Band 243, 2016, Ausstellungen: Frankfurt am Main, S. 316

Fiona Tan

Geographie der Zeit

Museum für Moderne Kunst 17.09.2016 – 15.01.2017
von Isa Bickmann

Nach Stationen in Oslo und Luxemburg mit jeweils anderen Exponaten sind im Frankfurter Museum für Moderne Kunst sieben Werke der Film- und Fotokünstlerin Fiona Tan zu sehen, bevor die Schau 2017 nach Tel Aviv geht. Der Untertitel „Geographie der Zeit“ verweist auf einen signifikanten Faktor ihres Werkes. In Frankfurt beginnt die Schau mit einem für Tan ungewöhnlichen Objekt, dem man durchaus einen filmischen Charakter zugestehen könnte. Hinterfangen von einem wolkenlosen Himmel fährt eine Modelleisenbahn durch ein großes Landschaftstableau. Der Titel der Installation „1 to 87“ bezieht sich auf den auch als „H0“ bekannten Maßstab. Nach und nach entdeckt man Brüche in den kleinen Idyllen der Miniaturlandschaft: Da ist ein Autokino, in dem Filme von Naturkatastrophen laufen. Der Wald neben einem Windpark ist verbrannt. Ein Zugunglück geschah. Fröhlich tanzende Paare in Tracht ignorieren ein Gewaltverbrechen, das in ihrer Nähe stattfand. Doch handelt es sich hier wohl um eine Überblendung von verschiedenen Zeitebenen. S. sind Vergangenheit und Gegenwart zugleich in Architektur und verschiedenen Automodellen sichtbar. Das ganze Tableau steht auf einer improvisierten Konstruktion aus Europaletten, Obstkisten und Möbelteilen, als habe der Modellbauer soeben seinen Hobbykeller verlassen. Die Spielwiese des ins Idyll flüchtenden Kleinbürgers wird bei Tan zu einem bildlichen Diskurs über die bedrohte heile Welt.  

Den Folgen des globalen Geld- und Energiehungers widmen sich die drei Räume „Ghost Dwellings I-III“ (2014). Sie wurden in so genannten Selfstorages gestaltet, Lagerräumen, wie sie der nomadische Großstadtbewohner mieten kann, wenn sein Wohnraum nicht ausreicht für all die Dinge, die ihm gehören. In jedem recht ärmlich möblierten Raum kann in einen anderen Krisenschauplatz des 21. Jahrhunderts filmisch eingetaucht werden: im irischen Cork in die Nachwirkungen der Immobilienblase von 2008, in den Zerfall Detroits nach dem Niedergang der Autoindustrie und in die vom Atomunglück kontaminierte Zone in Fukushima, in der Tan im Rhythmus eines knatternden Geigerzählers und dem Vogelzwitschern aus der zurückerobernden Natur verlassene und zerstörte Stadtlandschaften drehte.  

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Autor
Wichtige Personen in diesem Artikel
Fiona Tan

* 1966, Pekan Baru, Indonesien

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