Band 243, 2016, Titel: Postdigital 2, S. 82

Connectedprint

Dezentrale Infrastrukturen für ein „postdigitales Publishing“

von Alessandro Ludovico

Der dezentrale Charakter vieler digitaler Infrastrukturen kommt sozialen Initiativen und der Zirkulation von Medien zugute. Inhalte könnten über diese Netzwerke verstärkt Verbreitung finden, was wiederum kleinere Teilstrukturen schafft, die lokal agieren und sensibel auf globale Entwicklungen reagieren. Darüber hinaus bietet ein Rückblick auf bereits in Vergessenheit geratene Abschnitte der Mediengeschichte Aufschlüsse über Technologien, die vielfältige Sozialräume für das Teilen von Inhalten ermöglicht haben. Im Zentrum dieser Prozesse stehen das traditionelle „Publishing“ (Veröffentlichungswesen) und dessen Hybridisierung durch Software und Netzwerke, denen eine strategisch Rolle in der Wiederaneignung von Content-Infrastrukturen zukommt.  

Mobile Bibliotheken

„[Bibliotheken] sind die Nervenzentren der intellektuellen Energie und basieren auf dem Teilen und der Verbreitung von Wissen.“

Robert Darnton, Direktor der Bibliothek der Harvard University¹

Netzwerke dienen der Distribution von und dem Zugang zu Inhalten. Sogar die einfachste Verbindung zwischen wenigen Apparaturen ist hauptsächlich dazu da, Informationen auszutauschen. Heutzutage halten wir diese Aspekte für selbstverständlich, weil sie ständig auf unseren Bildschirmen präsent sind, passiv im Hintergrund. Wenn wir uns jedoch bewusst machen, dass Netzwerke essentiell wichtige Infrastrukturen des Verteilens sind, tun sich bemerkenswerte Möglichkeiten auf. Konzentrieren wir uns speziell auf Bibliotheken. Die Idee der Bibliothek ist ein Ort, an dem Kultur in Form von Druckwerk aufbewahrt und zugänglich gemacht wird. Historisch gesehen bedeutet dies, dass wir Kultur räumlich verorten und einen bestimmten Raum mit allen uns bekannten kulturellen Formen assoziieren können. Daran hat sich zwischen Alexandria und dem Ende des 19. Jahrhunderts nichts geändert. Den ersten Vorstoß, die physischen Grenzen der Bibliothek aufzubrechen, machten erst die sogenannten „Wanderbibliotheken“.2  

Seit dem frühen 20. Jahrhundert wurden die Bemühungen, Bücher dorthin zu bringen, wo sie üblicherweise nicht vorzufinden sind, von Einzelpersonen wie von Institutionen unternommen. Erstere wollten ihr soziales Umfeld vergrößern, Zweitere bauten ihre Dienstleistungen aus. Wanderbibliotheken basieren auf einer einfachen Struktur: ein Transportsystem – oftmals ein umgebautes Fahrzeug – gefüllt mit Publikationen, die wie bei einer herkömmlichen Bibliothek ausgeliehen werden konnten. An den unterschiedlichen Varianten der Wanderbibliotheken zeichnete sich das Potential der dezentralen gegenüber den zentralisierten Zugangsmöglichkeiten ab.  

Wie können wir uns im Netzwerk-Zeitalter dieses Teilens von Inhalten vorstellen? Der Grundgedanke existiert unverändert, nur dessen Ausformungen sind recht unterschiedlich. Beim physischen Teilen wird oft eine ungewöhnliche Geste eingesetzt, um aufzufallen. So etwa bei der Performance des Argentinischen Künstlers Raul Lemesoff, die ganz dem Stil der alten Wanderbibliotheken folgt. Er hat eine „Massenbildungswaffe“ (Arma de Instruccion Masiva)3 aus einem panzerartig umgebauten 1979er Ford Falcon geschaffen, die 900 Bücher fasst, deren Weitergabe an die Bedingung geknüpft ist, dass das mitgenommene Exemplar auch gelesen wird.  

Mit Blick auf das Digitale sticht aus der Masse sogenannter Piraten-Bibliotheken, die von überallher aus dem Internet erreicht werden können, eine spezielle Strategie heraus, in der es um deren physische Präsenz geht. Die „PirateBox“ etwa, insbesondere in der Version mit dem Namen „LibraryBox“4, enthält die eine reichhaltige Datenbank von digitalen Publikationen. Ein Computer und batteriebetriebener Router werden in einem kleinen schwarzen Gehäuse mit Totenkopf-Logo für einige Zeit an einem bestimmten Ort platziert. Sogar Uneingeweihte bemerken einen einladenden Namen im WLAN-Netzwerk und werden versucht sein, sich zu verbinden und die Inhalte für sich zu entdecken.  

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Autor
Alessandro Ludovico

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