikel von ...

Wichtige Personen in diesem Artikel
Weitere Personen
Jannis Kounellis

* 1936, Piräus, Griechenland

weitere Artikel zu ...

Yoko Ono

* 1933, Tokio, Japan

weitere Artikel zu ...

Tobias Rehberger

* 1966, Esslingen, Deutschland

weitere Artikel zu ...

James Rosenquist

* 1933, Grand Forks, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Matteo Thun

* 1952, Bozen, Italien

weitere Artikel zu ...