Band 242, 2016, Titel: postdigital 1, S. 122

Hito Steyerl

„Die Realität hat sich erweitert, und ich folge ihr“

Ein Gespräch von Katja Kwastek

Hito Steyerls Videos und Texte bieten scharfsinnige Analysen der gegenwärtigen Gesellschaft. Die Künstlerin beschäftigt sich mit globalen Finanz- und Warenflüssen, mit Arbeitsverhältnissen im Neoliberalismus, und sie übt Institutionskritik, die weit über die Institution des Museums hinausgeht. Sie spürt visuellen Regimen nach und reflektiert die Macht der Bilder, als Medien unserer Weltwahrnehmung und als Träger und Strukturgeber von Informationen.  

In Steyerls jüngeren Arbeiten spielen digitale Technologien oft eine zentrale Rolle. Dies gilt nicht nur für deren formale Realisierung, die in zunehmendem Maße auf digitaler Postproduktion beruht, sondern auch hinsichtlich der Themen der Filme. Digitale Informationsflüsse sind in Steyerls Videos aktive Agenten, nicht nur in physikalischen, sondern auch in gesellschaftlichen und sozialen Prozessen.  

Trotz des deutlich essayistischen Charakters ihrer Filme, sieht sich Steyerl als Dokumentaristin. Die Realität sei durch digitale Technologien erweitert worden, so Steyerl im folgenden Gespräch, und sie folge ihr. Mit einem sicheren Gefühl für Bildschnitt und Rhythmus schafft die Künstlerin mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit immersive, aber keineswegs bruchlose Montagen aus Computeranimationen, Screenshots, Found Footage aus den Massenmedien, und selbst gedrehten Szenen.  

Katja Kwastek: In Deinem Video „How Not to be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File“ (2013) inszenierst Du Transformationen vom Digitalen zum Materiellen, und anders herum. Da gibt es Pixel, denen Du menschliche Eigenschaften zuschreibst oder „Render Ghosts“, die als Personifikationen von marginalisierten Bevölkerungsgruppen dienen. Die Verschmelzung von digitalen Technologien mit unserer materiellen Umwelt ist auch einer der zentralen Aspekte, den der Begriff des Postdigitalen zu beschreiben sucht. Beschreibt das Video eine postdigitale Situation?  

Hito Steyerl: Ich versuche alle Begriffe zu vermeiden, die „post-“ dabei stehen haben, weil mir die Bedeutung dieses Präfixes unklar ist.  

Die Parallelisierung von digitalen mit gesellschaftlichen Prozessen ist Teil Deiner Praxis. Du arbeitest häufig mit der vergleichenden Gegenüberstellung bestimmter Phänomene oder verschiedener historischer Momente. In Deinem Essay „Is the Museum a Factory“ geht es um den Trend, zeitgenössische Museen in ausgedienten Fabriken einzurichten, im Video „Guards“ (2012) zeigst Du Museumswärter, die Überwachungsstrategien des Militär anwenden, in „Liquidity Inc.“ (2014) dient Wasser als Metapher für das Gebot finanzieller und persönlicher Mobilität. Was interessiert Dich an solchen Übertragungen?  

Ich arbeite immer wieder mit Begriffen, die sehr weitläufig sind und viele widersprechende Bedeutungen haben. Freuds Arbeit über den Witz ist in dieser Hinsicht wichtig, weil sie ganz deutlich beschreibt, dass ein Witz niemals nur ein Witz ist. Er beschreibt eine Art Bruchstelle, wo bestimmte Begriffe oder Situationen anfangen auseinander zu klaffen und wo sich gesellschaftliche Spannungen manifestieren. Der Witz ist vielleicht lustig, aber er zeigt immer auch ein Ausrutschen innerhalb der Sprache, er zeigt den Punkt, an dem Sprache nicht mehr zu bändigen ist, ausbricht, nicht mehr genau den Regeln folgt, denen sie folgen soll. Und das interessiert mich an diesen ganzen Homophonien und Gleichklängen, weil das immer Orte sind, an denen feste Bedeutungen zu bröckeln beginnen oder für einen Moment auseinander klaffen. Sprache ist selbst wesentlich schlauer, als jeder, der sie verwendet. Sie kann durch Alliterationen, durch Klänge, durch Aspekte, die sich der reinen Bedeutungsproduktion entziehen, näher an den Dingen dran sein, als man sich das in rationalen Kategorien vorstellt. Es gibt einen magischen Aspekt der Sprache, der mich fasziniert.  

Gibt es diesen magischen Aspekt auch in Bildern?  

Ja klar, es gibt einen magischen Aspekt an Bildern und das hat sich in den letzten Jahrzehnten noch wesentlich verstärkt. Bilder erzeugen Ereignisse. Sie bringen sie hervor.  

In „How Not to be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File“ benutzt Du den Witz aber auch, um zu überzeichnen. Menschen hopsen nicht als Pixel herum …  

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Autor
Katja Kwastek

* 1970 , Münster, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Hito Steyerl

* 1966, München, Deutschland

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