Band 243, 2016, Titel: Postdigital 2, S. 38

Postdigital 2

Erscheinungsformen und Ausbreitung eines Phänomens

herausgegeben von Franz Thalmair

Beschäftigte sich Peter Weibel in der Ausstellung „Postmediale Kondition“ in der Neuen Galerie in Graz vor zehn Jahren noch vorsichtig mit der Frage, ob die Aus- und Nachwirkungen der neuen­ auf die alten Medien erfolgreicher sind als die Kunstwerke, die unter dem Label „Neue Medien“ hervorgebracht wurden, so fällt eine Antwort darauf aus jetziger Sicht eindeutig positiv aus. Wer heute immer noch von „Neuen Medien“ spricht, berichtet von längst vergangenen Zeiten. Mit dem­ KUNSTFORUM-Themenband Postdigital 2 gilt es vor allem jene Effekte und Spuren zu thematisieren, die die früher mit dem Attribut „neu“ gekennzeichneten künstlerischen Ausdrucksformen bis heute in der bildenden Kunst haben. Darüber ­hinaus stehen auch breitere gesellschaftliche Felder­ im Zentrum des Interesses sowie die Art und Weise wie sich die Effekte ausbreiten. Anders als in Lev Manovichs Gegenüberstellung von „Duchamp-Land“ und „Turing-Land“, zwei Begriffe, mit denen der Autor bereits im Jahr 1996 den Gegensatz von traditioneller bildender Kunst und so genannter Neuer Medien Kunst beschrieben hat, wird im ­vorliegenden Themenband gerade diese Unterscheidung in Frage gestellt, da die Kategorien „digital“ und „analog“ ­irrelevant geworden sind.  

In diesem Zusammenhang attestiert Josephine Bosma in „Post-Screen“ dem Computer höchste Anpassungsfähigkeit an die Bedingungen seines Gebrauchs. Mit Rückgriff auf netzkünstlerische Handlungsfelder der 1990er-Jahre und ohne die Materialität von Computercode außer Acht zu lassen, argumentiert die Autorin, dass „Software die größte Triebkraft in der gegenwärtigen Ökonomie und Kultur ist und dass Programmierkenntnisse genauso wichtig sind wie die Fähigkeit zu Lesen und Schreiben.“ Software sei undurchsichtig in Hinblick auf ihre Form, durchdringe aber alle Geräte.  

Parallel dazu stellt Christian Höller im Essay „Scan Scroll Surf“, in dem er aktuelle Tendenzen in der Videoproduktion behandelt, folgendes zur postdigitalen Bedingung von Kunst fest: „Digitalität [...] ist zu einer Grundvoraussetzung geworden; es lässt sich schlichtweg nicht mehr hinter den ‚status digitalis‘ zurückgehen; es ist, so radikal es klingen mag, kein unverstellter, prä-digitaler Zustand mehr greifbar, zumindest nicht ohne dass ein der Digitalkultur selbst entstammender Filter dazwischen geschoben wäre.“ Dabei postuliert Höller die Re-Mediation als bestimmendes Prinzip und Verfahren. Im Zentrum Alessandro Ludovicos Essay „Connectedprint“ steht das analoge Veröffentlichungswesen („Publishing“), dessen Hybridisierung durch Software und Netzwerke eine strategisch Rolle in der Wiederaneignung von Content-Infrastrukturen zukommt. „Netzwerke“, so der Autor und Herausgeber des Magazins Neural, „dienen der Distribution von und dem Zugang zu Inhalten. Heutzutage halten wir diese Aspekte für selbstverständlich, weil sie ständig auf unseren Bildschirmen präsent sind, passiv im Hintergrund.“  

Im Anschluss an Ludovicos Reflexionen über den Prozess des Publizierens steht in „Totgesagte leben länger“ von Franz Thalmair das gedruckt Buch als postdigitales Medium zur Disposition. Es wird einem Diskurs nachgegangen, der hybride, prozessuale und performative Methoden und Strategien des digitalen Publizierens analysiert, um sie in den althergebrachten Zusammenhang des gedruckten Buchs zurückzuführen und dort, an ihrem Ursprung, neu zu diskutieren.  

Ergänzt werden die Essays mit einem literarischen Text von Kenneth Goldsmith. In „Easy is the New Difficult“ behauptet der Schriftsteller und Betreiber des im Netz verfügbaren Avantgarde-Archivs Ubuweb: „Die Utopie des Einfachen ist das zukünftige Internet. Nicht das, welches wir heute haben, sondern eines, das auch wirklich funktioniert.“ Darüber hinaus erweitern Gespräche mit KünstlerInnen den Themenband: Der Schwede Jonas Lund erfindet absurde digitale Lösungen, um mit seinen Arbeiten die ebenso absurde analoge Kunstwelt zu reflektieren. Die Filmemacherin Jesse McLean legt ein spezifisches Verständnis von „Found Footage“ an ihre Produktion an, indem sie mit allerlei „Treibgut“ aus dem Internet arbeitet. Das Brüsseler Kollektiv Constant setzt sich anhand des Publizierens im Netz mit Themen wie kollaborativer Arbeit, Netzwerk- und Softwareinfrastrukturen, experimentellen Archiven und Copyrights auseinander. Die Österreicherin Agnes Fuchs untersucht den visuellen Kontext technologischer Instrumentarien an der Schnittstelle von analogen und digitalen Welten und schließt auf diese Weise mit ihrer Malerei am postdigitalen Diskurs an.  

Lesen Sie diesen und alle weiteren Artikel der Ausgabe sowie alle Inhalte der bisher 244 erschienen Bände im KUNSTFORUM Probe-Abo. Mehr erfahren

Wenn Sie bereits Abonnent sind, loggen Sie sich hier ein: Anmelden

Autor
Franz Thalmair

* 1976 , Wels, Österreich

weitere Artikel von ...

Weitere Personen
Josephine Bosma

weitere Artikel zu ...

Agnes Fuchs

* 1965, Wien, Österreich

weitere Artikel zu ...

Kenneth Goldsmith

* 1961, Verein. Staaten

weitere Artikel zu ...

Christian Höller

* 1966, Österreich

weitere Artikel zu ...

Alessandro Ludovico

* 1969

weitere Artikel zu ...

Jonas Lund

* 1984, Linköping, Schweden

weitere Artikel zu ...

Lev Manovich

* 1960, Moskau, Rußland

weitere Artikel zu ...

Peter Weibel

* 1944, Odessa, Ukraine

weitere Artikel zu ...