Band 241, 2016, Ausstellungen: Riga, S. 375

Thomas W. Kuhn

Wahlverwandtschaften

»Deutsche Kunst der letzten sechs Jahrzehnte «

Latvijas Nacionalais makslas muzejs/Arsenals, Riga 17.6. – 21.8.2016

Überblicksausstellungen gehören zu den großen Herausforderungen des Metiers. Anders als bei Gruppenausstellungen mit offen formulierten Themen, die im Zweifelsfall beliebig bestückt werden können, fällt hier schnell der kritische Blick auf die Auswahl der Künstler und ihrer Werke. Und eine solche Ausstellung bleibt auch dann an ihrem im Titel behaupteten Anspruch zu messen, wenn die Vorbereitungszeit, wie in diesem Fall mit neun Monaten, kurz war.  

Die Kürze der Zeit nötigt im Fall der Rigaer Schau dennoch grundsätzlich Respekt ab, den sich der Kurator Mark Gisbourne mit dem Team des Lettischen Nationalmuseums für Kunst teilen kann. 74 Werke von 54 Künstlern mussten in kurzer Zeit ausgewählt und entliehen werden. Und da erstaunt auch nicht, das Künstler, Privatsammler und Galerien das Gros der Leihgeber stellen, benötigen Sammlungen in öffentlicher Hand aus bürokratischen Gründen in der Regel einen längeren Vorlauf. Die Auswahl selbst versammelt im Großen und Ganzen repräsentative und zum Teil selten öffentlich gezeigte Einzelwerke. Allen voran stehen die Galionsfiguren mit internationaler Präsenz, von Gerhard Richter bis Georg Baselitz, von Anselm Reyle bis Jonathan Meese, von Andreas Gursky bis Neo Rauch. Und da sich in Riga bislang nur wenige Ausstellungen der neueren deutschen Kunst widmeten – besonders zu erwähnen ist die Ausstellung "Interferenzen" mit Kunst aus West-Berlin, die 1991 stattfand – handelt es sich per se um eine informative Schau für das lettische Kunstpublikum. Kuratorin Astrīda Rogule betonte darüber hinaus die guten Chancen für eine positive Rezeption der Ausstellung auf Grund der gemeinsamen deutsch-lettischen Geschichte und den Gemeinsamkeiten in der Mentalität.  

Diese Bemerkung öffnet auch den Blick auf die mehr als nur kulturelle Relevanz dieser Ausstellung, die im Übrigen durch das in Riga ansässige Unternehmen Forta Medical initiiert und finanziert wurde. Obwohl auch das deutsch-lettische Verhältnis historisch durch die NS-Zeit belastet ist, versteht sich die Ausstellung als ein symbolischer Brückenschlag nach Deutschland. Ein Gala-Diner im Nationalmuseum und die Anwesenheit des lettischen Präsidenten Raimonds Vējonis zur Eröffnung zementieren diesen Eindruck der Kulturarbeit im Dienste der Politik. In Zeiten eines europaweit grassierenden Nationalismus, der nicht selten Ängste vor einer deutschen Hegemonie beschwört, ist diese Aktualisierung einer historischen "Wahlverwandtschaft" alles andere als trivial. Auch die zeitliche Koinzidenz mit der Wahl des 1. Preises für den Entwurf eines neu zu errichtenden Museums für zeitgenössische Kunst in einem neuen Rigaer Stadtviertel ist kein Zufall und gehört in den unmittelbaren Kontext der Ausstellung. Der in Berlin lebende lettische Kunsthistoriker Kaspars Vanags, der das Projekt begleitet, verwies dabei nicht nur auf die Chance zur Förderung der jungen lettischen Kunstszene, sondern auf ein damit einher gehendes kreatives Potenzial, das auch auf das ökonomische Milieu dieser "New Hanza City" ausstrahlen soll.  

Die Schau von Mark Gisbourne ist streng genommen eine Ausstellung deutscher Malerei, wenn auch der Videoinstallation "Ship of Fools" von Julian Rosefeldt im Eingangsbereich der externen Ausstellungshalle des Museums ein zentraler Platz zugewiesen wird. Dessen Nationalismusstudie wird konterkariert durch eine Skulptur von Markus Oehlen. Sein "Wunderbrot II" garantiert eine Prise Humor, die sich allenthalben als Antidot zum deutschen Ernst durch die Ausstellung zieht.  

Unter vier Leitthemen gruppiert folgen die sehr dicht präsentierten Werke in den folgenden Räumen des ehemaligen Arsenals. Der Kurator bleibt sich dabei bewusst, das mehr als ein Werk gleich unter mehreren Themen gezeigt werden könnte. Die vier wesentlichen Orientierungspunkte sind für ihn die Auseinandersetzung der deutschen Kunst mit der eigenen Landesgeschichte, der individualistisch-subjektive Ausdruck in Fortwirkung des Expressionismus, neuere konzeptuell-abstrakte Tendenzen und die kritische Selbstbefragung der Kunst und ihrer Parameter. Mark Gisbourne stellt die Werke in der Folge diachronisch zusammen, im Bemühen, die Generationen übergreifenden Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Im Resultat führt dieses Verfahren, auf das er den Begriff der Wahlverwandtschaften bezieht und fruchtbar macht, zu zahlreichen äußerst ungewöhnlichen Kombination. Hanne Darboven steht neben Jorinde Voigt, Gerhard Richter neben Martin Kobe oder Imi Knoebel neben Thomas Scheibitz. Dieses kunstgeschichtlich bewährte Verfahren des Vergleichs nimmt erhebliche ästhetische Dissonanzen in Kauf, die gewohnte Sehweisen sprengen.  

Auch bei der Interpretation von Motiven überrascht Mark Gisbourne. Im "Schwarzen Vogel" Bernd Koberlings von 1982 erkennt er den Adler als Wappentier des deutschen Staats, auch wenn die Silhouette stark auf einen Kormoran hindeutet. Vielleicht ist hier der Blick auch ein wenig geleitet von den eindeutigeren "Germanismen" bei Anselm Kiefer ("Dem unbekannten Maler") oder K.H. Hödickes "Sturm auf das Brandenburger Tor".  

Es wäre zu diskutieren, in weit dieser Blick auf die deutsche Kunst auch durch eine spezifisch englische Perspektive bestimmt ist. Hier zeigen sich, wie in Frankreich unter dem anhaltendem Eindruck der Texte Madame de Staëls, nach wie vor kulturelle Rezeptions- und Interpretationsschemata wirksam, die in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Ausprägung fanden. Wenn Mark Gisbourne also mit dem Goethe entliehenen Schlüsselbegriff der "Wahlverwandtschaften" auf der Fährte Sigmar Polkes kulturhistorisch seinen Bogen bis zu den deutschen Alchimisten und Mystikern des Mittelalters schlägt, so spannt er ihn weit. So treffen Werke von Gursky, Baselitz und Beuys, unter der alles im Herzen vereinenden Kraft einer pantheistischen deutschen Romantik, ähnlich plausibel zusammen, wie andernorts Nähmaschinen und Regenschirme.  

Die englische Perspektive mag auch erklären, warum Mark Gisbourne seinen Rückblick auf die deutsche Kunst erst mit Joseph Beuys Mitte der 1960er Jahre beginnt. "Die deutsche Nachkriegszeit (1945-1960) stand weitgehend unter dem Einfluss internationaler expressiver Quellen außerhalb Deutschlands" schreibt er im Katalog. Ohne die internationalen Verbindungen der deutschen Kunst in der Nachkriegszeit zu leugnen darf dieser These prinzipiell widersprochen werden unter Hinweis auf das Œuevre von E.W. Nay, Fritz Winter, Willy Baumeister, Norbert Kricke, Julius Bissier oder Rupprecht Geiger. Es handelt sich übrigens auch um keine reine Formalisten. So überspringt Mark Gisbourne auch die großen Leistungen seines Landsmanns John Anthony Thwaites, der sich seinerzeit intensiv als Kunstkritiker für die internationale Rezeption der deutschen Nachkriegskunst einsetzte.  

Die Bedeutung der Frauen in der deutschen Kunst wird immerhin angedeutet. Sie stehen zu zehnt 44 Männern gegenüber. Mark Gisbourne verweist selbst auf die lang währende Diskriminierung von Frauen im Kunstbetrieb und entdeckt vor allem in der Malerei bis heute eine "Tendenz zum männlichen Chauvinismus". Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis wären jenseits von Katharina Grosse weitere Malerinnen als Teilnehmerinnen dieser Schau wünschenswert gewesen. Es gibt sie. Man wird da nicht alles mit Platzmangel begründen können. Der Ausstellung wäre auch eine größere Bandbreite an Formaten, malerischen und grafischen Techniken der Ausstellung zu Gute gekommen, die sich im Großformat zu verlieren droht. Gerade die Künstlerinnen setzen starke Akzente wie die prominent präsentierte Installation "Einfallendes Licht" von Sabine Hornig von 2015 oder die fünfteilige Fotoserie von Christiane Möbus aus 1971/72. Gleiches gilt für die Skulptur "Doktor" von Katharina Fritsch und der Arbeit "Sun of a Preacher Man" von Rosemarie Trockel. Aber wo sind Rebecca Horn oder Isa Genzken? Wenn es der Ausstellung gelingt, trotz gewisser Exzentrizität, die Neugierde auf deutsche Kunst in Lettland zu vertiefen, dann können und müssen zukünftige Projekte diese Lücken schließen.  

Katalog: Latvijas Nacionālāis mākslas muzejs (Hg.), Gara radinieki / Elective Affinities / Wahlverwandtschaften, mit Texten von Mark Gisbourne, Ojārs Spārītis, Christoph Tannert, in Deutsch, Englisch u. Lettisch, 148 S., 89. Abb., Berlin/Bielefeld 2016, 40 €, ISBN 978-3-7356-0258-9

Autor
Thomas W. Kuhn

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Mark Gisbourne

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Weitere Personen
Georg Baselitz

* 1938, Deutschbaselitz, Deutschland

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Joseph Beuys

* 1921, Krefeld, Deutschland; † 1986 in Düsseldorf, Deutschland

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Hanne Darboven

* 1941, München, Deutschland; † 2009 in Hamburg, Deutschland

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Katharina Fritsch

* 1956, Essen, Deutschland

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Katharina Grosse

* 1961, Freiburg, Deutschland

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Andreas Gursky

* 1955, Leipzig, Deutschland

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Sabine Hornig

* 1964, Pforzheim, Deutschland

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Anselm Kiefer

* 1945, Donaueschingen, Deutschland

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Imi Knoebel

* 1940, Dessau, Deutschland

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Martin Kobe

* 1973, Dresden, Deutschland

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Bernd Koberling

* 1938, Berlin, Deutschland

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Norbert Kricke

* 1922, Düsseldorf, Deutschland; † 1984 in Düsseldorf, Deutschland

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Jonathan Meese

* 1970, Tokio, Japan

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Christiane Möbus

* 1947, Celle, Deutschland

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Markus Oehlen

* 1956, Krefeld, Deutschland

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Sigmar Polke

* 1941, Oels, Polen; † 2010 in Köln, Deutschland

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Neo Rauch

* 1960, Leipzig, Deutschland

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Anselm Reyle

* 1970, Tübingen, Deutschland

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Gerhard Richter

* 1932, Dresden, Deutschland

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Astrīda Rogule

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Julian Rosefeldt

* 1965, München, Deutschland

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Thomas Scheibitz

* 1968, Radeberg, Deutschland

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Rosemarie Trockel

* 1952, Schwerte, Deutschland

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Jorinde Voigt

* 1977, Frankfurt, Deutschland

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Fritz Winter

* 1905, Altenbögge, Deutschland; † 1976 in Herrsching, Deutschland

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