Band 244, 2017, Titel: Die neue Auftragskunst, S. 32

Die neue Auftragskunst

Ende der Autonomie?

herausgegeben von Sabine B. Vogel

Seit der Jahrtausendwende ist ein neues Phänomen auf dem Kunstmarkt zu beobachten: die Rückkehr der Auftragskunst. Früher suchten vor allem Könige, Päpste und Fürsten die Dienste von Malern. In der Moderne brachen die Künstler mit diesem Prinzip. Aufträge galten in den Avantgarde-Bewegungen als verpönt, die Künstler bauten sich in den Salons, später in den Galerien stattdessen eine bürgerliche Käuferschicht auf. Jetzt beauftragen wieder Kirchen, Sammler und zunehmend auch Unternehmen ­Werke der bildenden Kunst.  

Zwar gab es durch alle Zeiten Auftragskunst, sogar in Bewegungen wie Minimalismus und Konzeptkunst, wenn etwa Walter De Maria für die New Yorker DIA Art Foundation in den 1970er Jahren „Lightning Field“ entwickelte: In die offenen Landschaft von New Mexico stellte er 400 Metallstangen, die Gewitter anziehen und gewaltige Naturschauspiele erzeugen – gegen Voranmeldung kann man sich dort über Nacht einquartieren. Auch gab es vielfältige Aufträge im öffentlichen Raum. Aber das waren Einzelphänomene. Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist dagegen die Auftragskunst wieder voll etabliert. So begann 1993 in Frankreich das Programm „Neue Auftraggeber“, das seit 2000 in Italien und Belgien, seit 2008 auch in Deutschland läuft. Privatpersonen oder Unternehmer können sich melden, um Kunst in Auftrag zu geben. Über 200 Projekte wurden schon realisiert: Da wollten Mensa-Mitarbeiter nicht länger anonym bleiben und beauftragten einen Maler für Portraits; Mitarbeiter einer Krebs-Klinik in Marseille wünschten sich von Michelangelo Pistoletto einen multikonfessionellen Andachtsraum und Erwin Wurm wurde mit einer mobilen Essstation für den Francois Mitterrand Platz in Lille beauftragt.  

Diese Werke sind keine nahtlose Anbindung an frühere Auftragssituationen. Denn die heutigen Auftraggeber sind meist nicht mehr die Besitzer. Sie wollen sich nicht mit großartiger Kunst schmücken, sind keine Sparing-Partner der Künstler, sondern erwarten, dass die Kunst an ihre Bedürfnisse angepasst wird. Das kann eine „kunstästhetische Produktveredlung“ sein, wie es Hanno Rauterberg in seinem Buch „Die Kunst und das gute Leben“ nennt, eine Dekoration firmeneigener Produkte oder sogar eine kreative Deformation des Firmenlogos. Es kann aber auch Werke betreffen, die eigens für einen internen Leihverkehr an die Mitarbeiter angeschafft werden, um deren Motivation zu steigern. Sammler wollen in den kreativen Prozess involviert sein, Kuratoren erwarten für Biennalen ortsspezifische Werke, die Modeindustrie sucht interessante Inhalte für ihre Kollektionen und auch Museen suchen maßgeschneiderte Sammlungsstücke. Immer häufiger wird Kunst dabei zum Marketinginstrument. Ist es ein Auftrag im Rahmen eines Museums oder einer Biennale, dann gelten noch die Parameter der Moderne, also Irritation und Diskursanstiftung. Ist es für eine U-Bahn, ein Kirchenfenster oder ein Firmenfoyer, so steht meist der Dekorationsanspruch im Vordergrund. Oder der Auftrag, imagebildend zu wirken: ein starkes Bild für ein bildfreies Unternehmen zu schaffen, für Banken, für Versicherungen.  

Und das ist längst kein westliches Phänomen mehr. Der Kunstmarkt wird immer globaler, immer mehr Geld fließt hinein und die Idee der Avantgarde ist abgelöst vom Künstler als weltweit agierendem Unternehmer. Allen Aufträgen ist dabei eines gemeinsam: Sie wirken als Klebstoff, als Bindemittel. Orts- oder anlassspezifische Neuproduktionen sollen Verbindungen schaffen zwischen Produkten und Käufern, zwischen Kulturen, Geschichten, Menschen und Veranstaltungen. So selbstverständlich dieses Phänomen heute ist, so stoßen sich doch die Künstler noch immer an dem Begriff der Auftragskunst.  

In diesem Themenband werden Unternehmer, Kuratoren, Sammler, Galeristen und Künstler interviewt, um die Notwendigkeit von Kompromissen zu erörtern und die Scheu vor dem Begriff zu thematisieren. Im Essay von Sabine B. Vogel wird anhand einer großen Auswahl an unmethodisch ausgewählten Beispielen Einblick in die massiv zunehmende Produktion von Auftragskunst gegeben, die Kritik an der neuen Situation zur Debatte gestellt. Abschließend wagt Brigitte Borchhardt-Birbaumer die These, in der Höhlenmalerei erste Selbstaufträge zu sehen und schlägt einen Bogen von der Antike über Velasquez und Goya bis zur Moderne.  

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Autor
Sabine B. Vogel

* 1961, Essen, Deutschland

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