Band 241, 2016, Titel: Künstler als Kuratoren: 9. Berlin Biennale, S. 232

Simon Fujiwara

Glück für alle

Simon Fujiwara, der 1982 im Londoner Stadtteil Harrow geborene Sohn einer britischen Mutter und eines japanischen Vaters, heute in Berlin lebend, verbrachte seine Kindheit zwischen Japan, England, Spanien und Afrika. Seine zunächst nach Japan gezogene Familie siedelte erst nach Spanien, schließlich nach Cornwall über. Dort entdeckte Simon seine Neigung zur Kunst. Nach einem Studium der Architektur an der Universität von Cambridge wechselte er zur Kunst an die Städelschule in Frankfurt. Dort studierte er von 2005 bis 2008. Seine Werke, darunter Gemälde, Fotografien, Installationen, Filme, Skulpturen, waren bisher in der Londoner Tate Modern, dem Pariser Palais de Tokyo, dem Museum of Modern Art in New York, dem Irish Museum of Modern Art in Dublin und der Tokyo Opera City Art Gallery in Tokyo zu sehen. In Tokyo zeigte er 2016 rasierte Tierfelle. In Brüssel gedachte er der Zeit mit von der Decke hängenden Uhrpendeln und -Ketten. Für Dublin schuf er eine an Hollywood erinnernde multimediale Biografie des irischen Freiheitskämpfers Roger Casement und für die Tate St. Ives aus der Fantasie die von seinen Eltern in Spanien betriebene Hotelbar. Anlässlich der Berlin Biennale präsentiert er den Puder und die um den Faktor 1000 vergrößerten Hautpigmente der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Seine Kunst begreift er als eine Mischung aus Politik, Architektur und seiner eigenen Biografie.  

Heinz-Norbert Jocks: Was hat es mit dem Titel deiner Installation „Happy Museum“ auf sich?  

SIMON FUJIWARA: Sie ist im Austausch mit Daniel, meinem Bruder entstanden, der, nachdem er am King's College als Forscher gearbeitet hatte, als Ökonom in London seine Beratungsfirma Simetrica gegründet hat. Mit anderen großen Unternehmen führt er philanthropische Untersuchungen zum Thema „Ökonomie und Glück“ durch. Wir diskutierten darüber, was Glück in Deutschland bedeutet, sowie über dessen Musealisierung, also über die Gestaltung eines „Happy Museums“. Ein Widerspruch schien uns, dass die deutsche Geschichte, und zwar nicht nur vor dem Hintergrund der Nazi-Verbrechen, keine glückliche ist. Wenn man sich ein „Happy Museum“ vorstellt, könnte das mit einer Marketing-Strategie verwechselt werden, die alles Dunkle und Schlechte ausklammert.  

Womit befasst sich dein Bruder?  

Seine Form der Ökonomie ist insofern neu, als dass sie nichts mehr mit der Materialität, sondern mit der immateriellen Kraft des Lebens zu tun hat. Seine Forschungen in Deutschland und speziell in Berlin zielten auf die Einflüsse des Glückszustandes von Menschen in einer Stadt. Dabei erwies sich Glück als ein sehr komplexes Phänomen. Vergleicht man beispielsweise das eigene Leben mit dem eines Menschen im Rollstuhl, so schätzt man die eigenen Lebensumstände plötzlich erheblich mehr als vorher und sieht sich in der Position des Glücklicheren. Die Forschungen meines Bruders ergaben, dass Deutsche nicht allein durch Geld glücklich werden. Es zählen auch Gesundheit, Freunde und Familie. Darin unterscheiden sich die Menschen in Deutschland nicht von denen in England. Doch Deutsche haben mehr Sinn für ökologische und gesellschaftliche Verantwortung, für Fleiß und Vertrauen.  

Was fand dein Bruder noch heraus?  

Wie fließend unsere Qualitäten des Wohlbefindens sind. Wir haben beide festgestellt, wie stark die Immaterialisierung unseres Lebens vorangeschritten ist, was sich daran zeigt, dass es neben Online-Persönlichkeiten auch Umlaufvermögen und fluktuierende Währungen gibt. Obwohl viele Industrien Europa verlassen haben und in Deutschland keine neuen entstehen, verlagert sich die Industrie des Landes nicht in den immateriellen Sektor. Wir sind nach wie vor auf Dinge angewiesen, weshalb wir uns fragten, welche Beziehung wir zu Materialien haben und welche besonders herausragen.  

Wie seid Ihr vorgegangen?  

Mein Bruder gab mir ungefähr fünfzehn für die Deutschen und die Ausländer in Berlin wichtige Themen. Dazu habe ich Objekte gesucht, mit deren Hilfe sich eine installative Materialisierung von Ideen wie sexueller Selbstbestimmung und Redefreiheit realisieren lassen. Dazu hatte ich eine Performance mit einem Halbnackten realisiert, der auf Bodybuilding steht. Diese Aktion fußt auf einer Idee der Lufthansa, die anlässlich des schwul-lesbischen Straßenfestes in Berlin ihre Angestellten mit direkt auf die Haut gemalten Uniformen durch die Straßen ziehen ließ. Für mich war das ein positives Zeichen, weil die Subkultur dadurch normalisiert wird. Ein anderes herausragendes Objekt ist die von Angelika Merkel benutzte Schminke. Vor Jahren habe ich ihre Visagistin kennengelernt, die bei mir im Studio ein Porträt aus dem von der Kanzlerin verwendeten HD-Make-up fabrizierte. Es wird benutzt, weil Fotografen heute HD-Kameras verwenden. Diese pfirsichfarbene Zeichnung vergrößerte ich am Computer auf das Tausendfache, um das Ganze dann rastermäßig in Teile zu zerlegen. Als Bundeskanzlerin, die ihr Land vertritt, muss sie als öffentliche Figur so tadellos wie natürlich aussehen. Da man heute von Politikern nichts anderes als die Oberfläche vorgeführt bekommt, kann man dem Anschein nicht trauen. Das wird dadurch verstärkt, dass die Verwendung von HD-Make-up auf den Aufnahmen einer HD-Kamera nicht mehr sichtbar ist und die fotografierte Person nicht geschminkt, sondern ganz natürlich aussieht. Daran interessieren mich die Wirkung und Möglichkeit des Verschwinden-Könnens oder des Unauffällig-Werdens einer Prominenz. Einerseits erscheint sie vollkommen natürlich, andererseits ist sie Repräsentantin der Supermacht Deutschland, somit eine der Mächtigsten der Welt. Dennoch möchte sie sich eine Privatsphäre bewahren.  

Das heißt, du hast im Rahmen deiner Installation zu Objekten gegriffen, die Deutschland als unsichtbare Macht darstellen.  

Ja, so ist eine 150-teilige Malerei aus dem von Angela Merkel benutzten Make-up entstanden. Diese Serie umfasst ihr gesamtes Gesicht. Man bekommt es nie als Ganzes zu sehen, es lässt sich nur aus Fragmenten rekonstruieren. Die Installation handelt darüber hinaus auch noch von ganz anderen Themen, von der Gegenwart, aber auch von der Zukunft. Man kann nicht auseinanderhalten, ob die ausgestellten Objekte auf eine Erzählung verweisen, auf eine mediale Geschichte oder ob sie eine Wahrheit enthalten. Wir leben in einer Zeit, wo die Mehrheit der Menschen mit der Welt nur über das Internet verbunden ist, wodurch das Materielle an Relevanz eingebüßt hat. Deshalb wollte ich etwas über die Materialien machen.  

Wichtige Personen in diesem Artikel
Simon Fujiwara

* 1982, London, Grossbritanien

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Weitere Personen
Heinz-Norbert Jocks

* 1955, Düsseldorf, Deutschland

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Biennalen
Berlin Biennale

D – Berlin

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