Band 241, 2016, Titel: Künstler als Kuratoren: 9. Berlin Biennale, S. 264

Cécile B. Evans

Was das Herz will

Cécile B. Evans, 1983 in Cleveland, USA, geboren, lebt heute in London und Berlin. In ihren Installationen, Videos, Skulpturen, Performances und auf Online-Plattformen befasst sie sich mit den Formen des Austauschs zwischen Mensch und Maschine und deren Folgen für die menschliche Existenz.  

 

Heinz-Norbert Jocks: Die Thematik deiner Video-Iinstallation beruht darauf, was es heißt, menschlich zu sein.  

CÉCILE B. EVANS: Ja, wir leben heute in einer Zeit, in der Entscheidungen gefällt werden, angefangen mit den großen globalen bis hin zu den Werkzeugen des täglichen Lebens, die darauf Einfluss nehmen, wer heute ein Mensch ist und wer morgen noch als solcher angesehen wird. So wird in der Flüchtlingskrise darüber befunden, welche Ethnie oder Nationalität den Status als „Flüchtling“ erhält und wer als „Migrant“ eingestuft wird. Daraus wird abgeleitet, wer Anspruch auf humanitäre Hilfe hat. In technologischem Sinn kann dies so etwas Einfaches wie eine Gesichtserkennungssoftware sein, die anhand einer Abfolge von Vorgaben in der Software eindeutig definiert, was genau ein Gesicht ist. Wie die Nase aussehen kann? Welche Augenformen es gibt? Es gibt viele Beispiele innerhalb der diversen Gesellschaftsarten, die auf heute fallende Entscheidungen hindeuten, die radikal unser Verständnis davon verändern, wen wir zukünftig als Mensch bezeichnen. In einem komplexeren Sinn werden unsere Gefühle und Handlungen durch Kanäle wie Benutzeroberflächen oder Internet geschleust, die zunehmend strengeren Rahmenbedingungen unterliegen. Zugleich wird uns suggeriert, wir seien noch niemals so frei in unserer Auswahl gewesen wie heute. Dieser Zwiespalt erscheint mir irrsinnig.  

In unserem ersten Gespräch in Berlin war auch vom Stand unserer Gefühle unter den Bedingungen der vom Internet geprägten Gegenwart die Rede. Mitunter erzähltest du, du hättest noch gelernt, Schreibmaschine zu schreiben, dich dann aber plötzlich mit der neuen Ära der Digitalisierung der Welt und des Lebens konfrontiert gesehen. Von daher gehörst du der Generation des Dazwischen an. Du erwähntest Hannah Arendt, für die das Böse nicht nur schlecht ist.  

Richtig, es kann nicht nur schlecht sein, sonst würden wir uns nicht dazu ermuntern lassen, daran zu partizipieren. Einige dieser technischen Fortschritte werden unsere Ansicht radikal verändern, wen wir als Menschen ansehen, bzw. wem wir menschliche Eigenschaften zuschreiben. Viel von dem, was in den letzten zehn bis zwanzig Jahren passiert ist, kann als eine neue Horizonte menschlichen Selbstbewusstseins eröffnende Errungenschaft bezeichnet werden. Ich stehe den neuen technischen Systemen äußerst kritisch gegenüber, gerade weil ich zu einem großen Teil an sie glaube. Wie schon gesagt, als ich klein war, habe ich das Tippen auf einer Schreibmaschine gelernt, bevor ich eine Computertastatur kannte. Damals konnte man sich noch für oder gegen den Computer entscheiden. Später wurden Entscheidungen über unseren Kopf hinweg getroffen, angeblich im Interesse eines „übergeordneten Wohls“ der Menschen und des uns angeblich nützenden Informationsflusses. Wie wir es schon bei großen Systemen wie Demokratie oder Kapitalismus beobachten konnten, ist dies nicht zwangsläufig der Fall. Heute zu leben, ist ein emotionales Erlebnis. Die Gefühle sind meines Erachtens direkt mit den sie verursachenden Mechanismen verknüpft. Keine Ahnung, was sich aus dem, was derzeit vor sich geht, ergeben wird und was wir tun sollten. Das gerade treibt mich dazu, diesen Raum zu erforschen. Die Stärke der 9. Berlin Biennale besteht darin, dass sie endlich akzeptiert, dass wir alle an diesen aufkommenden Systemen teilhaben und nicht mehr in der alten, tröstlichen Dualität von „gut“ und „schlecht“ verharren. In meinen Forschungen tauchte immer wieder die eine Frage auf: Würdest du etwas Schlechtes tun, wenn du dächtest, die Dinge würden dadurch besser?  

Was für eigene Erfahrungen hast du bezüglich der Frage gemacht, was es heißt, menschlich oder Mensch zu sein. In dem Zusammenhang hast du mir von deinem ersten Tag an der Universität erzählt. Es war ausgerechnet der legendäre 9/11 in New York. Kurz, nachdem dein Vater dich dort abgesetzt hatte, sahst du mit eigenen Augen das erste, wie ein tödlicher Pfeil in den Tower einschlagende Flugzeug. Später, als die Medien in ewiger Wiederholung die traumatisierenden Bilder des tragischen Ereignisses brachten, bewirkte dies bei oder in dir eine Verwirrung, insofern du nicht mehr zwischen dem von dir real Gesehenen und dem medial Vermittelten unterscheiden konntest.  

Ich verstehe nicht, was Menschsein heißt. Es ereignet sich so Vieles, was eher für die Unmöglichkeit spricht, ein Mensch zu sein. Die Erfahrung ist eine eher unmenschliche. Meine Wirklichkeit ist zutiefst vom digitalen Bild geprägt. Wie du sagst, war mein erster Tag an der Universität, übrigens mein erster als unabhängiger Erwachsener, der 11. September 2001. Ich war Zeuge, wie das Flugzeug in das Gebäude krachte, und dessen, was in den darauffolgenden Jahren stattfand. Es löst bei mir Bestürzung aus, wie die Medien darauf insistierten, wieder und wieder die Bilder und Einzelheiten des Anschlags zirkulieren zu lassen, die oft von Zeugen vor Ort stammten, von Menschen, die sich zufällig auf der Straße befanden. Ich fing an, einige der Bilder wie das von dem fallenden Mann, auf das sich mein Videofilm „What the Heart Wants” bezieht, mit den vom mir selbst in Echtzeit erlebten zu verwechseln. Erst seit kurzem bin ich in der Lage, diese auseinanderzuhalten. Die nach den Ereignissen wahrgenommenen Bilder, zu einem Gefäß geworden, waren in vielerlei Hinsicht für das Trauma verantwortlich.  

Mein Eindruck ist, dass wir keine wahren Empfindungen angesichts der Informationsmasse und ewigen Wiederholung gleicher Bilder haben. Es brennt sich unvergesslich in unser Gedächtnis ein, ohne unmittelbare Gefühle auszulösen. Dadurch, dass du die Videoarbeit in einem mit Wasser gefüllten Raum geschaffen hast, kommt die Realität ins Spiel. Am Tag der Vernissage ist prompt ein Besucher ins Wasser gefallen. Dadurch wird evident, dass Kunst für dich nicht nur der Ausdruck von etwas Imaginärem, sondern etwas Reales ist. Was ist deine Idee von Kunst.  

Ich wollte, dass das Video und die Skulpturen in einem größeren System existieren, in etwas Realem. Ein Gewässer ist beides. Das den Raum ausfüllende Wasser ist unbestreitbar real, etwas, das die Besucher zu überraschen scheint. Mich frappiert, wie häufig Kunst als Kontrast zur Wirklichkeit definiert wird. Das erinnert mich daran, wie viel Technik als virtuell oder als Magie behandelt wird. Allerdings gibt es eine gewisse Magie im Erleben von Technik und Kunst, und die Arbeit macht darauf aufmerksam: Verdammt, es ist wirklich real! Unsere Körper, unsere Geografie, unsere physische Welt sind Teil der digitalen Welt. Es gibt nichts Immaterielles, alles ist real.  

Autor
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Wichtige Personen in diesem Artikel
Cécile B. Evans

* 1983, Verein. Staaten

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Biennalen
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D – Berlin

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