Band 242, 2016, Essay, S. 342

Der Schriftsteller als Künstler und Kurator

Michel Houellebecqs Auftritt im Pariser Palais de Tokyo wirft Fragen auf

von Amine Haase

„Le monde est une souffrance déployée“
(Die Welt ist ein ausgebreitetes Leid)
Michel Houellebecq, „Rester Vivant“, 1991
 

Sich Künstler nennen zu dürfen, muss wohl noch immer äußerst begehrenswert sein – trotz der Dauer-Inflationsgefahr durch das zum Slogan verkommene verstümmelte Beuys-Zitat „Jeder Mensch ein Künstler“. Würde sonst ein Star unter den zeitgenössischen Schriftstellern versuchen, als Künstler aufzutreten? Das aber tut derzeit mit wahrem Furor Michel Houellebecq, Poet, Essayist, Filmer, Sänger und Autor so viel diskutierter Bücher wie „Extension du domaine de la lutte“ (1994, Ausweitung der Kampfzone), „Les particules élémentaires“ (1998, Elementarteilchen), „Plateforme“ (2001), „La possibilité d’une île“ (2005, Die Möglichkeit einer Insel), „La carte et le territoire“ (2010, Karte und Gebiet) und, 2015, „Soumission“ (Unterwerfung).  

Auf der Manifesta 11 in Zürich (sh. Kunstforum Band 241) und im Pariser Palais de Tokyo steht der Sechzigjährige jetzt auf der Liste der bildenden Künstler. Die Manifesta-Organisatoren hatten Houellebecq eigentlich als Katalog-Autor anheuern wollen; der aber zog eine „künstlerische“ Beteiligung vor. Sein Beitrag, die Resultate eines medizinischen Check-up, ist ohne Anführungsstriche wohl kaum als Kunst – oder Anti-Kunst – einzuordnen. Im Palais de Tokyo hat Hausherr Jean de Loisy dem Schriftsteller 2000 Quadratmeter zur Verfügung gestellt, den Löwenanteil des Kunstpalasts, der diesen Sommer die „Saison happy sapiens“ mit insgesamt einem halben Dutzend Ausstellungen feiert. Und Houellebecq durfte seinen Auftritt selber arrangieren, das heißt vor allem seine Fotografien sowie einige Filmausschnitte, etwas Gesang, ein paar Arbeiten von Freunden (Robert Combas, Renaud Marchand, Iggy Pop) wie einen Sammelband seiner Schriften zusammenstellen: Der Schriftsteller als Künstler und Kurator – allerdings „happy“, also glücklich, ist dieser homo sapiens wohl eher nicht, traut man seinem Abbild der Welt.  

Ein Ort der Experimente

Der Palais de Tokyo ist ein Ort, an dem der „Wille zur Kunst“ auf den Prüfstand gestellt wird und stets zur Diskussion über den Stand der Kunst-Dinge anregt. Jean de Loisy, der offizielle Kurator der Houellebecq-Schau, schildert den Gang durch die achtzehn Räume als „Roman, den der Besucher in seinem Kopf schaffen wird, begleitet von Bildern und Tönen“. Und der Künstler/Autor beschreibt die Säle als „Aufeinanderfolge von Kapiteln“. Der Leiter des Pariser Palais de Tokyo lotet in seinem Haus schon eine Weile die Möglichkeiten der Grenzziehungen aus und steckt die Pfähle der Kunst-Definition immer weiter. Im vergangenen Jahr war die Ausstellung „Le bord des mondes“ (Der Rand der Welten, sh. Kunstforum Band 232) ein wunderbares Spielfeld für grenzüberschreitende Kreativität. Sie barg allerdings die Gefahr, den inzwischen fast alles absorbierenden Kunstbegriff noch mehr auszuweiten.  

Jetzt sorgt also ein zum Künstler stilisierter Schriftsteller für weitere Verwirrung. Wird das der Kunst, ihrer Präsentation, ihrer Begriffsklärung gut tun? Kaum. Gewiss aber dem schreibenden Star, der in Interviews erklärt, wie sehr ihm diese vergleichsweise „leichte“ Kunst-Übung gefiel. Er betont die Freude an der „ästhetischen“ Seite dieser neuen Aufgabe, aber die scheint für ihn allein im Ablauf der Bild-Erzählung zu liegen, im Arrangement der Räume, nicht aber in der Form der einzelnen Beiträge. Da macht sich bei seinen Fotos eine Nachlässigkeit bemerkbar, die dem Leser seiner Romane als jenes „n’importe quoi“ – eine Beliebigkeit der Konstruktionen und Gleichgültigkeit bei Formulierungen – vertraut ist, und das oft als distanzierter Stil eines gnadenlosen Beobachters und kalten Sezierers gelobt wird.  

Houellebecq ist nicht der erste Schriftsteller, der im Palais de Tokyo auftritt. So war 2013 Raymond Roussel eine Ausstellung gewidmet, und 2015 hat Jean-Michel Alberola dem Erfinder des „Giorno Poetry Systems“, dem Performer und Filmer John Giorno, eine große Schau eingerichtet. Die Liste der malenden und zeichnende Schriftsteller ist lang: Goethe und Victor Hugo, Adalbert Stifter und Strindberg, Hermann Hesse und Rabindranath Tagore, nicht zu vergessen Doppeltalente wie William Blake, Cocteau oder die Dada-Künstler. Es gab Ausstellungen zu dem Thema und Bücher. Derzeit widmet zum Bespiel das Pariser Centre Pompidou der „Beat Generation“ – mit den Schriftstellern Ginsberg, Kerouac, Burroughs – eine sehenswerte Übersicht, allerdings als vielseitig visuelle Dokumentation (bis zum 3.10.2016). Oder Arno Schmidt, dessen Fotos in der Parallelität zu seinen Romanen eventuell mit Houellebecqs Doppel-Kreativität vergleichbar wäre: er hätte sich nach dem Ausstellen seiner Schnappschüsse menschenleerer Landschaften wohl kaum als Künstler bezeichnet.  

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Autor
Amine Haase

* , Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Michel Houellebecq

* 1958, La Réunion, Frankreich

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Weitere Personen
William Blake

* 1757, London, Grossbritanien; † 1827 in London, Grossbritanien

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Jean Cocteau

* 1889, Maisons-Lafitte, Frankreich; † 1963 in Paris, Frankreich

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Marcel Duchamp

* 1887, Blainville-Crevon, Frankreich; † 1968 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich

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Victor Hugo

* 1802, Besançon, Frankreich; † 1885 in Paris, Frankreich

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Jean de Loisy

* 1957, Frankreich

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Raymond Roussel

* 1877, Paris, Frankreich; † 1933 in Palermo, Italien

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Arno Schmidt

* 1914, Hamburg, Deutschland; † 1979 in Celle, Deutschland

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Adalbert Stifter

* 1805, Oberplan, Tschechische Rep.; † 1868 in Linz, Österreich

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